Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Die Kampfkrauler, Rudi und ich

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Es schneit, es ist nasskalt, bestes Wetter für einen Schwimmbadbesuch. Das denken sicher alle. Mir graut davor, denn falls die Hütte voll ist, macht Training halb so viel Spaß.
Umso überraschter bin ich, dass es heute abend leer ist. Kaum fünf Leute im „Normalbereich“, auf der Sportschwimmerbahn dümpelt Rudi (nennen wir ihn mal so). Er müht sich mit ein paar Rückenschwimmbewegungen in der Paddelvariante. Hin und wieder dreht er sich auf den Bauch, macht ein paar Züge, dann paddelt er wieder wie ein Taumelkäfer. Ein älterer, beleibter Herr zieht ebenfalls auf der Sportschwimmerbahn entspannt seine Bahnen.
Dann komme ich.
Sprung vom Rand in eine Ecke, Silikon auf den Kopf, Earplugs rein, Aqua Sphere Brille auf. Drei Bahnen benötige ich, dann sind der ältere Herr und Rudi aus dem Sportbereich verschwunden. Das wäre meinetwegen nicht nötig gewesen. Es ist ja genug Platz da, wenn es so leer ist, fast ist mir das peinlich, ich bin doch kein Kampfkrauler.
An dem Klischee der Schwimmbadbesucher-Typologie, aus der dieser Begriff stammt, und die Anfang des Jahres auf sueddeutsche.de veröffentlicht und wunderbar kommentiert wurde, ist tatsächlich etwas dran. Auch wenn ich mich nicht als Kampfkrauler sehe, ehrlich. Aber die beiden fühlen sich sicher durch mein Erscheinen auf der Bild- bzw. Wasseroberfläche unwohl und deplatziert.
Eine Viertelstunde habe ich die Sportbahn ganz allein für mich – also doch Kampfkrauler?
Nein, ich lasse es ruhig angehen. Brust und Kraul, immer im Wechsel, alles sehr entspannt. Dann aber kommen sie, und es werden immer mehr. Die echten Kampfkrauler. Das Tempo auf der Sportbahn nimmt zu.
Immer im Kreis, rechts von der Bahn am Beckenrand hin, auf der anderen Seite neben der Absperrkette zurück. Fast wie beim Ponyreiten oder wie Kolonne-Fahren auf der Autobahn. Wird man zu schnell, hängt man dem Vordermann hinten drauf. Wird man zu langsam, bekommt man es mit dem Hintermann zu tun: Also immer alle gleiches Tempo halten.
Das ist gar nicht so leicht, wenn die Gruppe auf mittlerweile neun Leute angewachsen ist, von denen sechs mindestens halb so alt wie ich sind.
Ich schere aus, schwimme zum Rand und lege die Paddel an.
Nicht als Hilfsmittel, um mein Tempo zu steigern, sondern weil es Zeit wird.
Das interessiert nun Rudi, der die ganze Zeit auf der anderen Seite der Kette geschwommen ist und mich beim Paddelanlegen genau beobachtet. Vermutlich denkt er gerade nach, wie das wäre, selbst mal mit Paddeln ein paar Bahnen zu schimmen.
Woher ich das weiß?
Vor einem Dreivierteljahr war ich in der gleichen Position und hätte es sehr gern mal ausprobiert, ohne gleich welche zu kaufen. Ich kann das nur allzu gut nachvollziehen.
Mit Rudi kann ich mich jetzt aber nicht beschäftigen. Ich warte auf eine passende  Lücke, um in die Kampfkraulrunde wieder einzuscheren.
Da ist sie, die Lücke. Ich schere ein, zwanzig Bahnen schaffe ich, dann bin ich platt und brauche eine kleine Pause. Das ist nicht weiter peinlich, denn auch das Jungvolk schwimmt nicht ununterprochen sondern macht immer wieder Pausen. Klar: Denen geht es um Tempo und weniger um Ausdauer.
So quäle ich mich in vielen 20er Paketen mit den Kampfkraulern herum, bis ich endlich meine Lieblingsdistanz von 3,5km geschafft habe.
Am Ende des Trainings habe ich das selten so schnell wie heute geschafft. Als ich zum Ausschwimmen die Paddel wieder ablege, bin ich kurz davor, sie doch Rudi anzubieten, vielleicht will er sie wirkich mal testen.  Aber Rudi ist gerade auf der anderen Seite des Beckens.
Noch ein paar Bahnen und die ganz entspannt, dann ist das Pensum geschafft. Dafür wechsle ich in den Normalschwimmerbereich. Denn sonst wäre ich für die Kampfschwimmer ja ein kolossales Passagehindernis.
Kaum, dass ich durch bin und das Becken verlasse, schaltet der Schwimmeister die ersten Flutlichter in der Halle aus. Was heißt: Jetzt ist Feierabend.
Rudi treffe ich an der Bank, als ich meine Schwimmsachen in die Tasche packe.
„Was trainiert Ihr da eigentlich?“ fragt er mich.
„Was die anderen trainieren, weiß ich eigentlich nicht“, erkläre ich ihm. „Wir sind ja keine Gruppe. Ich für meine Fälle Ausdauer und Langstrecke.“
Er fragt nach der Distanz und nickt anerkennend, als ich ihm sage, dass ich gerade dreieinhalb Kilometer hinter mich gebracht habe. Das traut er sich nicht zu. Aber er hat auch gerade erst wieder angefangen.
Dann verabschiedet er sich Richtung Dusche, während ich den letzten Rest aus meiner Schorle trinke.
Nach den Paddeln fragt er nicht…

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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