Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Hier kommt Olivia

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Gleich wird Olivia es der ganzen Welt zeigen. Sie ist die beste Schwimmerin von allen.
Das hat sie sich fest vorgenommen. Doch noch steht sie eher verdruckst und schüchtern am Beckenrand, unentspannt, einem lebendem Fragezeichen gleich. Die Beine sind verknotet, die Arme liegen am Körper, die Unterarme angewinkelt und vor der Brust verkreuzt. Mit einer Hand spielt sie an der Lippe, zieht sie immer vor und lässt ihren fast zahnlosen Mund sehen.
Olivia ist, so schätze ich, etwa fünf oder sechs Jahre alt. Ich beobachte sie, während ich nach dem Schwimmtraining einen tiefen Schluck aus meiner Trinkflasche nehme. Es herrscht gähnende Leere an diesem Samstag Nachmittag im Erdinger Stadtbadt. Viel habe ich nicht geleistet: Es waren es nur drei Kilometer, also 120 Bahnen. Das ist weniger als mein normales Pensum. Egal. Irgendwie habe ich mich vertrödelt, dabri hatte ich die Sportbahn fast die ganze Zeit für mich allein. An diesem Samstag Nachmittag, einem goldenen Oktobertag, kümmert man sich ja um den Garten, geht radeln oder in die Berge, was auch immer. Aber bitte doch nicht ins Hallenbad.
Es ist zwar schön, allein auf der Bahn zu sein, aber andererseits ist auch niemand da, der mich „zieht“ oder „schiebt“ und mich so antreibt. Also schwimme ich so vor mich hin im gleichbleibenden Rhythmus, kraftsparend aber eben auch weit entfernt von der Belastungsgrenze. Nach drei Kilometern habe ich keine Lust mehr, höre auf  und setze mich auf einen der Monoblock-Stühle am Beckenrand. Und da fällt mir eben Olivia auf.
Jetzt fasst sich das Mädchen ein Herz und spricht den Schwimmmeister an. Der bückt sich freundlich zu Olivia herunter und führt sie dann zur Sportbahn ans tiefe Becken. Also direkt vor meine Nase.
Olivia wird jetzt das Seepferdchen machen. Dazu muss sie, das erklärt ihr der Schwimmmeister, vom Beckenrand springen und gleich los schwimmen, bis hinüber zur gegenüberliegenden Seite. 25 Meter sind das. Und sie darf sich nicht am Rand festhalten. Olivia nickt zaghaft und zieht dabei die Unterlippe wieder vor. Ganz so sicher ist sie sich ihrer Sache also nicht.
Mittlerweile ist Olivias Vater hinzugekommen. Fehlt nur noch, dass  er sagt: „Na also geht doch!“. Vermutlich hat er seiner Tochter vorher gesagt, dass sie selbst den Schwimmmeister ansprechen muss, warum auch immer. Ich habe keine Ahnung, welchem Zweck das dienen soll.
772_0Seepferdchen werden am Wochenende oft abgenommen im Erdinger Schwimmbad, und ich gebe zu: Es macht immer wieder Spaß, zuzusehen, wie eine neue Britta Steffen oder ein neuer Michael Groß „geboren“ wird.
Heute also ist es Olivia.
Vor Wochen war es ein kleiner Junge, der es nicht geschafft hat, nach etwa 20 Metern kraftlos am Beckenrand hing und Rotz und Wasser heulte. Das Kind tat mir unendlich leid.
Olivia wird es besser machen. Sie muss auch nicht auf den Startblock, es reicht, so wiederholt es ihr Vater, wenn sie vom Rand springt. Konzentriert steht sie also am Beckenrand, streckt die Arme vor und setzt zum Kopfsprung an.
„Alle Achtung“, denke ich. Am Ende wird’s mehr ein Bauchplatscher, aber egal. Olivia nimmt’s hin und schwimmt los.
Angestrengt, konzentriert und mit großem Ernst. Fast ehrfüchtig.
Meter um Meter, Zug um Zug.
Der Schwimmmeister geht neben ihr her, der Vater schlurft ihm nach. Immerhin erspart er sich das peinliche Anfeuern seiner Tochter. Am anderen Ende angekommen, hält sich Olivia am Beckenrand fest. Der Schwimmmeister gratuliert ihr, streckt ihr die Hand hin und ehe sie es sich versieht, hat er sie mit einem Ruck aus dem Wasser gezogen und auf ihre Füße gestellt.
Das wäre nicht nötig gewesen. Denn Olivia schwebt.. im siebten Himmel. Er führt sie in einen Nebenraum, händigt ihr den Aufnaäher für ihren Badeanzug und das dazugehörige Dokument aus.
Für den Rückweg wählt sie die Landvariante. Stolz trägt sie das Schwimmabzeichen vor sich her, direkt an meinem Platz vorbei.  Sicher wird ihr das ihre Mutter noch am selben Abend auf den Badeanzug nähen. Nein, ich klatsche nicht, aber ich nicke ihr kurz anerkennend zu. Ob sie es gesehen hat, weiß ich nicht.
Gut gemacht Olivia.

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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