Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

The Aussiebum Experience

2 Kommentare

If you doubt yourself, wear something else…

Ein wenig anmaßend klingt er schon, der Werbespruch des australischen Textilienherstellers Aussiebum. Aber er zielt sehr geschickt auf Kunden, die nicht nur eine gewisses Selbstbewusstsein haben (sollten), sondern auch Körper- und Modebewusstsein. So kitzelt er etwas an der Eitelkeit und dem Bedürfnis nach Exklusivität potentieller Kunden.
Vielleicht haben Sie von dieser Marke noch nie gehört. Das ist gut möglich. Denn die Produkte von Aussiebum tauchen erst langsam im klassischen, stationären Handel auf. Lange Zeit – so habe ich Netz nachgelesen – mussten Kunden direkt in Australien bestellen und sich manchmal über kräftige Zuschläge des Zolls ärgern. Oder sie hatten Glück, denn hin und wieder gab es Aussiebums auch bei ebay. Selten genug, denn hier gilt: Was ich einmal habe, das gebe ich nie wieder her.
Aussiebum ist nach eigenen Angaben (und so bei Wikipedia nachzulesen) der größte australische Wäsche-, Bade- und Strandmodenhersteller. Eine seit einiger Zeit bekannte Kultmarke in der Gay Community, was sicherlich der ausschließlich für Männer produzierten und entsprechend beworbenen sehr figurbetonenden Wäsche geschuldet ist. Die Werbung zeigt junge, gut gebaute Beach-Typen, die am Strand Australiens oder gischtumspült in der Brandung Badehosen präsentieren. Unnötig zu erwähnen, welchen Teil die Kamera besonders in Szene setzt. Wer mag, kann sich den  Spot zu den diversen Kollektionen auf Youtube anschauen…
Seit Aussiebum aber über Retailer wie KaDeWe oder Oberpollinger angeboten wird, ist die Marke ihrer „gay exclusivity“ beraubt. Auch Heteros, die sich trauen, Metrosexuelle allen voran, haben Aussiebum für sich entdeckt. Und irgendwann eben folgt der Rest der Bevölkerung: Männer, die weder Feinripp noch schlabbrige Boxer mögen, bzw. im Schwimmbad keine vollgesogenen schweren Stoffsack-Shorts um die Beine haben wollen. Also die Schwimmer.

AussieBum Squad Swim Trunk Light Blue – kaufen…

Irgendwann habe auch ich sie entdeckt: Die Marke. Hin und wieder stöbere ich durch’s ebay-Land in den Rubriken „Schwimmen“ und „Triathlon“, immer auf der Suche, Beute zu machen, vielleicht doch mal ein günstiger stärkerer Neoprenanzug (deshalb Triathlon), eine Aqua Sphere Seal als Schnäppchen… man weiß ja nie. So stoße ich dort irgendwann auf Aussiebum Badehosen. Nie zuvor gehört. Ich finde sie schauen schon ziemlich cool aus – die Hosen,  die Typen auch, das gebe ich mal unzweideutig zu.
Die erste Speedo, die ich mir im Februar gekauft habe, als ich noch über 10 Kilo mehr auf der Waage hatte, hängt mittlerweile auch etwas schlabbrig an mir. Daher spiele ich mit dem Gedanken, mir auch mal eine Aussiebum zu kaufen. Natürlich sagt mir der Verstand: Nie im Leben schaust Du auch nur annähernd in einer Aussiebum so aus, wie die Models in der Werbung. Aber das Gefühl hält dagen: Warum nicht sich trotzdem etwas aufhübschen? So ganz unproportioniert bin ich nun auch nicht (mehr), also wird’s schon gehen. Komplett lächerlich werde ich mich schon nicht machen. Auch ich darf tragen, was mir gefällt.
In Australien im Shop will ich nicht bestellen, die deutschen Versender sind mir zu teuer und Karstadt bietet nur Leib- nicht aber Schwimmwäsche an, wie ich enttäuscht vor Ort feststelle, nachdem mich der Markenfinder dorthin geschickt hat.
Bleibt ebay und irgendwann habe ich sogar Glück. Natürlich ist die angebotene Badebuchse (so hieß das früher) nicht orginialverpackt. Und es ist nicht jedermanns Sache, gebrauchte Wäsche zu kaufen. Hier aber geht’s um den klassischen Fehlkauf des Vorbesitzers: Bestellt, bezahlt, probiert, passt nicht, weiterverkauft. Das ist für mich ok. Mehrfach getragene Leib- oder Badewäsche überlasse ich dann doch lieber anderen, die vielleicht ein gewisses Bedürfnis danach haben. 3…2…1… Meins! Für einen moderaten Preis wechselt die eisblaue Hose mit silbernem Schriftzug und dunkelblauen Streifen den Besitzer.
Drei Tage später ist die Hose in der Post. Genau richtig, um sie schnell noch zu waschen (hätten Sie doch sicher auch getan?) und am folgenden Samstag beim Training anzuziehen.
Schon beim Anprobieren weiß ich, was das Problem von Aussiebum ist. Nicht nur, dass sie recht eng geschnitten sind, die Größen stimmen so gar nicht mit den europäischen überein. Die angegbene Größe L würde ich mit viel Wohlwollen als M bezeichnen, wenn nicht noch kleiner. So wundert es mich nicht, dass der Ebayer, der sie in seiner üblichen Konfektionsgröße bestellt hatte, sie gleich weiterverkauft hat. Da er das erwähnt hat, war ich vorgewarnt und habe gleich eine Nummer größer gesucht.

und trotzdem nicht so aussehen. War ja klar…

Trotzdem sitzt sie schon recht eng, die Aussiebum. Angenehmer, bequemer Tragekomfort ist was anderes. Aber darum geht es bei Aussiebum nicht. Es geht um Schauwerte: Seht her, was ich Euch zu bieten habe… Das wird mir noch deutlicher bewusst, als ich am frühen Samstag morgen im Schwimmbad bin. Die Badehose an, schnell unter die Dusche… doch kaum ist die Hose nass, zeigt sie noch ein wenig mehr. So richtig blickdicht ist sie also auch nicht. Muss man mögen – oder ertragen. Da ich keine zweite Badehose in der Sporttasche habe, bleibt’s dabei, da muss ich jetzt wohl oder übel durch. Also ab mit der australischen ins Wasser. Es sind sowieso nur eine Handvoll alter Leute da, Menschen, die längst jegliche sexuelle Konnotation in den Tiefen ihrer Vergesslichkeit begraben haben. Ganz abgesehen davon: Beim Bahnenschwimmen liege ich sowieso bäuchlings auf dem Wasser. Da müsste schon wer unter mir auf dem Rücken auf dem Beckenboden liegen, um vielleicht was zu sehen. Und so transparent ist die Hose dann doch nicht.

Ok: In den USA würde ich vermutlich umgehend eingesperrt, aber soweit sind wir ja gottseidank hier noch nicht. Mit etwas Goodwill könnte die Hose durchaus eine FSK 6 bekommen.

Da ich mich jetzt auf die Bahnen,  den Atmungsrhythmus und  die Schwimmbewegungen konzentriere, will ich mich damit auch nicht weiter beschäftigen. Zu viel Gedanken (und vielleicht auch zu viele Worte) für ein kleines Stück Textil…
Mein Fazit: Für’s Bahnenschwimmen ist Aussiebum bedingt geeignet, also kein Grund, die Hose weiterzuverkaufen. Und im Frühjahr unter dem Neoprenanzug ist es sowieso wurscht. Im Urlaub am Strand oder in der Therme Erding werde ich sie aber ganz sicher nicht anziehen.

Moment! Wie war das noch: Wenn du an dir zweifelst, trage etwas anderes.

Verdammt… Erwischt.

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

2 Kommentare zu “The Aussiebum Experience

  1. Sehr eindrucksvoller Text 🙂 den ich sogar bis unten hin gelesen habe.
    Eine aussieBum zu besitzen ist wirklich mehr als nur ne Badebuxe zu haben.
    Eine aussieBum im Badeland öffentlich zu tragen bedeutet schon etwas mutig, selbstbewusst, markant zu sein.
    Die vielen Blicke hinten auf`m Po. Dort wo der Schriftzug prangert „AUSSIEBUM“
    Bildet man sich das nur ein oder schauen die Leute wirklich alle da hin?
    Ob nun gay, bi oder hetero spielt hier gar keine Rolle.
    Eine aussieBum besitzen zu wollen ist wie ein Ohrwurm….
    wie ein Song den man unbedingt hören will… den man solange sucht bis man Ihn gefunden hat.

    Ich wünschte mir, das mehr Menschen mutiger werden. Und selbstbewusster, dass zu tragen was Ihnen gefällt.

    LEBE OHNE ZWEIFEL

  2. Und ab damit ins Müllersche Volksbad aber nur am Warmbadetag 😉

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