Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Von Damian, Fröschen und Froschmännern

Ein Kommentar

20140524_161953„Ey, willst Du mal sehen, was ich gefangen habe?“. Mit „Ey“ meint er mich. Vor mir baut sich ein etwa vierjähriger Junge auf. Er ist nackt bis auf die Unterhose und kommt direkt aus dem Wasser. In der Hand hält er einen alten Plastikbecher.
„Klar“, antworte ich. „Zeig mal!“
Das Kind lässt mich einen Blick in den Becher werfen. Ein paar Kaulquappen schwimmen nervös hin und her.
„Im Wasser, da sind ganz viele!“ Er deutet auf das flache Wasser am Ufer des Wiflinger Weihers. „Das werden alles mal Frösche!“
„Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig“, denke ich, aber sage es nicht. Erstens wird ein Großteil der Quappen bis zur Metamorphose gefressen worden sein, und zweitens werden die, die durchkommen, Erdkröten. Das ist was Anderes. Aber egal. Ich halte mich zurück mit Klugscheißereien und Besserwisserei. Solche Erwachsene wird der kleine Nachwuchs-Herpetologe noch früh genug erleben, spätestens, wenn er in die Schule kommt. Außerdem ist es  ja nicht seine Schuld, dass er sich ausgerechnet einen Erwachsenen zum Plaudern ausgesucht hat, der ein wenig was über Anuren weiß.  Andererseits:  Die Auswahl ist nicht groß, so viele Menschen treiben sich an diesem Samstag nicht auf der Liegewiese herum. Es ist eher kühl. Badegäste sind Fehlanzeige, selbst die Permanentbräuner, die sonst morgens schon ihre Klappliegen aufstellen und schon im Mai eine Haut haben wie ein uraltes Grillhendl, sind heute nicht gekommen. Nur ein paar Radfahrer und Spaziergänger hat es an den Weiher gezogen. Sie sitzen hinter dem Kiosk auf den Bänken und sind so sehr mit sicher beschäftigt, dass der Junge – wie auch andere Kinder – völlig sich selbst überlassen werden. Was ja auch kein Problem darstellt.
„Ich hab auch schon einen Frosch gefangen“, erzählt er weiter. „Aber den hab ich wieder freigelassen.“
Dafür lobe ich ihn: „Das war sehr klug von Dir!“ Schließlich: Was will der Junge auch daheim mit einem Kleinen Wasserfrosch? Mehr sage ich nicht, jetzt bloß nicht selbst mit dem lehrerhaften Getue anfangen und dem Kind erklären, dass er das Tier aus naturschutzrechtlichen Gründen gar nicht mitnehmen darf.
„Und einmal…“, das Kind ist sehr mitteilungsbedürftig und hat diese wunderbare Mischung aus Distanzlosigkeit und Unbefangenheit gegenüber Wildfremden noch nicht verloren. „Einmal hab ich hier einen ganz großen Frosch gefangen. Der war soooo….“
Mit den Händen zeigt er eine Spanne, in die er locker einen westafrikanischen Golitahfrosch hinbekommen würde. Ich wage das zu bezweifeln, kein heimischer Froschlurch bringt es auf 30 Zentimeter Kopf-Rumpf-Länge oder mehr. Aber auch hier gilt: Halt Dich zurück. Mit dem Kleinen geht gerade die Phantasie etwas durch.
„Was machst Du jetzt?“ fragt er mich. Denn ich bin nun fertig, habe mein Handtuch und den Fleecepullover in die Sonne gelegt. Jetzt werde ich mich umziehen, um im Weiher – vermutlich zwischen Tausenden von Krötenquappen und kopulationswilligen, quakenden Wasserfröschen – ein paar Runden zu drehen. Darauf freue ich mich schon seit Wochen. Heute eröffne ich die Freiwassersaison.
„Jetzt geh ich schwimmen“, antworte ich und ziehe mir das T-Shirt aus.
„Ist das nicht zu kalt?“ fragt er mich und beäugt mich kritisch.
Ich hoffe nicht“, antworte ich und sorge mich insgeheim, dass es wirklich etwas kalt sein könnte. Ich habe die Thermoslasche mit dem heißen Tee vergessen, was mich etwas ärgert. Aber nun ist es zu spät. Am Kiosk gäb’s ja nen heißen Kaffee, ich bin also nicht komplett verloren, wenn ich frostblau aus dem Wasser steige.20140524_145902
„Gehst Du tauchen?“ lautet die nächste Frage, denn ich packe meine Aqua-Sphere-Vista Schwimmbrille aus.
„Nein. Nur Schwimmen.“
„Aber Du hast ne Taucherbrille!“ bezichtigt er mich der Unwahrheit. Vielleicht wird er doch kein Froschforscher sondern Polizist.
„Nein. Das ist nur eine Schwimmbrille, damit mir nicht das Wasser beim Schwimmen in die Augen läuft. Ich seh ja sonst nichts.“
Das überzeugt ihn zwar, aber als ich meinen Neoprenanzug auspacke, schwindet sein Vertrauen in meine Antwort.
„Du gehst ja doch tauchen. Du hast doch nen Taucheranzug.“
„Der ist auch nicht zum Tauchen, der ist nur zum Schwimmen. Weil das Wasser so kalt ist.“
Der Junge ist nicht überzeugt. Er überlegt.
„Wie tief schwimmst Du denn?“
Eine clevere Fangfrage, der wird nicht Polizist, der wird Staatsanwalt.
„Ich schwimm nicht tief. Ich schwimm weit. Das ist was anderes.“ Dann frage ich, ob ich mich jetzt umziehen dürfe, und das würde ich gern allein tun.
„Ok“, antwortet er gönnerhaft und schickt sich zum Gehen an. „Ich fang wieder Frösche. Die zeig ich Dir dann.“
„Ist in Ordnung“, antwortete ich.
Eine Minute später schäle ich mich in meinen brandneuen Neoprenanzug.
Scheiße! Ist der eng. Dabei hat er doch im Herbst, als ich ihn reduziert gekauft und einmal anprobiert habe, so gut gepasst. Sollte ich tatsächlich den Winter über so viele Muskeln aufgebaut haben?
Am Ende passt er doch; irgendwie. Den Reißverschluss auf dem Rücken zu schließen, entwickelt sich zum verzweifelten Kampf. Ich komm mir vor wie ein Hampelmann, wie eine Belustigungsnummer für die Zuschauer, die am Kiosk sitzen.
Also geh ich hin und frage den erstbesten, der dort mit seiner Clique sitzt, ob er mir bitte den Reißverschluss hochziehen kann.
„Jau. Det mach ick dia“, antwortet einer im tiefsten Nicht-Bayerisch. Im traditionsbehafteten Erdinger Land wird eben noch Mundart gesprochen. Der Mann erhebt sich. „Watt wollte denn der Deimien von Dir? Watt hatta denn so erzählt?“
Ah – Deimien heißt also das Kind. Schreibt sich wohl Damian oder Damien, spricht sich aber genauso wie sein Namenspatron aus Das Omen. Dann dürfte der Mann wohl sein Vater sein.
„Er hat mir seine gefangenen Quappen gezeigt und erzählt, dass er einen Frosch gefangen hat. Und dann hat er mich gefragt, ob ich tauchen gehe.“
Cool wa?“ fragt Damians Vater nicht ohne Stolz.. „Und geh’se?“
„Nee, nur schwimmen.?“
„Sach ma ährlich. Damit kann‘se schwimmen?“
„Na das hoff ich doch“, antworte ich.
„Ganz schön eng, wa?“ Mit einem Ruck reißt er den Reißverschluss hoch. Er ist zu. Zum Glück hat er mir dabei nicht die Rückenhaut mit reingezogen.
„Geht schon“, antworte ich, atme möglichst flach und strecke mich, damit ich nicht ganz so wie eine Presswurst auszuschaue.
„Na denne! Hau ma rin…“ Wenn er mir jetzt noch ermunternd einen Klaps… nein: Tut er nicht.
Ich bedanke mich artig, und wanke ins Wasser. Schwimmbrille und Silikonkappe sind schnell aufgesetzt. Ab geht‘.s
Wieder mal halte ich mich für komplett bescheuert. Es ist arschkalt. Warum mache ich das? Und warum trägt dieser Anzug so auf? Ich komm mir vor wie so’n fetter Korken, der im Wasser treibt.
Nach etwa 200 Metern weiß ich, dass es eine Scheißidee war, in den Weiher zu steigen. Nach weiteren 200 Metern bin ich mir sicher, dass ich nach der ersten Runde das Wasser verlassen werde. Als die allerdings absolviert ist, schwimm ich die zweite.
Damian jagt noch immer Frösche, seine Eltern und deren Freunde sitzen noch immer am Kiosk. Ich bin der Einzige im Wasser und genieße die volle Aufmerksamkeit aller – inklusive der beiden freiwilligen Wasserwachtler. Da werde ich doch nicht nach so kurzer Strecke kapitulieren.
Nein. Runde zwei wird absolviert. Zug um Zug wird es besser. Es ist gar nicht sooo kalt. Hände und Füße werden nicht blau. Der Anzug funktioniert. Alles ist gut. Ein zweiter Schwimmer taucht auf. Auch im Neoprenanzug. Das spornt an.
Nach der zweiten Runde husche ich aus dem Wasser, hole meine Schwimmpaddel und husche ebenso und schnell wieder hinein. Damian muss das nicht merken. Sonst muss ich ihm das auch noch erklären.
Bei Runde drei kollidiere ich fast mit einem Motorboot. Gut, dass es nur so ein kleines Funkferngesteuertes ist. Zwei Jungen am Ufer finden das witzig, dass sie ihr Boot auf mich zusteuern. Na ja. Sollen sie. Wenn das Boot mit mir zusammenrumpelt und plötzlich nen Motorschaden hat (ups, wie konnte das passieren? Da hat’s wohl eins mit nem Arena Vortex Evolution Hand Paddle gegeben), stehen sie schön doof da. Zurück an Land bekommen sie ihr Schiffchen nur, wenn sie dann selbst ins Wasser steigen… Ich schlepp ihnen das nicht raus.
Weiter geht’s: Runde vier. Es ist einfach herrlich. Wie konnte ich nur am Anfang so zögerlich sein?
Als ich nach etwa einer Stunde das Wasser verlasse und mich in der Sonne aufwärme, kommt auch Damian wieder an. Er hat seine Freunde Adrian (sprich: Eidrien) und Annika (sprich: Annika) dabei. In einem alten Farbeimer schleppen sie zwei Wasserfrösche durch die Gegend.
„Cool!“ kommentiere ich. Sie erwarten das. „Da bin ich aber froh, dass Ihr mich nicht auch aus dem Wasser herausgefangen habt. Wie so ne Kaulquappe, oder so’n Froschmann.“
Adrian schaut mich fragend an, als überlege er, ob ich ihn verarschen wolle. Auch Annika ist sich nicht sicher. Das Wort Froschmann kennen sie nicht.
Nur Damian grinst. „Nöö. Du tauchst ja nicht. Du schwimmst ja nur. Hab ich doch gesehen.“

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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