Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Nur nicht müssen müssen…

Ein Kommentar

Gewidmet dem guten Freund Murat Kocer,
der das Thema bereits vergangenes Jahr in mein Blickfeld rückte.

fartMüssen müssen ist lästig. Vor allem beim Sport.

Es gibt natürlich Situationen, da ist das kein Problem. Aber das dürfte wohl eher die Ausnahme sein. Selbst beim Schwimmen ist Müssen müssen einfach nur störend. Bitte sagen Sie jetzt nicht: „Warum machen Sie nicht einfach ins Wasser, das tun doch alle!“
Erstens ist es nicht wahr und zweitens: Selbst wenn es so wäre, ist das noch lange kein Grund. Schon gar nicht im Hallenbad. Hier ist es, wenn es denn unbedingt sein muss, kein Problem, das Becken zu verlassen, schnell auf die Toilette zu gehen und dann wieder Kacheln zählen zu gehen. Ich schwimme ja nicht auf Zeit, sondern auf Strecke. Da kommt es dann auf eine Pause sowieso nicht an.
Auch jetzt im Sommer, am Weiher, ist das eigentlich kein großes Dilemma. Auch dort gibt es Toiletten, wobei ich fast vermute, dass es einige Badegäste gibt, die es im Weiher nicht ganz so genau nehmen wie im Hallenbad. Ich möchte nicht wissen, wer einfach unter ein paar beherzten kräftigen Beinschlägen seine Blase entleert und einfach weiterschwimmt.
Möglich, dass dies einige Langstreckenschwimmer im Freiwasser machen, wenn es  um Zeit geht oder kein Ufer in der Nähe ist, aber ich brauche das nicht. Vor allem nicht, wenn ich im Neoprenanzug schwimme.
Man liest viel von Leuten im Netz, die das nicht so eng sehen, einfach pinkeln, ihre Neos anschließend auswaschen und gut ist. Mag sein. Für sie schon.
Für mich nicht.
Und doch erwischte es mich im vergangenen Sommer eiskalt. Dem Grundsatz folgend, tagsüber während der Arbeit mindestens zwei Liter Flüssigkeit zu trinken, ist die Menge der Flüssigkeit deutlich höher, als das, was ich ausschwitzen kann.
Da ich es vergessen hatte, direkt vor dem Wasser noch eben auf’s Klo zu gehen, forderte mich nach ein paar Runden der Blasendruck auf, den Weiher zu verlassen. Ich musste mich wohl oder übel aus dem Neoprenanzug pellen um auf’s Klo zu gehen.
Das war  – wie man so schön sagt – allerhöchste Eisenbahn. Der Rückenreißverschluss lässt sich mit zunehmender Hektik immer schlechter öffnen. Das altbekannte Lied. Ich zerre und ziehe an der Reißleine, hüpfe über die Wiese wie ein Rumpelstielzchen und bin heilfroh, dass der Abend kühl und wolkenverhangen ist. Wenigstens keine Zeugen. Keine grinsenden Beobachter auf der Liegewiese, die die letzten Sonnenstrahlen des Abends genießen. Nur in der Ferne am Kiosk eine Handvoll Leute und ein paar Spaziergänger.
Noch schwieriger wird es, in den klitschnassen Neoprenanzug nach erfolgreich verrichtetem Geschäft wieder hineinzuschlüpfen. Ziehen, zerren, aufpassen, bloß keinen Riss verursachen, weiter zerren, zupfen. Ein einziges Gequäle.
Zwei ältere Damen, die eine kleinen abendlichen Spaziergang machen, bleiben stehen. Beide sind meiner Schätzung nach Mitte 70. Sie schauen meinem erbarmungswürdigem Schauspiel eine Zeit mitleidig zu. Das ist ja etwas, was ich ganz und gar nicht leiden kann. Können die nich einfach weitergehen?
Irgendwann ist es dann doch geschafft, ich bin wieder in den Ärmeln. Nur der besch… Reißverschluß läßt sich einfach nicht schließen. Contenance bewahrend und innerlich fluchend ziehe ich verzweifelt an der Reißleine, während ich das untere Ende des Reißverschlusses möglichst stramm nach unten ziehe und Spannung aufbaue.
Keinen Zentimeter bewegt sich das Miststück.
Das muss dermaßen komisch aussehen, dass eine der beiden Damen auf mich zukommt.
neo5„Nun lassen Sie sich doch helfen,“ spricht sie mich an. „Das kann man ja gar nicht mit ansehen.“
Ein beherzter Griff unten, ein weiterer am Zipper und der Reißverschluss schließt sich. Ich spanne mich reflexartig durch, nicht dass sie mir am Ende noch die Rückenhaut in den Zipper zwischen die Zähne zieht. Tut sie nicht. Sie kennt sich aus. Der Reißverschluss saust in einem Tempo, nach oben dass ich schon Angst habe, gleich reißt sie ihn oben aus dem Neopren.
Dem ist aber nicht so.
„Da sehen Sie mal“, lacht sie. „So geht uns das mit den Kleidern doch auch. Wenn wir da keine Hilfe bekämen, würden wir sie auch nicht anziehen können.“
Ah ja. So ist das.
„Danke“, antwortete ich artig und rücke die Schwimmbrille zurecht. „Sehr nett von Ihnen.“
Sie wünscht mir viel Spaß beim Tauchen. Nun, das trifft es nicht ganz. Aber egal. Viel hätte nicht gefehlt, und sie hätte mir wohl noch nen aufmunternden Klaps auf den Rücken gegeben. Das sehe ich ihr an.
So schnell war ich noch nie im Wasser.
Trotzdem Danke.

Ich tauch dann mal ab.

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

Ein Kommentar zu “Nur nicht müssen müssen…

  1. Also gerade im richtig kalten Wasser wird’s doch so schön warm im Neopren. Aber vielleicht bin ich ja ein Ferkel …

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