Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Mehr Sympathie für die Moderlieschen

Ein Kommentar

Wiki weiß alles: Das Moderlieschen (Leucaspius delineatus), auch Malinchen, Modke, Mutterloseken, Schneiderkarpfen, Sonnenfischchen, Zwerglaube genannt, ist eine europäische Kleinfischart aus der Familie der Karpfenfische und wird dabei „angelsprachlich“ zu den Weißfischen gezählt.
Zwar spielt der Fisch, der bis zu 10 Zentimetern groß werden kann, in der heimischen Fischereiwirtschaft keine Rolle, aber er ist ein gern gesehener Besatz in vielen Gartenteichen, um etwas Leben in das Gewässer zu bringen. Da ist was dran. Moderlieschen lieben stehendes Süßwasser, auch das kann ich bestätigen.
Nicht, dass ich Moderlieschen in einem Kaltwasseraquarium oder Gartenteich halte.

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Moderlieschen (Leucaspius delineatus), Foto: Michael Joachim Lucke

Die Moderlieschen, die ich kenne, sind da schon von einem ganz anderen Kaliber, aber auch sie bringen Leben ins Gewässer, auch sie bevorzugen stehendes Süßwasser.
Den Trivialnamen der Fische fand ich so schön, dass ich ihn in ungebührlicher, arroganter, gehässiger und vor allem chauvinistisch-sexistischer Weise mittlerweile für eine ganz besondere Gruppe Schwimmbadbesucherinnen verwende. Das ist nicht nur ungerecht sondern eigentlich auch falsch, denn das Wort Moderlieschen rührt wohl vom Adjektiv „mutterlos“ her und hat damit keineswegs etwas mit „(ver)modernden Lieschen“ zu tun. Macht aber nix. Der Name bleibt.
„Meine“ Moderlieschen also treffen sich einmal in der Woche für eineinhalb Stunden Aquagymnastik im hiesigen Schwimmbad. Allesamt Frauen Ü60 (vom Alter her, so schätze ich) und alle mindestens Ü20 (was die Überschreitung des Normalgewichts in Kilo betrifft, auch nur geschätzt). Das Gros trägt Badeanzugpanzer in gedeckten Tönen. Einige verwegene wagen sich noch immer im Blumenmuster, wie man sie aus den Neckermann- und Quellekatalogen meiner Kinderzeit in Erinnerung hat, ins Wasser. Und sagen Sie jetzt nitte nicht, Sie haben, wenn Sie meiner Generation entstammen, nicht  während der Frühpubertät immer wieder die Kataloge durchgeblättert, vornehmlich die Wäscheseiten. Wir hatten ja damals nichts anderes, denn die Bravo war uns verboten worden. Ich schweife ab…
Vermutlich stammen die Badeanzüge dieser Liechen auch aus dieser Zeit und diesen Katalogen und sind kontinuierlich mit ihren Tägerinnen mitgewachsen. Oder es gab sie als Restposten mal günstig im Sanitärhandel.
Übrigens: Männliche Exemplare dieser Art? Extrem selten.
Ausgestattet mit allerlei Stabilisatoren aus Polyethlenschaum, die sie sich um die Hüften und sonstige Körperteile schlingen, stapfen sie frohgemut durch’s Wasser. Das nennt sich Sport, ist es auch und verdient meinen Respekt. Ehrlich. Viele Leute meines Alters tun weitaus weniger für ihre Gesundheit als die Aquagymnastikerinnen, die noch eine Generationen über mir sind.

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Moderlieschen in einem amerikanischen Schwimmbad. Irgendwo…

Von Schwarmintelligenz ist bei dieser Spezies nicht viel zu merken, ist auch nicht notwendig, denn am Beckenrand steht die Übungsleiterin und plärrt Kommandos in die Runde. Das muss sie auch, denn – und hier gerät das Bild völlig aus den Fugen – die Moderlieschen schwatzen und ratschen, gibbeln und lachen in einer Tour. Ein fröhlicher Lärm ist das, dass man sich wundert, warum andere Angehörige der selben Generation sofort zum Anwalt rennen, wenn in der Nachbarschaft ein Spielplatz oder Kindergarten gebaut werden soll. Übertönt wird das fröhliche Geschnatter nur von Musik aus scheppernden Lautsprechern eines tragbaren CD-Spielers: Braslianisch-karnevalistische und rhythmus-betonte Musik soll die Moderlieschen in fortdauernder Bewegung halten und das klappt auch einigermaßen.
Mich stört das Ganze nicht, obwohl der VHS-Kurs mittlerweile zwei von sechs Bahnen belegt hat und sich die übrigen Badegäste und Schwimmer etwas arg zusammendrängen. Gegen den Lärm helfen die Silikonearplugs genauso wie gegen eindringendes Wasser. Und im Wasser habe ich noch immer meine Bahn gefunden und mit anderen Kachelzählern geteilt. Irgendwie mag ich sie ja, die älteren Damen in ihrer fröhlich-sportlichen Angestrengtheit, wie sie im Samba-Rhythmus das Schwimmbecken durchtanzen.
Weniger begeistert aber bin ich, wenn die Aquagymnastik vorbei ist. Ein Teil der Lieschen zieht sich unter die Dusche zurück, aber einige schwärmen eben aus und verteilen sich im Becken statt auf den abgesperrten Bahnen zu bleiben. Und dann wird’s eher unangenehm. Mangels steuernder Ansage der Übungsleiterin und mangels Schwarmintelligenz schwimmen die Damen jetzt kreuz und quer. Das machen sie zu zweit oder dritt nebeneinander, damit sie ihre Plauderei ins Endlose ausdehnen können. Oft geht’s auch diagonal durch’s Becken. Oder man steht in Plaudergrüppchen im Flachwasser.
Da kommt es zwangsläufig dazu, dass die Moderlieschen die Schwimmerbahnen kreuzen, nicht nur einmal sondern immer wieder. Eine Schelle eines Kampfkraulers, gern auch mit Handpaddel, oder ein Tritt eines Brustschwimmers kann nicht Ziel ihrer unkoordinierten Streckenführung sein, ist aber das wohl unvermeidliche Ergebnis. Und manchnal sieht es fast so aus, als provozierten die Lieschen das sogar, so als ob sie es darauf anlegten, überhaupt mal wieder mit irgendwem in Körperkontakt zu kommen.
Will man nicht, muss ich nicht haben, aber was soll man tun?
Unbeabsichtigte Tritte oder „Schläge“ werden mit Entrüstung quittiert, so als hätten sie nicht genauso ihren Teil dazu beizutragen, dass der Schwimmbetrieb einigermaßen geordnet abgeht. Schön, wenn man dann Plugs in den Ohren hat…
Würden sie so Autofahren wie sie im Schwimmbad ihre Runden drehen, sie wären ihre Führerschein schon längst los.
Das tun sie aber nicht. Die Moderlieschen radeln, zumindest im Sommer.
Auf Fußwegen, wo sonst?

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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