Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

They sing, when you are swimming…

Ein Kommentar

Ein Donnerstagabend im Juli, es ist sehr warm. Ein abendlicher Sprung ins Wasser ist also nicht nur eine unverzichtbare Trainingseinheit sondern auch eine willkommene Abkühlung. Da es recht spät ist, entscheide ich mich trotz des warmen Wassers, im Neoprenanzug zu schwimmen. Ich kenn mich und weiß, wenn ich das nicht tue, werde ich irgendwann abbrechen. Es wird mir dann doch zu kalt, nur in Badehose zu schwimmen.
Gern nutze ich unter der Woche das Plateau vor der Hütte der Wasserwacht, um mich dort umzuzuziehen und meine Schwimmtasche sowie Kleidung abzulegen. Dort liegen sie einigermaßen geschützt. Schließlich hat der Wetterbewicht die Möglichkeit von Gewittern angekündigt, und auch der Himmel lässt erahnen, dass es durchaus einen kleinen Regenguss geben könnte.
Diesmal aber, als ich vom Parkplatz Richtung Wasserwacht gehe, bemerke ich: Das Plateau ist vollständig okkupiert. Auf den Bänken sitzen Leute. Die Plätze reichen nicht, einige sitzen auf mitgebrachten Campingklappstühlen. Zwar ist die Hütte verschlossen, aber eine andere Gruppe hat sich diesen lauschigen Platz für eine Abendveranstaltung ausgesucht. Und diese Gruppe ist nicht gerade klein.
Die Männer tragen Jeans, kleinkarierte kurrämelige Hemden im Jack-Wolfskin- oder Tchibo-Wander-Stil. Einige Frauen tragen Tops, wadenlange Cargohosen und Trekkingsandalen. Andere tragen bunte Baumwollröcke, die der Optik nach selbst gebatikt sein könnten. Zwischen ihren Füßen stehen Klappkörbe. Aus einem Korb ragen Baguettes, in einem anderen stehen große mit Aluminiumfolie abgedeckte Schüsseln, vermutlich mit Kartoffel- oder Nudelsalat. Irgendwo stapeln sich Tupperdosen, in denen sich vielleicht Käse, Wurst, Radi, Gürkerl und Tomaten befinden. Ich habe keine Ahnung.
Eine Kiste Bier und eine Kiste Limo stehen im Wasser zum Kühlen.
Der Trupp plant also eine zünftige Brotzeit.
Na gut.
weiher3Ich trolle mich auf die Wiese zum Umziehen, da höre ich aus der Distanz Gitarrenklänge. Offensichtlich stimmen sich gerade zwei Gitarrenspieler aufeinander ab. Diese lustige Runde an der Hütte wird also Lieder anstimmen.
Ab geht’s. Ins Wasser.
Schade, dass ich blockiert durch Earplugs, Schwimm- und Atemgeräusche nicht herausbekomme, welche Lieder denn nun gesungen werden. Allerdings rattert es in meinem Kopf. Unaufhörlich denke ich beim Kraulen darüber nach: Was sind das für Leute?

Heißt es nicht: An ihren Liedern sollst Du sie erkennen?
Bella Ciao, Die Moorsoldaten, Heute hier morgen dort oder die Schmuddelkinder werden wohl nicht gesungen. Lieder aus der Arbeiter- und der Protestbewegung, antifaschistische Partisanenlieder aus dem Repertoire eines Hannes Wader oder Väterchen Franz schließe ich mal von vorneherein aus. Wir sind schließlich – auch wenn diese Lieder längst zum Kanon der Lagerfeuerschnulzen degradiert wurden – im christkatholischen und traditionsbewussten Bayern. Außerdem fehlt auf dem Parkplatz der Bully mit dem Atomkraft Nein Danke Aufkleber.
Kumbaya My Lord und Herr Deine Liebe ist wie Gras und Ufer? Vielleicht ist das der Helferkreis einer der umliegenden Kirchengemeinden oder gar ein Kirchenchor, der sich hier zum abendlichen Beisammensein trifft und vor der gemeinsamen Brotzeit eine kleine Andacht abhält?
Das ist schon wesentlich naheliegender.
Gras und Ufer passen zur ausgewählten Location.
Ja, das passt. Ich bin mir sicher.
Bestimmt terffen sie sich zu einer sommerlichen Feier- und Plauderrunde und beginnen mit einer kurzen Andacht. Wie schön.
Bei meinen Runden passiere ich natürlich die Hütte und den Steg Wasserwacht, aber die Klangfetzen lassen keine Melodie, geschweige denn einen Text erkennen, der mir das bestätigen könnte.
Aus meinem Augenwinkel nehme ich wahr, dass die eine oder andere Teilnehmerin dieser Runde nicht ganz bei der Sache ist. Bilde ich mir das ein oder schauen sie sehnsuchtsvoll über den Geländerrand auf das Wasser? Während sie die Liebe des Herrn wie Gras und Ufer besingen (und ich frage mich immer wieder, was ich mir darunter vorstellen soll), würden sie vielleicht selbst gern im selbigen bzw. am selbigen liegen?
Vielleicht beneiden sie ja auch die wenigen noch vorhandenen Badegäste, die planschenden Kinder und den einsamen Schwimmer im Neoprenanzug und würden selbst gern ins Wasser steigen.
Oder sie werfen einen kritischen Blick auf die sie begleitenden Männer, die zur Ehre Gottes vor sich hin brummen und insgeheim auf ihr Bier warten. Dabei bemerken sie vielleicht, dass ihre Männer auch mal wieder etwas für sich tun könnten: Der Bauchansatz, die schlaffen Schultern… Der Typ da im Wasser, der da im Neopren, der tut wenigstens was für sich.
Und der ist ja so schön schlank und sportlich. Das macht natürlich nur der Neoprenanzug (Kleiner Insidertipp).
Ich weiß, die letzten Gedanken sind pure Phantasie, aber sie spornen mich an und verpflichten mich meinem imaginären winzigen Publikum. Ich schwimme besonders akurat, gleichmäßig und kraftvoll, spanne mich durch und konzentriere mich darauf, eine gute Figur abzugeben. Zug für Zug. Skifahrer kennen das: Wenn die Piste direkt unter dem Sessellift entlang führt, möchte man auch nicht ausschauen wie der letzte Hanswurst oder holländische Pistenschreck.
Nachdem ich die letzte Runde absolviert habe und feststelle, dass die sich Truppe noch immer dem Gesang widmet, muss ich mich revidieren. Das ist keine kleine Andacht vor dem gemütlichen Beisammensein des Gemeindehelferkreises. Hier geht es offensichtlich um das Singen selbst. Ein Chor, das steht schon mal fest.
Ich werfe die Paddel ans Ufer, entstöpele meine Ohren und schwimme ein paar Züge zurück Richtung Wasserwacht. Ich muss einfach wissen, was dort zum Besten gegeben wird. Wie zufällig möchte ich mich ein wenig treiben lassen und die Ohren spitzen. Was singen sie denn nun?
Das Liedgut ist ganz anders als erwartet: Ein alter Gassenhauer der Ersten Allgemeinen Verunsicherung (Heiße Nächte in Palermo), American Folk von John Denver und Arlo Guthrie, irgendwelche modernen Sommerlieder, die ich nicht kenne und einiges anderes mehr, Es ist also irgendein Singkreis aus der Region, was anderes kann es nicht sein.
sternNach dem Abtrocknen und Umziehrn auf dem Weg zum Parkplatz verabschiedet mich der Chor mit Leonard Cohens Hallelujah. Das ist nicht schön. Damit meine ich nicht das Lied. Damit meine ich die Interpretation.
Nicht schön.
Außer Cohen sollte das niemand singen.
Niemand!
Auf dem Parkplatz entdecke ich ein Auto der Ottenhofener Sternschnuppe. Wusst ich’s doch. Ein Chor.
Wenn ein Gewitter herunterkrachen sollte, dann wäre jetzt exakt der richtige Moment. Und es wäre ein deutliches Signal.
Aber es bleibt trocken.
Halelujah!

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

Ein Kommentar zu “They sing, when you are swimming…

  1. Wunderbar, die Gedankenströme, die die Gehirnwindungen nutzen, wenn vom Kopf gerade nichts als eintönige Bewegung gefordert wird. Die führen einen immer weiter und weiter und letztlich doch zu … gar nichts. Aber das sind sie eben, die Gedanken, die frei sind, müßig und nur um ihrer selbst willen da …
    Aber bei aller Sympathie „Halleluja“ ist am allerschönsten von Jeff Buckley!

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