Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Bescheißen und Belohnen

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„Schaut doch mal. Das ist fast schon rührend… Der alte Mann mit den grauen Haaren. Zwängt sich in ’nen fina-freigegebenen Jammer, da quillt das Bäuchlein über den Bund. Dann streift er die Paddel über, der Einzige, der das hier macht.“

„Da reiht er sich ein in die Sportschwimmer, müht sich redlich, kann mit dem Tempo aber kaum mithalten. Kein Wunder: Das sind Bundeswehrsoldaten, die sich auf den Leistungsnachweis vorbereiten. Eîner ist Sportoffizier.

„Und die anderen sind Oberstufenschüler, die für’s Abitur trainieren und Triathleten in ihrem Winterquartier.“

„Aber er müht sich doch so tapfer. Er macht kaum Pause, krault fast die ganze Zeit, höchstens mal eine oder zwei Bahnen Brust.“

„Trotzdem wird er überholt, die anderen ziehen bei den Wenden vorbei. Er kommt halt nicht mehr ganz mit.“

„Tja, sag ich doch: Fast schon rührend.“

Hey! Reden die von mir?
Ich bin weder altes Eisen, noch Treibholz im Wasser und schon gar kein Totholz. Ihr da auf der Sportschwimmerbahn: Ihr könntet alle – na ja, fast alle – rein rechnerisch meine Kinder sein. Und dafür, finde ich, habe ich mich gut gehalten. Andere in meinem Alter liegen längst als Fleischklops auf dem heimischen Sofa, verdauen Chips und RTL2 und sind so träge wie ein Rollmops auf Beinen.
Ach so, die meinen mich gar nicht?
Dann ist es ja gut. Im Prinzip ist mir das auch herzlich egal. Ich muss mich nicht rechtfertigen, mich nicht unter Leistungsdruck setzen, keine Bestzeiten oder Strecken nachweisen. Ich kann kommen und gehen, so oft, wie ich es will. Und ich kann so viele Bahnen schwimmen, wie ich will. Als ambitionierter, aber vereinsloser Sportsschwimmer hat man so seine Vorteile…
Ich kann mich zum Beispiel auch selbst bescheißen.
Das heißt, dass ich einfach abkürzen kann, wenn mir danach ist. Dann lasse ich einfach 10 Bahnen weg. Oder 20. Statt der 3,5km sind es dann eben nur 3, oder auch nur 2,5km. Das ist alles schon vorgekommen. Mal versagt die Lust, mal ist es zu voll, mal wird die Zeit knapp.
Denn für’s Bescheißen muss ich mich sofort belohnen. Oder besser anders herum: Um mich belohnen zu können, muss ich mich erst becheißen. Also meistens.
Konkret bedeutet das, dass ich die Zeit, die ich abends im Schwimmbad bin, anders einteile, seit ich öfters in Erding schwimme. Ich achte genau auf die Zeit, wann ich aus dem Wasser komme. Denn Erding bietet bei etwa gleichem Eintrittspreis wie die anderen Bädern zwei ungemeine Vorteile:

1.ist immer eine Sportschwimmerbahn für die Allgemeinheit frei. Dafür habe ich mich unlängs erst bedankt.

2. gibt es zwei Dampfbadkabinen. Anderswo könnte ich ja zumindest am Wochenende diue Saunalandschaft hinzunehmen, aber ich will ja eigentlich nur schwimmen. Und eben hinterher ein oder zwei Gänge ins Dampfbad machen. Und das ist im Preis mit drin..

Gibt es etwas Herrlicheres, als ausgepowert im Schwitzkastl Platz zu nehmen, heiße Luft mit Birkenholz-, Lemon- oder sonstigen Aromen um sich wehen zu lassen?
Irgendwer hat immer ein Handtuch dabei, irgendwer gibt immer den ehrenamtlichen Saunawedler.Und ich bin der Ansicht, dass ich mir das verdient hebe – zumindest, wenn ich mehrmals in der Woche im Schwimmbad war, dann muss es an einem Abend wenigstens sein.
Tja. Aber dieser Luxus kostet auch Zeit. Ich muss spätestens um 20.30 aus dem Wasser sein, will ich entspannt zwei Mal ins Dampfbad gehen. Je nachdem, wann ich es schaffe, im Wasser zu sein, kann das schon ganz schön knapp werden. Will ich also alles unter einen Hut bringen, dann gibt’s es nur zwei Lösungen: Entweder schneller schwimmen oder weniger.
Schneller schwimmen geht irgendwie nicht. Zumindest nicht, wenn ich gegenüber meinem sonstigen Pensum 10 bis 15 Minuten rausholen muss. Zwar habe ich es geschafft, seit ich vor zwei Jahren mit dem Schwimmen wieder angefangen habe, das Tempo kontinuierlich etwas zu steigern. Ich schaffe die dreieinhalb Kilometer etwa  25 Minuten schneller als von eineinhalb Jahren, aber noch mal ne Viertelstunde ist einfach nicht drin.
Bleibt, abzukürzen. Weniger Strecke. Also bescheißen.
Und belohnen. Mich.
Seit ich in Erding schwimme, hat der innere Schweinehund wieder mächtig zugelegt. Er bellt, knurrt und kläfft: Heute nicht 140 Bahnen. 120 reichen auch. Oder 100. Du hast doch eh keine Lust. Und überhaupt: Es geht doch niemanden was an, niemand kontrolliert, niemand fragt, wie viel Du geschwommen bist. Dann wieder winselt er: Ich kann nicht mehr, und Du auch nicht, hör doch einfach auf für heute.
Die Verlockung, einfach aus dem Wasser zu steigen und nach angemessener Pause ins Schwitzhaus zu gehen, ist einfach zu groß. Wer oder was sollte mich daran hindern?
Es muss etwas geschehen, alter Mann.
Aber erst mal ab in die Sauna…

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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