Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Wir sind nicht allein…

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Ein leeres Schwimmbad, und wenn es noch so klein ist, hat seine Reize. So habe ich es sehr genossen, in aller Herrgottsfrühe in einem Mainzer Hotelschwimmbad ein paar Bahnen zu schwimmen – lange, bevor das Tagesprogramm anstand, lange, bevor die Kollegen zum Frühstück erschienen. Das Becken war zwar sehr kurz, das ist in Hotels so üblich wegen der Sicherheitsbestimmungen, aber das macht nichts, für ein paar Bahnen reicht’s dann doch.

Selten genug kommt es vor, dass ich solche Gelegenheiten habe, aber wenn, dann nutze ich sie immer. Bei einem geschäftlichen Kurztripp ist das „Notfallpaket“ immer in der Tasche: Eine Badehose, eine Schwimmbrille und villeicht ein paar Paddles, zumindest, wenn ich zuvor auf der Website des Hotels nachgesehen habem ob sie ein Schwimmbad haben. Geht was, ist es gut. Geht nichts, ist auch nichts verloren. Geschwärmt habe ich davon in einem anderen Blogeintrag schon einmal, darum muss ich das jetzt nicht wiederholen.

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Aber so ganz allein seine Bahnen zu ziehen, hat auch erhebliche Nachteile.

Erst gestern Abend war ich im Erdinger Stadtbad. Wir haben uns die abgetrennte Schwimmerbahn zu zweit bzw. zu dritt geteilt, zwischenzeitlich waren wir auch zu siebt. Das ist nicht ganz einfach, zumal das Tempo der Schwimmer sehr unterschiedlich ist, der eine oder andere hin und wieder von Kraul auf Brust wechselt, dann mit Pullbuoy schwimmt, und dann wieder ohne.

Aber irgendwie einigt man sich doch. Man schwimmt im Kreis, keiner macht eine Rollewende, diejenigen, die pausieren, pressen sich in die Ecken. Man lässt sich überholen oder überholt selbst. Signal mit Berührung des Fußes vom Vordermann zu geben, klappt auch. Aber vor allem stellt man sich nicht so an den Rand, dass dem ankommenden Schwimmer keine Wendemöglichkeit bleibt. Der Knigge, der mal auf swim.de veröffentlicht wurde, wird in den allermeisten Fällen eingehalten. Und wenn man sich wirklich mal in die Quere kommt, entschuldigt man sich gegenseitig, spult sein „Macht nichts, ist ja nichts passiert…“ runter und alles ist gut.

Der Vorteil von Mitschwimmern ist  unbestreitbar: Man passt sich mit dem Tempo der Mehrheit an, in meinem Fall bedeutet das, etwas schneller zu schwimmen. Hat man jemand im Schatten, dann legt man noch einen Zahn zu, nicht, weil man ihn nicht vorbeilassen will, sondern weil man plötzlich wieder merkt, wie langsam man vor sich hin trödelt. Der Wunsch, von Kraul auf Brust zu wechseln, wird unterdrückt. Die Pausenanzahl und -zeit wird reduziert. Selten habe ich meine 3,5 Kilometer so schnell abgezogen wie gestern. Das ist aber nicht alles.

Angesichts einer Diskussion, die ich gerade im Netz verfolge, bin ich dankbar und glücklich, das Privileg zu haben, dass es in Erdingjeden Abend eine Sportbahn für vereinslose Schwimmer gibt. Denn hier wurde vor Kurzem erst das Bad erweitert, ein Anbau mit einem Lehrschwimmbecken kam hinzu. Dort tummeln sich jetzt Schulen, Vereine, Aquagymnastik und -fitness etc. Das „alte“ Becken steht nun Badegästen und Schwimmern ganz zur Verfügung. Eine Schwimmerbahn ist permanent abgetrennt.

Das Schwimmbad in Markt-Schwaben, das isch zuvor besucht habe, hat  schon wieder wegen Renovierung geschlossen – kein herber Verlust für meine Schwimmeinheiten, denn dort ist mittlerweile nur noch an einem Abend in der Woche die Sportbahn frei. Auch in München-Harlaching ist die Schwimmerbahn fast durchgängig von Vereinen belegt. Und selbst an den freien Tagen taucht plötzlich ein Tauchkurs auf und die Schwimmer werden vom Bademeister gebeten, die Sportbahn zu räumen.

Dieses Problem das sich in vielen Bädern wiederholt, hat die Berliner Journalistin und Schwimmerin Claudia Keller unlängs im  Tagesspiegel unter der Übershrift „Lasst mich schwimmen“ bemängelt. Was ihr alles in die Quere kommt, schildert sie auf’s Vortrefflichste: Da gibt es die Damen, die Schwimmen mit Kaffeeklatsch verwechseln, und die Männer, die Bäder für Single-Börsen halten und vor lauter Glotzen nicht geradeaus steuern können. Nicht zu vergessen die Langsamflossler, die sich in grandioser Selbstüberschätzung partout nicht überholen lassen wollen. Oder die Rückenschwimmer, die kreuz und quer paddeln, als wären sie allein auf der Welt. Denn natürlich müssen sich auch in Berlin die vereinslosen aber ambitionierten Schwimmer im Restbecken zusammenquetschen, derweil im Sportbecken alles Mögliche stattfindet. So wie in Markt Schwaben eben auch. Claudia Kellers Frage lautet zu Recht:  Sind wir Sportschwimmer nicht die Stammkunden? Wir kaufen die Zehnerkarten, lassen uns von schlecht gelauntem Personal gängeln, ertragen hässliche Kacheln und Fußpilz und steigen Jahr für Jahr 52 Wochen lang ins Becken, ob es 30 Grad warm ist oder schneit. Wäre es nicht an der Zeit, uns endlich mehr zu bieten?

tagesspiegelEinwerfen möchte ich: Also schlecht gelaunt ist das Personal hier nicht, im Gegenteil. Höflich und freundlich und immer zu ’nem Plausch bereit, davon könnte ich auch mal was schreiben.

Swim.de hat den Beitrag auf seiner Facebook-Fanpage verlinkt, dort wurde der einhellig bestätigt. Es scheint, überall das Gleiche zu sein. Die Einträge lauten „spricht mir absolut aus der seele!“ über  „Das traurige ist, dass das auch ein Thema hier in Österreich ist und zwar in genau diesem Ausmaß. Wir sind halt nur Schwimmer und keine Fußballer oder Tennisspieler“ bis zu …“Auf Anfrage bei der Stadt wurde von der Sprecherin mittgeteilt das man sich für geregeltes Schwimmtraining entweder den Vereinen anschließen möge oder auf andere Zeiten ausweichen muß.“

Schon klar. Wir sind nicht allein. Auch die Moderlieschen und Dienstagsarschlöcher haben das Recht, sich in Schwimmbädern zu tummeln. Das tun sie auch – zum Teil in großer Zahl. Wer aber zum schwimmen ins Schwimmbad geht, ist nicht selten der Dumme. Auch wenn die vereinslosen Schwimmer eine sicherlich zahlungsrlevante Masse der Schwimmbadbesucher darstellen – weil sie eben immer wieder kommen. Solange, bis sie keinen Nerv mehr haben angesichts des Treibholzes im Wasser.

In Erding ist das nicht so, dort hat die Schwimmbadverwaltung offensichtlich erkannt, dass es nicht nur Badegäste, sondern auch Schwimmer gibt und ihnen eine Trainingsbahn reserviert. Und das ist gut so.

Danke dafür!

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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