Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Mantra-Schwimmen

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Kirsten Bruhn ist eine faszinierende Frau, die allergrößte Anerkennung verdient. Ihre sportlichen Leistungen sind phänomenal, sie hat mehr Rekorde geholt und Medaillen geholt als die meisten aktiven Sportler. Sie ist, das lässt sich wohl behaupten, eine der erfolgreichsten Schwimmerinnen, die wir derzeit in unserem Land haben.

London 2012 Paralympic Games - SchwimmenUnd sie ist nach einem Motorradunfall inkomplett querschnittsgelähmt.  Vielleicht steht sie dehalb nicht so im Rampenlicht wie Britta Steffen oder weiland Franziska van Almsiek. Das ist umso weniger nachzuvollziehen, denn Kirsten Bruhn hat ihre phänomenale Karriere erst in einem Alter begonnen, in dem sich die anderen Schwimmerinnen aus dem aktiven Profisport zurückziehen, um für irgendwelche Drogerieartikel oder was weiß ich Werbung zu machen. Sie hatte bereits die 30 übershritten.

Kirsten Bruhn macht auch Werbung: Für sich, für die Sache und für den Film „Gold – Du kannst mehr, als Du denkst„, der dieses Jahr in die Kinos kam, leider kein großer Erfolg war  – was bei Dokumentationen kein Wunder is tund bei Behindertenthematik erst recht nicht. Zweimal habe ich Kirten Bruhn bei Vorabpräsentationen des Films auf der Bühne gesehen und ihr zugehört. Ich gebe zu, dasfand ich etwas anstrengend. Ihre Stimme und ihre Sprechweise passen nicht ganz in meine Vorstellung von angenehmen. Aber was sie zu sagen hat, ist nicht nur bewegend, es ist motivierend und  nachdenklich stimmend zugleich. Es lohnt sich, ihr zuzuhören.
Vor einiger Zeit hörte ich eine Radio-Talkshow im Bayerischen Rundfunk mit ihr. Diese Frau verdient, das sagte ich schon, großen Respekt und Hochachtung.  Selten haben mich Radio-Talk-Shows so zum Nachdenken gebracht. Was kann man nicht alles von dieser Frau lernen?
Einige Tage später, im Schwimmbad, bei Bahn 34 kommt mir das Interview wieder in den Sinn. Heute habe ich überhaupt keine Lust. Meine Motivation, die noch fehlenden 106 Bahnen zu schwimmen, geht gegen null. Das hat drei Gründe:

1. Die Mittagspause habe ich bei McDonald’s verbracht. Hamburger Bacon, Pommes, Cola, eben das volle (Kalorien)-Programm. Denn ich wusste ja, heute abend geht’s ans Verbrennen. Da sind 3,5km Ausdauer angesagt. Scheiß auf Salat oder Süppchen. Rein mit dem Big Tasty.

2. Es ist heute  sehr voll auf der Sportbahn. Das Tempo ist unterschiedlich, die Schwimmstile sind es auch. Man tastet sich aneinander vorbei, überholt sich, zieht und schiebt sich etwas, aber es macht wenig Spaß. Alle gehen freundlich miteinander um, man nickt oder lächelt sich in den Verschnaufpausen zu, aber jeder denkt: 2-3 Leute weniger auf der Bahn könnten’s schon sein. Woher ich das weiß? Na ich denke ja auch so.

3. Fehlt mir die Zeit. Daran ist ein Sattelschlepper schuld, der mit Tempo 50 auf der Kreisstraße vor sich hingetuckert ist. Überholmöglichkeit: Null. Dieser erbärmliche Schleicher, Mauteinsparer und Landstraßenverstopfer kostet mich 10 Minuten. Und genau die werden mir fehlen, wenn ich nach dem Schwimmen zwei Runden Dampfbad machen will. Eine geht, aber die zweite nicht. Dafür macht das Stadtbad zu früh zu. Es sei denn… Genau. Ich streich einfach 10 oder 20 Bahnen, oder 30. Eben so viel, wie ich noch brauche, um spätestens um 20.30 Uhr aus dem Wasser zu sein. Devon habe ich ja schon mal geschrieben.

Wäre da nicht Kirsten Bruhns Interview. Kein Witz. Irgendwie ist mir das peinlich, jetzt einfach das Training abzukürzen. Mensch, reiß Dich zusammen, schreit die Vernunft und ringt den schon knurrenden inneren Schweinehund nieder. Und dann fällt mir wieder dieser Satz ein, der auch zum Untertitel des Film wurde: Du kannst mehr als Du denkst.

mantraDen hat sie im Interview gesagt. Der hat sich eingebrannt. Sechs Wörter, sechs Silben, sechs Kraulzüge. Dann atnmen. Und dann wieder von vorne. Du – kannst – mehr – als – Du denkst – Du – kannst – mehr – als – Du denkst – Du – kannst – mehr – als – Du denkst – Du – kannst – mehr – als – Du denkst…
Wie ein Mantra: Diese heiligen Verse, die durch permanente, repetitive Rezitation eine spirituelle Kraft verleihen sollen. Du – kannst – mehr – als – Du denkst – Du – kannst – mehr – als – Du denkst – Du – kannst – mehr – als – Du denkst – Du – kannst – mehr – als – Du denkst…
Das funktioniert. Wirklich.
Noch 59 Bahnen, noch 58, 57… Vor lauter Mantra vergesse ich fast, die Bahnen zu zählen, die ich noch schwimmen will. Vorbei ist der Gedanke, 120 täten es heute auch. Ich pendel mich auf ein gleichmäßiges und relativ hohes Tempo ein, komme überhaupt nicht mehr auf die Idee, auf Brustschwimmen zu wechseln.
Du – kannst – mehr – als – Du denkst – Du – kannst – mehr – als – Du denkst – Du – kannst – mehr – als – Du denkst – Du – kannst – mehr – als – Du denkst…
Um 20.38 Uhr verlasse ich das Becken. Geschafft. Die 3,5km sind voll. Keine neue Bestzeit, aber doch beachtlich schnell.
Zeit für’s Dampfbad.
Eine Runde geht schon noch.
Danke Kirsten Bruhn.

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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