Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Wie alles begann…

Hinterlasse einen Kommentar

Wie alles begann?

schwimmen-sw2

Lang, lang ist her. Mein Opa nimmt mich an Bord.

Ich weiß es eigentlich nicht mehr. Nur, dass ich als Kind ein schlechter Schwimmer war.
So schlecht, dass ich noch im ersten Grunschuljahr im Somerurlaub an einem flachen Badesee in Österreich mit Schwimmflügel ausgestattet wurde. Selbst, wenn ich mit einem Ruderboot unterwegs war. Meine Eltern hatten Angst, ich könnte ertrinken. Das war vielleicht nicht ganz unbegründet, wenn auch kolossal entwürdigend. Und alle fanden es nur komisch, wenn ich mich, das schmächtige Bürscherl in die Riemen legte, die leuchtend orangen Gummiflügel von weitem sichtbar. „Mann, hat der Muckis“, machten sie ihre Scherze und trampelten auf der empfindlichen Kinderseele herum. Nur wenn mein Opa mich mitnahm, war ich von dieser Schmach verschont.

In der Grundschule wurde es nicht besser.
Die anderen konnten schon längst schwimmen, als eine kleine Gruppe, zu der auch ich gehörte, noch im Flachen übte; alles andere als unerschrocken, Frierend, zitternd, mit Gänsehaut. Es sollte nicht gelingen. Längst trugen meine Mitschüler ihre aufgenähten Schwimmabzeichen (damals Seepferdchen, Delphin und Hai) stolz auf der Badehose, als ich noch immer wasserschluckend und prustend ein paar Züge machte. Zur allgemeinen Belustigung der anderen…
Natürlich.
Ich gehörte zu den Letzten, die aus der Dusche kamen, die Arme um den schmächtigen Kinderkörper geschlungen, schnatternd und mit Gänsehaut.

schwimmen-sw1

Mit Schwimmflügel im Ruderboot. Wie erniedrigend…

Fast wäre ich sogar mal ertrunken, da war ich neun Jahre alt. Das war in einem Freibad, das ein weit geschwungenes Becken hatte. Ich, der sonst immer ein Beckenrandschwimmer war, wollte einmal wenigstens abkürzen. Einmal quer durch. Das war ein Fehler. Ich überschätzte meine Fähigkeiten, schluckte Wasser, geriet in Panik. Eine fremde Frau, die in meiner Nähe war, schnappte sich das japsende Kind und brachte mich ans Ufer.
Mit dem Wechsel zum Gymnasium entspannte sich die Sache vordergründig etwas. Schulschwimmen gab es nicht, das ersparte mir einige Dramen. Zum Beispiel, dass ich mit elf Jahren noch immer keine 50m Bahn hätte schwimmen können. Langsam wurde es peinlich. Und natürlich gefährlich.
Ein Kind muss schwimmen lernen. Da führt kein Weg dran vorbei und diesen unumstößlichen Grundsatz würde ich auch heute noch unterschreiben. Jedes Jahr veröffentlichen DLRG und Wasserwachten voller Sorge Pressemeldungen, aus denen hervorgeht, dass immer weniger Kinder schwimmen können. Zu Recht.

schwimmen-sw3

Ich war 5 Jahre alt und konnte noch nicht schwimmen…

Allein: Es wurde nicht besser. Die gelegentlichen nachmittäglichen Schwimmausflüge mit meinem Bruder und meiner Mutter waren nicht wirklich zielführend, denn niemand konnte oder wollte es mir richtig beibringen.
Das hat mich – der Schilderung meiner Mutter zufolge – mehr Zeit auf der warmen Bank verbringen lassen als im Becken. Zigfach musste sie mich zurück ins Wasser scheuchen. Meist mit wenig Erfolg.
Einmal aber wollte ich es wissen. Da war ich vielleicht elf Jahre alt oder so. Todesmutig wollte ich mich vom Einmeterbrett ins Becken stürzen. Andere meines Alters nahmen längst Anlauf und machten einen Köpper (wie wir den Kopfsprung nannten). Ich natürlich nicht. Schlotternd und langsam tastete ich mich Schritt für Schritt auf dem Brett nach vorne, den drohenden Abgrund erst vor, dann unter mir. Zu meiner Entschuldigung darf ich sagen, dass ich extrem akrophobisch bin. Noch heute sind mir manche Sessellifte und Gondeln in Skigebieten ein Graus, noch heute bringen mich keine zehn Pferde in einen Kletter- oder Hochseilgarten.
Mit dem Sprung sollte es damals erst mal nichts werden. Zwei oder drei Teenager posierten auf dem Brett, wippten, sprangen, ließen ihre Muskeln spielen, rangelten und taten genau das, was Teenager eben tun: Sie versuchten Eindruck zu schinden bei den Mädchen, die im Wasser am Beckenrand standen und ihnen zuschauten. Posing pur.
Minutenlang ging das so, ich kleiner dürrer Hänfling (so wurde ich ja sehr ermutigend oft auch von meiner Mutter genannt), musste zusehen, konnte aber meinen Sprung nicht wagen. Dabei hätte ich doch so gern.
Irgendwann wurde es mir dann aber zu bunt.
All meinen Mut zusammennehmend, tapste ich nach vorn. Mit piepsiger Stimme (so berichtete es meine Mutter noch jahrelang) habe ich dann zu dem Einen gesagt: „Jetzt spring endlich, sonst trete ich Dir in die Eier!“
Das muss ein großartiges Bild gewesen sein. So ein kleiner Dreikäsehoch, der den Lauten macht.
Meiner Mutter, die mich natürlich vom Wasser aus beobachtete, rutschte einen Moment das Herz in die Hose. „Jetzt bekommt er dermaßen eine geknallt, dass er gar nicht mehr springen muss. Der fliegt auch so ins Wasser“, war ihr erster Gedanke.
Der Typ aber nahm’s gelassen, lachte laut und sprang ins Wasser. Der andere auch.
Endlich konnte ich mich ganz vorn hinstellen. Die Nase zu halten und – hops, hinein in die Χάρυβδις, den tosenden Schlund.
Ich hatte mein Ziel erreicht.
Große Klappe, wenig dahinter, das hätte auch übel ausgehen können.

Schwimmen gelernt habe ich schließlich in den Osterferien, fern von Zuhause in einem Urlaub. Ganz allein unter Aufsicht eines Bademeisters.

Der Knoten war geplatzt, nach vierzehn Tagen war ich aus dem Wasser kaum noch wieder herauszubekommen, egal, ob ich stehen konnte oder nicht. Und meine Abzeichen habe ich auch gemacht. Alle auf einmal.

Advertisements

Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s