Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Ein Samstag auf dem Lande…

4 Kommentare

fremdgehen4Stadtmenschen lächeln gern mit einer Mischung aus einer gewissen Überheblichkeit und Mitleid, wenn ich abends auf Alkohol verzichte, weil ich ja noch mit dem Auto nach Hause fahren muss. „Ach, ja, Du wohnst ja im Outback“, kommentieren sie und fühlen sich so bevorteiligt, weil sie nur ein paar Stationen mit der U-Bahn oder dem Bus fahren müssen, bis sie daheim sind.
Nun sei ihnen der Luxus gegönnt, sich mit allerlei Gestalten in die Bahn zu zwängen und den Heimweg anzutreten. Jedem halt das seine.
Am Pfingstsamstag (Sie erinnern sich, einem der wenigen Sonnentage des Mai 2013) musste ich an so manches überlegene Grinsen der Städter denken. Am Spätnachmittag kam es über mich. Das Grillgut war aufgegessen, die Glut verloschen, ich hatte wie man so schön sagt Hummeln im Hintern. Ein bekanntes Problem: Gut gegessen, Bewegungsmangel, Trägheit… Dagegen kann man was tun. Und genau das ist passiert.
Keine zehn Minuten später bin ich umgezogen, die Trinkflasche ist gefüllt, Handy und Notfalltraubenzucker sind eingepackt und ich sitze auf dem Rad. Keine 250 Meter von unserer Haustür entfernt geht es in den Wald. Gut, dass ich nicht in der Stadt wohne. Es geht bergauf und bergab, kurvig, wahlweise auf gut ausgebauten Forstwegen oder engen Trampelpfaden. Das kühle, feuchte Grün umschließt mich. Ich bin allein und trete mein altes Bike. Wie ein wildgewordenes Kind rase ich durch Pfützen. Das Wasser spritzt mir an die Beine, der Matsch aufs Trikot. Ich saue mich ein, warum auch nicht… Wir haben Dusche und Waschmaschine. Ein Jogger, zwei Nordic-Walker, das ist alles, was ich an Menschen samstags gegen 17.00 Uhr in den Wäldern im südlichen Teil des Erdinger Landes treffe. Wir nicken uns en passant zu. Auf dem Land grüßt man sich. In der Stadt muss man sich wohl aneinander vorbeischieben.
Nach einer knappen Stunde, in der ich kreuz und quer durch den Wald gefahren bin, wird es mir etwas frisch im Schatten zwischen den Bäumen. Ich wechsle auf Feld- und Wiesenwege. Noch scheint die Sonne. Ich will die abendliche Wärme genießen. In einem großen Bogen nehme ich Richtung zurück nach Westen.

fremdgehen2

Vor Hörlkofen geht es durch Rapsfelder. Ein traumhaftes Gelb, soweit das Auge reicht. Ich halte an, nehme ein paar Züge aus meiner Trinkflasche und genieße den Moment. Man kann sich gar nicht sattsehen an diesem Gelb. Und doch treibt es mich irgendwann weiter. Ich will Strecke machen.
Schnell ist Hörkofen durchquert. Auf asphaltierten Wegen geht es nun zwischen winzigen Dörfern und Weilern ins Sempttal. Fast überfahre ich in Teufstetten ein Huhn. Obwohl ich relativ langsam zwischen den Höfen hindurch rolle, schießt ein aufgeregtes Federvieh flatternd auf die Straße, mir fast vor den Reifen, während seine Artgenossen aufgeregt in alle Richtungen davon rennen.
Zwei alte Männer sitzen in der Sonne auf der Bank vor ihrem Hof. Zwei Biergläser stehen auf dem Tisch. Sie schauen kurz auf, als sie das Gegacker der Hühner hören. Ich rufe ihnen ein freundliches „Servus“ zu, das unbeantwortet bleibt. Vielleicht sprechen sie nicht mit Fremden in bunten Klamotten. Vielleicht haben sie es auch nicht gehört. Vielleicht kommt es normalerweise in ihrem Tagesablauf nicht vor, dass ein Radfahrer ihre Hühner aufscheucht. fremdgehen8
Die beiden alten Frauen, die ein Dorf weiter untergehakt über die Straße laufen, grüßen hingegen freundlich zurück.
Von fern weht mir das Abendgeläut der Wörther Kirche entgegen, als ich das Sempttal erreiche. Zunächst biege ich Richtung Altenerding ab.
fremdgehen9Nach ein paar Kilometern aber mache ich kehrt, fahre den gleichen Weg zurück durch das morastige Ackerland. Immer entlang der Sempt.
Hier sind deutlich mehr Menschen unterwegs, Spaziergänger, die eine abendliche Runde drehen, Radler und Jogger. Es herrscht reger Verkehr.
Über den Feldern dampft es, es reicht würzig. Städter würden jetzt vermutlich sagen: Es stinkt. Ein Bauer hat offensichtlich mist ausgebracht, tausende kleiner Fliegen schwirren durch die Luft. Besser, jetzt den Mund geschlossen halten.
Immer wieder mache ich kurze Pausen, genieße die Landschaft, atme ihren Geruch, lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen und bin begeistert von den vielen kleinen Flecken, an denen es wunderschön ist. Ein Bussard dreht seine Runden und stößt hin und wieder einen schrillen Schrei aus. Mit dem Handy schieße ich schnell ein paar Fotos von der Landschaft. Dann geht es weiter.
fremdgehen7Der Wiflinger bzw. Wörther Weiher liegt vor mir. Hier drehe ich im Sommer meine Runden. Jetzt aber ist es dort fast menschenleer, von der Wasserwacht, die vor ihrer Hütte ein kleines Fest veranstaltet, mal abgesehen.
Still ruht der See trotzdem nicht, und starr schon gar nicht. Froschmännchen rufen sich paarungsbereit fast die Seele aus dem Leib. Es quakt an allen Ecken. Obwohl ich weiß, dass der Weiher tausende von Fröschen beherbergt, ist es immer wieder faszinierend, sie dann auch mal zu sehen bzw. zu hören. Denn im Sommer, wenn die Heerscharen der Badegäste das Terrain erobern, ist  von den Tieren nichts mehr zu bemerken.
fremdgehen5Natürlich halte ich am Weiher ein weiteres Mal. So gern würde ich zurück ins Freiwasser, hier meine Runden drehen. Aber 14 Grad Wassertemperatur sind dann doch zu wenig. Selbst mit Neoprenanzug ist das nicht das Schwimmvergnügen, das ich mag. Es wird wohl noch eine ganze Zeit beim Hallentraining bleiben, denn der Mai hat ja nicht gerade dazu beigetragen, das Wasser auf erträgliche Temperaturen anzuwärmen. Schade, aber nun mal nicht zu ändern.
So lausche ich vom Ufer noch einer Weile dem Froschkonzert. Sie legen sich mächtig ins Zeug, während ihre Verwandten, die Kröten, bereits aus dem Gröbsten raus sind. Zu tausenden wimmeln in den Warmwasserbereichen direkt am Ufer Kaulquappen.  Hin und wieder erspähe ich zwischen den Pflanzen, die im Wasser stehen, einige Frösche und sehe ihre aufgepumpten Schallblasen. Ein Foto gelingt mir jedoch nicht. Sei’s drum. Ich bin auch nicht zum Fotografieren hier.
Ich bin auch nicht losgefahren, um andauernd Pausen zu machen, so schön es auch im Sempttal ist. Und zum Weiher werde ich voraussichtlich im Sommer sowieso oft genug fahren und meine Runden drehen.
fremdgehen3
Also, ByeBye, Ihr Frösche und Kröten. Ab auf den Sattel und den Heimweg angetreten. Natürlich nicht den direkten Weg. Ein paar Schlenker gönne ich mir noch. Denn noch immer steht die Sonne am Himmel, noch immer ist es warm genug, nur im Trikot zu fahren. Die Jacke, die ich vorsichtshalber mitgenommen habe, lasse ich aus. Noch.
Die Neugier treibt mich weiter. Nicht der direkte Weg soll es sein. Mal schauen, wo dieser Weg dort hinführt, mal sehen, wo ich herauskomme, wenn ich einfach mal dort abbiege. Ich weiß, so lange ich mich Richtung Süden orientiere, wird irgendwann die Straße zwischen Markt Schwaben und Pastetten einen „Sperrriegel“abgeben. Und dann liegt da ja jetzt auch die neue  Autobahn.
fremdgehen6Als ich auf unser Dorf zufahre, wird es so kühl, dass ich die Jacke doch noch brauche. Gut zwei Stunden habe ich mich abgestrampelt. Ich habe Ecken und Wege entdeckt, die ich vorher nicht kannte, und das keine 10 Kilometer von daheim entfernt; und das, obwohl ich seit rund 13 Jahren hier wohne. Ein wenig geschafft aber sehr befriedigt fahre ich die letzten Meter zurück in unser Dorf, noch schnell die kleine Ansteigung zu uns in die „Vorstadt“ bewältigen, dann bin ich daheim.

Es hat sich gelohnt, statt schwimmen auf’s Rad gestiegen zu sein. Wieder einmal. Und es hat sich wieder einmal erwiesen, dass ich für das Leben auf dem Land besser geeignet bin, als für das Leben in der Stadt Mit tausenden anderer die Radwege an der Isar quer durch München zu nutzen? Mit tausenden anderer durch den englischen Garten zu joggen oder mich im Olympiabad um ein paar Quadratzentimeter Wasser zu streiten? Nein danke. Das ist echt keine Alternative.

Dann lieber mein geliebtes „Outback“. Bevor ich duschen gehe, trinke ich auf der Bank vor dem Haus noch eine Schorle. Der Nachbar steht am Zaun, wir wechseln ein paar Worte. Schön ist das. Ich genieße es. Dafür fahre ich abends gern zurück ins Hinterland. Hier randalieren auch keine Betrunkenen in der U-Bahn und pöbeln Leute an. Eine U-Bahn fährt hier nämlich gar nicht…

Advertisements

Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

4 Kommentare zu “Ein Samstag auf dem Lande…

  1. Pingback: Landliebe (Sommer) | Zwetschgenmann

  2. Pingback: Landliebe | Zwetschgenmann

  3. Zunächst Danke an den @Schundroman für den Hinweis auf diesen Eintrag. Ein kleiner Tipp für alle Leser aus der großen Stadt, der Autor möge mir verzeihen: Mit der Regionalbahn Richtung Mühldorf und der S-Bahn Richtung Erding ist man ganz schnell da draußen (Haltestellen z.B. Hörlkofen, Walpertskirchen, Thann-Matzbach (RB) oder St. Kolomann(S2)). Umgekehrt gehts also auch 😉

    • Aber mein lieber Herr Pflugbeil,
      jetzt verraten Sie doch nicht allen, wie man ins wunderbare Hinterland kommt. Es reicht doch, wenn die Städter in hellen Scharen an der Isar flußauf- oder abwärts radeln.
      Einen Vorsprung aber wird der Landmensch immer haben, wenn er direkt vor der Haustür in den Wald oder die Landschaft hinaustritt. Er muss nicht verschmutzt und verschwitzt, dampfend, triefend und tropfend, miefend und ausgepowert mit der S-Bahn oder RB zurück in die Stadt zur reinigenden Dusche.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s