Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Einmal zum König und zurück

Ein Kommentar

Es war ein fataler Irrtum.
Als König Ludwig II. sein Schloß auf Herrenchiemsee baute, um der profanen Welt zu entfliehen, dachte er, eine Insel sei ein sicherer Ort, unerreichbar für den schnöden Pöbel. Nun, Herrenchiemsee – gelegen inmitten des Chiemsees – ist mittlerweile ein beliebtes touristisches Ausflugsziel. Heerscharen von Urlaubern werden herangekarrt, oder sie karren sich selbst ans Bayerische Meer, werden mit Schiffen übergesetzt und trampeln im Schloß, im Park und im Garten des „Kini“ herum. Es ist ein Glück, dass der Monarch dies nicht mehr mit hat ansehen müssen. Die Herreninsel ist aber auch ein allzu schönes Ausflugsziel. Nicht nur für Urlauber. Auch für Schwimmer.
Deshalb fassen wir einen verwegenen Plan.
In diesem Jahr wollen wir von Felden aus zur Insel schwimmen, und den gleichen Weg auch wieder zurück. Ganz ungewöhnlich ist das nicht, zumindest eine Strecke habe ich bereits im vergangenen Jahr absolviert. Es war ein Anfang, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Dieses Mal möchte ich Hin- und Rückweg durch das Wasser nehmen. Und ich bin nicht allein. Freund Herbert schwimmt mit mir. Seit Wochen haben wir alles abgesprochen, seit Wochen treffen wir uns im Erdinger Schwimmbad oder Kronthaler Weiher und schrauben unsere Schwimmdistanz Schritt für Schritt weiter nach oben.
Sicher, zwischen den Ufern sind es nur 2,4 Kilometer Luftlinie, also etwa 4,8 Kilometer für beide Wegstücke. Aber wer schwimmt schon Luftlinie, wenn er einen weiten Bogen schlagen kann und noch dazu Segelbooten und dem Ausflugsdampfer ausweichen muss? Und überhaupt: Die lustigen kleinen Wellen und die Strömung treiben einen ganz schön hin und her. Da wird die Distanz automatisch etwas länger.chiemsee
Wie dem auch sei: Wir sind sicher, die Strecke bewältigen zu können, wenn das Wetter einigermaßen mitspielt. Andere schließlich schwimmen noch ganz andere Distanzen, da werden wir das doch locker hinbekommen. Drei Tage haben wir ins Auge gefasst, die ersten beiden fallen schon mal buchstäblich wegen Gewitter ins Wasser. Bleibt der Dritte, und für uns die letzte Gelegenheit in diesem eher bescheidenen Sommer. Also los!SONY DSC
Als sonntags morgens um sieben Uhr der Wecker klingelt, denke ich, was für eine bescheuerte Idee das eigentlich war. Ich würde mich gern noch mal umdrehen und ein Stündchen oder zwei weiterschlagfen. Aber alles ist durchgeplant, Schwimmstart um 10.15 Uhr, genau dann, wenn in Felden der Ausflugsdampfer abfährt. Dann haben wir genug Zeit, die Route zu durchqueren, bevor der Dampfer zurückkehrt. Das heißt: Früh aufstehen, denn der Chiemsee ist nun auch nicht gerade ums Eck. Noch mal umdrehen im warmen Bett ist also nicht. Und? Hab ich recht? Das ist doch eine bekloppte Idee!

Genau das werde ich an diesem Tag noch zweimal denken. Das zweite Mal kommt mir der Gedanke, als wir vom Fischer und Bootsverleiher das Tretboot abholen, mit dem unsere Frauen unser Schwimmen begleiten und beaufsichtigen sollen. Der Fischer nämlich erzählt uns, er sei am Morgen auf dem See gewesen und habe die Wassertemperatur gemessen. 17° C seien es gewesen, weiter draußen noch weniger. Für uns bedeutet das, dass wir im Neoprenanzug schwimmen werden, aber das haben Herbert und ich sowieso schon eingeplant. Also stapfen wir pünktlich kurz nach zehn Uhr auf den Badesteg und beobachten, wie sich ein am Bootsanleger die Urlauber sich ins Ausflugsboot zur Herrenninsel schieben. Der König bzw. sein Schloss bekommt auch heute wieder zahlreichen Besuch. Im Vorbeigehen nehme ich wahr, dass wieder einmal ein Kind, das mit seinem Vater auch auf dem Schwimmsteg steht, uns mit Tauchern verwechselt. Als der Dampfer „Stefanie“ ablegt, ist auch für uns die Zeit gekommen, ins Wasser zu steigen, um hinter ihm seine Route zu queren.
Das ist dritte Mal, dass ich daran denke, was für eine bescheuerte Idee das Ganze hier ist. Ich lasse mich langsam nach vorne fallen, tauche unter und erleide einen kleinen Kälteschock. Ich japse nach Luft. 17°C können verdammt kalt sein. Nun wundert mich nicht mehr, warum kein einziger Schwimmer im Wasser ist, weder Kinder mit Schwimmflügeln noch Teenager, die wagemutige Sprünge vom Steg wagen, den „Iceberg“ oder das Schwimmplateau erobert haben. Es ist zwar noch früh, aber Hallo? Es ist Sonntag und wir sind mitten in den Ferien.
20140817_125052Mein erster Gedanke im Wasser: „Scheiße… ist das kalt. Warum mache ich so einen Unfug? Normalerweise sitze ich um diese Uhrzeit gemütlich am Frühstückstisch und kraule nicht in arschkaltem Wasser herum. Andererseits: 17°C ist so kalt nun auch wieder nicht. Beim Skifahren muss meine Visage noch ganz andere Temperaturen aushalten, also stell dich nicht so an…“
Natürlich hätte ich auch Schuhe anziehen können, aber so richtig wärmen tun die meine Füße nicht, das kenne ich vom Schwimmen in der Adria. Also lasse ich es. Natürlich hätte ich auch meine Neoprenhandschuhe mit den Schwimmhäuten zwischen den Fingern mitnehmen können. Tatsächlich habe ich sogar daran gedacht. Nur: Ich habe sie nicht gefunden. Und natürlich hätte ich auch die freien Hautpartien dick mit einer Fettcreme beschmieren können. Auch das habe ich nicht getan – weil ich nicht daran gedacht habe und weil ich es nicht besonders toll finde, die Gewässer mit Fettfilmen zu belasten. Nach einigen Zügen wird es entspannter. Es läuft. Zug um Zug immer besser. Irgendwann ist es herrlich Das Bernauer Ufer lassen wir schnell hinter uns zurück, die Herreninsel kommt langsam näher. Es ist traumhaft. Wie habe ich nur daran zweifeln können?
König Ludwig, wir kommen.
Aber keine Sorge, wir werden nicht an Land gehen. SONY DSCDas haben wir sowieso nicht vor. Das Ufer ist mit Schilf bewachsen, es ist ein Vogelbrutgebiet, da haben wir nichts zu suchen. Ohnehin sind wir ja nur für eine Stippvisite herübergekommen. Und schon kommen unsere Frauen mit dem Boot. Auf dem Tretboot machen wir eine kurze Pause, nehmen etwas zu trinken und eine kleine Energiebombe zu uns. Dann geht es zurück ins Wasser und nach Felden.
Schön ist das nicht, wenn der Neoprenanzug sich in der Sonne aufgewärmt hat, zurück ins Wasser zu müssen. Wieder dringt kaltes Wasser ein, das sich erst wieder durch die Körpertemperatur aufwärmen muss. Aber da müssen wir durch. Zurück mit dem Boot gefahren zu werden kommt ja gar nicht in Frage.
Die zweite Teilstrecke ist um Einiges anstrengender als der Hinweg. Es geht mittlerweile auf die Mittagszeit zu, viele Segler laufen aus und kreuzen unsere Bahn. Und so sehr man auch versucht, ihre Route abzuschätzen, ein winziges Manöver der Skipper und schon kommen uns die Freizeitkapitäne ganz schön nah. Zum Glück sehen uns die meisten rechtzeitig, bei 2 bft dümpeln sie sowieso mehr als dass sie vorbeirauschen. Sie rufen uns aufmunternde Worte oder kleine Scherze zu. Bei denen, die uns nicht gesehen haben, hilft nur, den eigenen Weg etwas zu ändern oder einfach auf der Stelle zu schwimmen. Wenigstens liegt der Dampfer „Stefanie“ am Feldener Steg und rührt sich nicht.
Als Herbert und ich schließlich das Strandbad wieder erreichen, herrscht dort das übliche Gewimmel und Gewusel der Badegäste.
Die „profane“ Welt hat uns wieder. Endorphindurchtränkt steigen wir aus dem Wasser. Wir sind erstaunt, wie wenig erschöpft wir sind, und noch mehr, dass wir beide spontan sagen, wir hätten auch noch ein gutes Stück weiterschwimmen können.
Und das werden wir auch machen.
Beim nächsten Mal…

 

PS: Danke an Herbert für’s Mitschwimmen, danke an Annemarie und Stefanie für’s Begleitboot fahren und fotografieren.

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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