Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Boris ist auch so einer…

Ein Kommentar

Boris?
Auch so einer?
Ja, auch so ein Held.
Wie Heinz. Dabei ist Boris eigentlich ein ganz anderer Typ. Ich habe keine Ahnung, ob Boris so heißt, aber ich unterstelle es ihm einfach mal – wenn nicht, und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dann kann ich es auch nicht ändern. Und ich will das auch gar nicht.
Was ich will, ist ganz einfach. Entspannen. Es ist wohl das letzte Sommerwochenende des Jahres. Nach einigen Runden im schon recht kühlen Wasser des Wörther Weihers habe ich mir ein eher ruhiges Sonnenplätzchen auf der Liegewiese gesucht. Der Nachmittag ist vorangeschritten, es leert sich bereits. Vor allem die Familien rücken ab. Die Eltern haben schnell eingesehen, dass es nicht mehr  möglich ist, sich entspannt in der Sonne grillen zu lassen, derweil der Nachwuchs vergnügt im Wasser planscht. Denn viel ist nicht mehr mit Getobe im Nass. Ein Vater lockt seine Söhne mit einem Ball ans Wasser. Zuwerfen will er spielen, aber die Jungs weigern sich. Ihnen ist das zu kalt. Memmen, so wie ich früher.
Zwar sind einige Leute im Wasser, auch Schwimmer, aber die bleiben nur kurz. Ich bin – wie fast immer – der Einzige im Neoprenanzug. Beim Anziehen am Ufer errege ich – wie auch fast immer – einige Aufmerksamkeit. Interessierte Blicke von Kindern, die ihre Eltern fragen, was der Mann da macht. Das kenne ich schon. Nochmal: Nein, ich geh nicht tauchen.
Es gibt das blöde Grinsen einiger Jugendlicher, die das entsetzlich uncool finden. Auch das kenne ich. Sie machen alle auf „harte Kerle“, die brauchen ja keinen Neo, die schwimmen noch unterm Eis nur in ihren Surfshorts. Klar. Aber jetzt liegen sie in der Sonne, das ist nicht gerade eine sportliche Herausforderung.
Ein paar Frauen meines Alters schauen tuschelnd zu, wie ich in der Gummihaut verschwinde. Ich schaue zurück – ebenso ungeniert, wie die Frauen. Dann ist das Gestarre schnell vorbei. Wenn ich erst mal im Wasser bin und meine Runden drehe, ist mir das sowieso egal, was das Volk auf der Liegewiese denkt und kommentiert. Dann schaltet das Gehirn auf Trainingsbetrieb und so soll es auch sein.
Besonders schön ist das Schwimmen nicht. Unmengen von Wasserpest treiben überall herum. Die Fäden verfangen sich zwischen Fingern, Zehen, an den Schwimmpaddel, der Schwimmbrille und am Hals. Ausweichen oder Drum-Herum-Schwimmen ist schier unmöglich. Man muss schon den Kopf permanent über Wasser halten, um zu verhindern, dass man immer wieder mal aussieht, wie das Monster aus der Lagune, aber das stört mich nicht weiter. Ich will schwimmen. Da muss ich das in Kauf nehmen.
Nachdem ich also meine Runden durch habe, wärme ich mich in der Sonne auf der Wiese auf. Schnell sind die Stecker in den Ohren, der iPod dudelt. Alles ist gut.
Dann kommt Boris: Kahlrasierter Schädel, schwerer, goldener Ohrring, ein eher dumpfer Gesichtsausdruck. Nicht gerade ein feingliedriger Mensch.
Und mit ihm seine Liebste.
Nicht, dass ich gegen fremde Leute etwas habe. Alles bleibt gut, so lange sie auf der Wiese auf Abstand bleiben. Platz ist ja, und auch das sagte ich bereits, genug.
Aber nein.
Boris und seine Schönheit platzieren sich unmittelbar neben mir, viel zu nah und damit mitten in meiner Distanzzone.

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Distanz ist Boris‘ Sache nicht.

Als ob das nicht schon Drama genug wäre, sehe ich, als ich den Kopf hebe, dass er Trekkingsandalen trägt. Das ist jetzt nicht wahr.
Trekkingsandalen sind so ungefähr das Letzte, was ich toleriere, geschweige denn kaufen würde. Sie sind so übel, dass ich mich überhaupt erst entschieden habe, ein Blog einzurichten und gegen sie anzuschreiben.
Und damit hat Boris verschissen. Schon klar.
Boris lässt keinen Zweifel daran, wer das Sagen hat. Er hat den Platz ausgesucht, sich schnell entkleidet und stellt seinen weißen (und vermutlich auch weichen) Wabbelkörper samt Tätowierungen zur Schau. Auch gegen die habe ich nichts. Nicht, dass Sie mich missverstehen.
Ich stelle die Musik leiser und beobachte das lustige Treiben nebenan. Nicht, dass ich ein Spanner wäre… Aber niemand muss sich ja so nah und noch dazu in mein Blickfeld legen und sich als Blogbeitrag empfehlen, und dann noch Trekkingsandalen. Selbst Schuld.
Boris‘ Liebste wird bald Opfer seiner fortgesetzten Langeweile. Dabei will sie doch einfach nur so da liegen und ihr Hochglanzmagazin lesen. Irgendwann wird des Boris dann doch so fad, dass er aufsteht und Richtung Wasser geht.
„Komm,“ fordert er sie auf. „Gehn wa ma schwimmen.“ Er klatscht sich mit der flachen Hand auf sein Bäuchlein, so als wolle er hinzufügen: „Das muss schließlich weg. Und das werde ich jetzt in Angriff nehmen. Und dann auch gleich alles sofort.“ Boris wird jetzt sicher mindestens die 3,86 km Ironman Distanz schwimmen. Und zwar mehrfach. Ich bin gespannt. Das verspricht, interessant zu werden.
Ich richte mich auf, trinke einen Schluck Schorle und beobachte weiter.
Boris‘ Liebste schüttelt den Kopf. „Geh ma allein“, antwortet sie knapp und schielt über den Rand ihrer Sonnenbrille.
„Na los“, quengelt er.
Klatsch, klatsch.
Schon wieder donnert die Pranke auf die Wampe. Gut, dass ich gerade meine Trinkflasche weggelegt habe. Ich hätt sonst vermutlich einen Hustenanfall bekommen.
Die Liebste bleibt stur. So ganz das Sagen hat er also doch nicht. Irgendwann trollt er sich.

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Boris schreitet zur Tat.

Ich muss mich regelrecht sputen, denn die Wässerung des Heldenkörpers will ich nicht versäumen. Und schon gar nicht die zu erwartende sportliche Höchstleistung, die gleich folgen wird.
Und immer schön aus der Hüfte fotografieren. Boris sieht nicht aus wie jemand, der sich von wildfremden Leuten so einfach fotografieren lässt. Hinter klatscht seine Pranke ganz woanders hin. Das möchte ich dann doch vermeiden.
Am Wasser angekommen, ziert der Held Boris sich. Das ganze Pflanzenzeugs im Wasser, das ist ihm schon eklig. Und da muss er jetzt durch.
Er stakst. Wie ein Storch.
Ein sehr weißer. Ohne schwarze Federn.
Und ein sehr schwerer.
Mir fallen andere Tiere als Vergleich ein. Aber die staksen nicht.
Endlich, als ihm das Wasser bis zur Hüfte geht, ist er frei von dieser lästigen Wasserpest. Trotzdem geht er nicht weiter. Es ist zapfig kalt. Immer wieder dreht er sich um. Er ruft und winkt seiner Liebsten, sie solle doch nachkommen. Das schindet Zeit, da fällt’s nicht so auf, dass Boris bibbert.
So sehr Boris auch winkt und ruft, seine Liebste kommt nicht.
Er sieht das ein. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Jetzt muss er rein ins Wasser. Mir gelingt ein Foto:

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Ich muss aufpassen, dass er keine Notiz von mir nimmt, denn er dreht sich schon wieder um. Schnell das Handy ans Ohr, den Telefonierenden mimen und zurück zum Handtuch. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Boris doch zu den ganz Harten gehört. Er wirft die Arme vor und stürzt sich kopfüber in die Fluten, taucht unter und nach zwei Zügen wieder auf…
Und das war’s dann auch schon. Er ist fast noch schneller aus dem Wasser als ich bei meinem Liegeplatz.
Nass und verfroren hastet er durch die Wasserpest an Land und trollt sich zu seiner Liebsten, an die er sich ankuschelt.
Das hat er sich jetzt auch verdient. Der Held, der große.

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

Ein Kommentar zu “Boris ist auch so einer…

  1. Der Wiener würd zu so einem Topfen-Neger sagen …

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