Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Gezählte 5K und gefühlte 45°C

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Rückblick. Vor einer Woche:

Da braut sich was zusammen. Schon fallen die ersten Regentropfen vom Himmel. Ein Gewitter ist im Anzug… Wie so oft in den vergangenen Wochen. Man gewöhnt sich langsam daran. Dennoch fällt es schwer, an einem Wochenende einem Gewitter seine positiven Seiten abzugewinnen, es sei denn, man möchte einen gemütlichen Nachmittag auf der Couch verbringen, dazu einen guten Kaffee und ein nettes Fernsehprogramm. Wenn man aber „Hummeln im Hintern“ hat, etwas unternehmen will oder erledigen muss, dann nervt so ein Unwetter. Vor allem nervt es, wenn man am Samstag schwimmen gehen will, den ganzen Vormittag bei strahlend blauem Himmel bis hinein in den Nachmittag mit diesem oder jenem beschäftigt ist und Zeit aus dem Blick verliert. Dann, als man es endlich schafft und im Auto sitzt, baut sich natürlich eine schwarze Wolkenwand auf. zu spät! Natürlich: Das ist jetzt dumm gelaufen.
Blitze zucken, Donner grollen, der Wind fegt durch die Bäume. Das ist ungefähr das beschi….nste Wetter, das man haben kann, um ins Wasser zu steigen. Starkregen allein macht mir ja nichts aus, aber wenn ein Gewitter dazu kommt, dann wird mir das Ganze zu mulmig… was heißt: Zu gefährlich. Also vertage ich meine samstäglichen Schwimmambitionen auf den nächsten Tag. Schließlich folgt auf Regen Sonnenschein, wie auf einen Samstag der Sonntag.
Der aber lässt nicht wirklich Gutes hoffen. Schon wieder zieht eine schwarze Front auf und es beginnt – als ahnte ich es – zu regnen, kaum dass ich im Auto sitze:
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Aber ich habe gut geplant. Ich steuere nicht etwa einen der Weiher in der Nähe an sondern das örtliche Freibad. Sollte es tatsächlich gewittern und nicht nur etwas regnen, dann bin ich im Nullkommanix aus dem Wasser, zur Not nach freundlichem Pfiff durch den Bademeister. Der wird schon auf das Wetter achten. Das wäre im Weiher nicht so. Dort muss ich selbst den Himmel im Blick behalten und dort ist auch der Weg bis zum Ufer unter Umständen ganz schön weit. Außerdem ist es im Freibad so wunderbar leer, wenn es regnet. Das Wasser ist geheizt und zur allergrößten Not habe ich meinen neuen Neopren-Shorty dabei. Dann passt das schon. Also ab ins Erdinger Freibad…

Als ich ankomme, ist das Gewitter fast schon „verblasen“, der Regen hat aufgehört. Hin und wieder lugt sogar die Sonne durch. Auf den Neopren-Shorty verzichte ich. Nach den Erfahrungen mit den Scheuertouren habe ich mir flugs einen neuen gekauft, aber getetestet ist er ohnehin schon, also bleibt er in der Tasche.
Wir sind, als ich ins Becken steige, zu Acht. Auf jeder Nahn schwimmt jemand. Ich quetsche mich zwischen Bahn drei und vier und schwimme los. Nach 200 Metern ist Bahn drei frei, die Schwimmerin ist fertig. Ich übernehme die Bahn und dann geht es Schlag auf Schlag: Ein Schwimmer nach dem anderen rückt ab, vermutlich geht es zum heimischen Mittagstisch. Dass es immer leerer wird, ist verwunderlich. Eigentlich müsste es sich langsam füllen, denn es wird wärmer und heller, von einem Gewitter ist nichts mehr zu sehen. Statt dessen wird es fast schon schwül-heiß. Jetzt müssten doch eigentlich die „normalen“ Badegäste langsam eintrudeln, selbst die Langschläfer könnten doch mittlerweile wach sein, es ist schließlich Mittagszeit. Aber es kommen nur wenig neue Badegäste. Das ist mir ganz recht. Niemand macht mir Bahn drei streitig.
Gemütlich geht es hin und her. Ich wechsle auf Brust, dann zurück auf Kraul, schwimme mit und ohne Paddles, mit und ohne Pullbuoy. So ganz langsam kommt in mir der Gedanke, heute die 5.000 Metermarke reißen zu wollen. Es muss Jahrhunderte her sein, dass ich das das letzte Mal gemacht habe. Das sind immerhin 100 Bahnen und ich habe erst 30, nicht mal ein Drittel. Aber der Tag heute ist wie gemacht dafür, also los. Heute gilt’s.
Auf Bahn 2 kommt ein neuer Schwimmer hinzu, und der gibt gleich mal Vollgas. Ich weiß nicht, wie oft er mich überholt, aber es müssen Dutzende Male gewesen sein. Anfangs überlege ich, mit dem Tempo etwas mitzuhalten, aber es hat keinen Zweck. Ich muss in meinem Rhythmus bleiben, wenn ich die 5K (=5.000 Meter) schwimmen will. Und ja: Ich will es. Und ich werde es. Es ist an der Zeit, die Schwimmleistung wieder etwas nach oben zu schrauben.

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Die Zeit verrinnt, ich achte nicht darauf. Ich konzentriere mich auf’s Zählen. Bis 50 aufwärts, dann abwärts. Noch 49 Bahnen, noch 48…
Noch 22 liegen vor mir (für Rechenkünstler: Ich bin auf Bahn 78), als der Vollgasschwimmer das Becken verlässt. Tja, mein Freund, so ist das eben. Mag sein, dass Du schneller bist – aber ich kann länger. Mag sein, dass Du ’ne bessere Technik hast – aber ich kann länger. Mag sein, dass Du einen ultracoolen MP3-Player beim Schwimmen trägst- aber ich kann länger. Und schon bin ich bei Bahn 84 – also noch 16 zu absolvieren.
Der andere Schwimmer schaut mir noch ein paar Bahnen vom Beckenrand aus zu. Bei jeder Wende sehe ich ihn dort auf einer der Bänke sitzen. Dann ist er weg. Los – weiter. Wo war ich noch? Stimmt. Bahn 88. Nein. Ich war ja schon bei 90.
Noch zehn Bahnen.
Alter… Das packst Du.
Die Sonne ist mittlerweile draußen und knallt vom blauen Himmel herab. Was will man mehr? 500 Meter noch. Das ist doch ’n Klacks. 95 Bahnen hattest Du schon mal vor zwei Wochen. Jetzt mach die hundert endlich voll!

Noch acht Bahnen. Jetzt nur nicht auf’s Klo müssen. Pech: Ich muss aber. Was tun? Ins Becken? Nein, auf gar keinen Fall. Rausgehen? Nein, auch keine Option. Denn ich weiß, in diesem Fall bekämen mich keine zehn Pferde mehr zurück ins Wasser. Schweinehund Nr. 1 ringt in mir gegen Schweinehund Nr. 2. Das ist gut. So lange keiner der beiden Köter gewinnt, schwimm ich einfach weiter.
Noch sechs Bahnen.
Weiterschwimmen. Kneifen. Plötzlich habe ich Gänsehaut auf den Armen. Trotz des geheizten Wassers wird mir mit einem Schlag arschkalt.
Noch vier Bahnen. Das Becken füllt sich mit weiteren Badegästen, es wird sogar kurzzeitig recht eng auf Bahn drei. Leute, lasst mich durch. Noch drei Bahnen. Dann bin ich sowieso weg.
Noch zwei. Gleich werde ich aus dem Wasser klettern und sofort im Affentempo auf’s Klo rasen.
Die letzte Bahm. Der Beckenrand. Fertig, raus. Und los…
Hoppla. Die Welt dreht soch gerade etwas schneller und nicht etwa um die eigene Achse sondern um mich. Ich torkle einen Moment und setze mich auf die Bank. Das war jetzt kein souveräner Abgang. Dann erinnere ich mich, dass ich auf’s Klo wollte.  Ich schleiche, von Sprinten kann keine Rede mehr sein.
Kurz darauf bin ich doppelt erleichtert – vor allem aber, dass ich die 5K geschafft habe. Andere schaffen wesentlich mehr, das weiß ich. Aber andree Leute sind kein Maßstab. Was zählt ist, was ich schaffe, und es wird in kleinen Schritten immer mehr. Für mich sind 5.000 Meter schon ganz ordentlich, ich bin mehr als zufrieden. Ich bin happy.

Jetzt wartet auf mich ein Plätzchen in der Sonne und kleine Thermosflasche Tee. Ich bin froh, dass ich sie angesichts des Regens eingepackt hatte. Nach einem Traubenzucker trinke ich langsam heißen Tee. Das muss ein bizarres Bild für die anderen, ankommenden Badegäste sein, die sich gleich anschicken, auf der Liegewiese zu Sommerbratlingen zu mutieren. Da trinkt einer bei über 27° C heißen Tee. Spinner gibt’s wohl überall.

 

Tags drauf unter der Dusche denke ich, ich hätte das Duschwasser mit 45°C eingestellt, so heiß fühlt es sich an. Die vielen kleinen harten Strähle aus dem Duschkopf brennen wie Hölle auf meinem Rücken. Kunststück: Ich habe mir bei den 5k einen fulminanten Sonnenbrand eingefangen. Er schillert von bronze-braun bis krebsrot und ist scharf abgegrenzt an der Kante der Badehose. Scheiße, das kommt davon, wenn man in der prallen Sonne und ungeschützt stundenlang im Wasser seine Bahnen schwimmt und an nichts anderes denkt als: Noch 48, noch 47, noch 46…

Hätt ich doch den Neo angezogen. Oder mich eingecremt, dann wäre mir das erspart geblieben. Hab ich aber nicht.  Aber mal ehrlich: Ich bin schließlich im Regen losgefahren. Wer denkt denn da an Sonnencreme?

Egal: Die 5K waren es wert. Denn ich weiß jetzt, dass ich die schaffe. Das ist auch gut so, denn unser privates Chiemseeschwimmen rückt immer näher. Und viele Gelegenheiten zu trainieren werde ich vorher nicht mehr haben…

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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