Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Auf Scheuertouren…

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Scheuertouren – auch so ein deutsches Wort, das sich lohnt, in der Liste meiner Leblingswörter gesammelt zu werden.
Was das ist?
Das Internet gibt Auskunft, genauer gesagt, das Sofaportal: Als Scheuerbeständigkeit wird die Widerstandsfähigkeit eines Stoffes gegen Abrieb bezeichnet. Dabei wird der zu testende Stoff mit einer bestimmten Gewichtsbelastung gegen einen wollenen Standardstoff gerieben… Die Umdrehungen (Scheuertouren) bis zur Beschädigung des Stoffes werden gezählt. Je höher die Anzahl der Touren, umso scheuerbeständiger ist der Stoff.
Nun gelten für Polstermöbel von 10.000 bis 45.000 als Richtwert, je nach Benutzungsort. Klar, dass ein Sitzmöbel im Bus mehr Scheuertouren aushalten muss als das heimische Sofa. Viel weniger Scheuertouren als jedes Möbel aber hält mein Hals aus, wie ich unlängst bei einer 4,5km langen Schwimmeinheit im örtlichen Freibad erfahren habe. Die Scheuertouren gehen gegen Null, und damit auch die Frustrationstoleranz.
Dabei fing alles recht entspannt und vielversprechend mit dem Test eines neuen Neopren-Shortys an:
Da ich zu den Schwimmern gehöre, die nicht besonders kälteresistent sind, schwimme ich, wenn das Wasser zu kühl ist, gerne im Neoprenanzug. Während andere locker ihre Runden in Badehose oder –anzug drehen, pelle ich mich manchmal lieber gleich in die Kunststoffhaut. Das ist halt so und muss weder entschuldigt noch gerechtfertigt werden, das nur am Rande.
Bezogen auf die Wassertemperatur ist der Unterschied zwischen Schwimmen mit und ohne Neoprenanzug relativ groß und nicht immer ist das eine oder andere die richtige Wahl, wie ich es zum Beispiel während des Urlaubs an der Adria wieder bemerkt habe. Manchmal ist der Neoprenanzug übertrieben, aber ohne Anzug wird es doch zu kalt, wenn man das Wasser nicht nach einer halben Stunde schon wieder verlassen will. Als Zwischenlösung empfiehlt sich ein Shorty. Und genau so einen habe ich nach langer und gründlicher Recherche im Netz auch gefunden und gekauft – also bestellt. Ein Fehler, den ich öfter mal mache, denn selten passt das Bestellte so, dass ich wirklich zufrieden bin. Aber ich lerne nicht aus. Aber was bleibt einem übrig, wenn die Sortimente der hiesigen Sportgeschäfte zwar jeden noch so überflüssigen Fanartikel des FC Bayern anbieten, aber nur sehr rudimentär Sportartikel für Schwimmer im Sortiment haben –Neoprenanzüge? Fehlanzeige. Dazu müsste ich schon nach München fahren, was ich zwar könnte, mir aber irgendwie die Lust fehlt. Diese Bequemlichkeit allerdings hat seinen Preis.
pi-peTrotz bester Bewertungen im Netz musste ich schnell feststellen, dass der gekaufte Neo-Shorty sein Geld nicht wert ist. Das mag auch teilweise an mir und meinem Körperbau liegen, oder an den Größentabellen und Bezeichnungen. Denn „L“ ist nicht bei allen Herstellern „L“, „M“ nicht „M“ und „XL“ eben nicht „XL“. Und die Zwischengröße „TL“ ist kaum zu bekommen. Was also bleibt, ist „L“ zu bestellen. So teuer ist der Shorty nicht, dass ich das Risiko nicht wage.

Den Testlauf absolviere ich an einem kühlen Nachmittag im beheizten Freibad. Auf eine Kurznotiz auf Facebook fange ich mir irritierende Nachfragen von Schwimmfreunden ein: „Mit Neo im Freibad?“ Das ist ja völlig inakzeptabel. Fast so, als schriebe man, man würde mit Luftmatratze schwimmen.
Mir egal. Wie schon gesagt: Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen außer mir selbst. Bevor ich damit die Weiten des Chiemsees erschwimme, will ich wissen, ob das Teil was taugt. Und gut, dass ich das schon im Freibad habe überprüfen können. Denn es taugt nichts, zumindest nicht zum Schwimmen. Zwar stimmt alles in der Länge, das ist aber auch das Einzige, was passt. In der Weite passt Pi-Pe (so heißt das Modell irritierenderweise) ganz und gar nicht. Im Bauch-Rückenbereich bildet sich eine große „Blase“, die sich mit Wasser füllt. Größe „L“ scheint mehr so für Kugelbauchträger geschnitten zu sein. Zu viel Wasser zwischen Anzug und Haut stört grundsätzlich. Aber es kommt zudem dauernd neues dazu. Bei jedem Schwimmzug dringt Wasser ein, weil weder Armabschluss noch Hals richtig dicht sind. Damit ist der Sinn des Neoprenanzugs verloren. Denn es nützt ja nichts, das Wasser im Shorty aufzuwärmen und als Wärmeschicht zu nutzen, wenn permanent Kaltes nachkommt. Im beheizten Freibad ist das egal: Im Freiwasser gerade eben nicht.
Der nicht schließende Halsausschnitt erweist sich auch aus einem anderen Grund als größte Schwachstelle. Richtig – er verursacht permanente Scheuertouren und lehrt mich eindrucksvoll, dass mein Hals keinerlei Scheuerbeständigkeit aufweist.  Mein Hals wird fortwährend ge-, und das ist (man verzeihe den Flachwitz) bescheuert. Nach 4,5 Kilometern sehe ich aus, als sei ich frisch vom Galgen abgeschnitten worden. Dunkelrote Strangulationsmale, an denen jeder Forensiker seine Freude hätte, zieren meinen Hals an beiden Seiten. Es schmerzt, und das über Tage: Heißes Duschwasser, Rasieren, Hemdkragen – alles wird extrem unangenehm. Ein Sommerschal kaschiert den Abrieb und vermeidet, von Freunden und Kollegen befragt zu werden, was mir denn widerfahren sei. Damit gewinnt das Wort Scheuertour noch einmal eine ganz andere Bedeutung. Das gesamte Schwimmtraining war eine einzige solche.
Natürlich hätte ich meinen Hals oder den Neo vor dem Schwimmen dick mit Vaseline, Melkfett oder Kaufmanns Kindercreme einschmieren können. Theoretisch wusste ich das vorher. Aber ich habe es eben nicht gemacht. Und ich habe blöderweise auch die kleine Silberkette nicht abgetan. Aber weder das eine noch das andere war bisher beim langen Neoprenanzug nötig. Zu solchen Scheuerverletzungen ist es nie gekommen, darum habe ich gar nicht erst daran gedacht. Ganz abgesehen davon bin ich auch kein Freund davon, mir Creme in Doppelkinnstärke an den Hals zu schmieren und dann in ein öffentliches Schwimmbad zu gehen. Ich finde, man hat als Benutzer eine erhebliche Mitverantwortung für die Reinhaltung des Wassers (was übrigens auch im Freiwasser gilt) und muss es nicht mit Chemikalien, die man am Körper trägt, unnötig belasten.
Fast eine Bagatelle ist es, dass der Pi-Pe auch an den Achseln kneift. Dabei sollte doch „L“ ein wenig mehr Spielraum in Schulter-, Achsel- und Oberarm zulassen. Ich bin alles andere als eine Kante, aber so etwas geht gar nicht. Mit dem Kneifen ist es zwar nach einigen Schwimmbahnen vorbei, wechsle ich allerdings von Kraul auf Brust, geht es gleich wieder los. Dieser Pi-Pe will nur kraulend bewegt werden, wie ich beim Testlauf bemerke. Und das kann nicht Sinn der Sache sein. Wo kommen wir denn dahin, wenn mir ein Neopren-Shorty vorschreibt, in welchem Stil ich schwimmen soll?
Fazit: Soll die Schwimmtour nicht zur Schwimmtortur werden, muss der Pi-Pe weg. Jetzt hängt er vorerst auf der Terrasse. Nein. Nicht am Galgen. Dort wartet auf den Weg alles Irdischen, was bei Gegenständen bedeutet: Ab damit zu Ebay. Vielleicht gibt’s ja einen Dickhalsigen, dem das gute Stück besser passt als mir.

Damit aber habe ich mein Ausgangsproblem nicht gelöst ist. Ich brauche einen Shorty. Einen neuen. Und den habe ich mir soeben gekauft – online natürlich. Der Mensch lernt eben nie etwas dazu.

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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