Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Am Soyensee

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Wenn man zig Mal das gleiche Revier durchschwommen hat, dann wird es doch irgendwann etwas langweilig. Irgendwann meint man, jede Schwimm- und jede Uferpflanze persönlich zu kennen.
Also suche ich im Internet nach neuen Seen und Weihern im Münchner Osten. Dabei stoße ich auf die Seite vom Münchner Merkur mit einer wirklich bemerkenswerten Zusammenstellung der schönsten Badeseen in München und Oberbayern. Und dort werde ich auch fündig. Gar nicht so weit entfernt gibt es den Soyensee an der B15 zwischen Haag i. Obb. und Wasserburg. Der Soyensee ist bei Stammgästen und Campingfreunden sehr beliebt, er überzeugt mit seiner schönen Liegewiese und Kiesstrand im privaten Freibad. Der See eignet sich zum Surfen und Segeln ebenso sehr wie zum Baden und Ruderbootfahren... heißt es auf der Website. Na also, da geht doch was.
20140810_152801An einem Sonntag im August (Sie sehen, das Blog hinkt der Zeit gewaltig hinterher, das Ganze ist jetzt genau einen Monat her), an dem ich sowieso in der Nähe bin, habe ich den See einfach mal ausprobiert. Ich hatte mir überlegt, dass der Soyensee bei einer Größe von 50ha doch eigentlich einen ganz netten Schwimmnachmittag bieten könnte. Und das tat er dann auch:

Als ich mittags gegen halb eins Uhr auf den Parkplatz fahre, meine 1,50 Euro Parkgebühr und weitere 2,00 Euro Eintritt für das Naturschwimmbad bezahlt habe, mache ich mir kurz Gedanken über das laut bayerischer Verfassung verbriefte Recht zum ungehinderten Zugang zu den Naturschönheiten wie Wäldern, Seen und Bergen, aber auf der anderen Seite zahle ich ja auch gern einen Obolus dafür, dass es am Ufer Bänke und eine Liegewiese gibt, dass Müllereimer aufgestellt und auch geleert werden usw. Das ist schon in Ordnung so.
Fünf Minuten später sitze ich im Gras am Ufer und fühle mich ganz nah dem Herrn seiner Liebe (Kirchentagsbesucher erinnern sich vielleicht, was damit gemeint ist ). Ganz entspannt betrachte ich den vor mir liegenden See und das Uferprofil. Ich möchte erst mal einen kleinen Überblick haben und versuche, die Distanzen abzuschätzen. Der Soyensee schaut verlockend und vielversprechend aus. Mich überrascht, dass es, obwohl es relativ warm und sonnig ist, ziemlich leer in diesem Naherholungsgebiet ist. Ich weiß natürlich nicht, was sonst hier abgeht, aber heute ist es nicht allzu viel. Mir soll es recht sein. Vier weiß gekleidete Menschen sitzen vor der Hütte der Wasserwacht und beobachten die wenigen Badegäste und die vereinzelten Schwimmer, einer hält sich unentwegt ein Fernglas vor die Augen. Gleich wird es ein Schwimmer mehr sein, den es zu beaufsichtigen oder zumindest zu beobachten gilt. Am Ufer liegt das motorisierte Schlauchboot „Delphin“ bereit, dann ist ja alles gut.20140810_125441
Ich entscheide mich, heute im Neopren-Shorty zu schwimmen. Ich kenne das Gewässer nicht und weiß nicht, wie kalt es ist. Außerdem hat es in den vergangenen Tagen immer wieder munter geregnet, was das Wasser doch einigermaßen abkühlt. Und wenn man zudem noch vorhat, eine größere Distanz zu schwimmen und demzufolge etwas länger im Wasser zu bleiben, dann ist Schutz vor Auskühlung vielleicht nicht ganz verkehrt.

soyen-map1Mein Plan ist es , die Uferrunde zu drehen, also immer möglichst nah am Ufer entlang zu schwimmen und somit am Stück die größtmögliche Strecke zu absolvieren, die der See zu bieten hat. Das ist nicht immer ganz leicht, denn im seichten Gewässer breiten sich ganze Felder von Seerosen aus. Oder sind das  Teichrosen? Ich kenne den genauen Unterschied bei dem Grünzeugs nicht, ich bin kein Botaniker, und es ist mir auch relativ egal, was genau da aus dunklen Tiefen herauf wuchert. Auf alle Fälle gelingt es mir nicht immer, diese Gewächse zu umschwimmen, immer wieder lande ich zwischen ihnen. Mal klatscht meine Kraulhand auf ein Blatt, das ich wie ein Fensterleder ins Wasser drücke, mal verfangen sich meine Beine zwischen den Blättern und ihren langen Stängeln, wenn ich mal wieder über eine Pflanze hinweggeschwommen bin. Das ist relativ unangenehm, man meint fast, die Pflanzen verknoten sich an meinen Beinen und lassen mich nie wieder los.
Halten sie mich fest? Ziehen sie mich am Ende unter Wasser? Phantasie? Hab ich.
Das Wasser ist wärmer als gedacht, den Shorty hätte es nicht unbedingt gebraucht. Aber nun ist es zu spät. Die Runde macht Spaß, nach etwa 2,7 km (nachgemessen auf Google Maps) bin ich zurück am Ausgangspunkt. Mittlerweile ist das Naturbad deutlich voller. Vor allem Familien haben sich auf der Wiese niedergelassen. Viele Kinder toben im flachen Wasser. Entsprechend aufgewühlt und kalt ist es auch dort. Als ich das Wasser verlasse, errege ich einige Aufmerksamkeit. Schwimmer im Neopren-Shorty mit Schwimmbrille und Kappe gehören offensichtlich nicht zum alltäglichen Anblick der Badegäste am Soyensee.
Auch vier Männer, die sich in unmittelbarer Nähe meines Handtuchs und meiner Wechselklamotten niedergelassen haben, beobachten mich. Ich mache eine kleine Pause, trinke etwas und schnaufe kurz durch. Die Männer haben ihre Handys weggelegt, schauen ungeniert zu mir rüber, sprechen in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Sie lächeln immer wieder, es geht bei ihrem Gespräch irgendwie um mich. Das ist offensichtlich. Sollte mir jetzt unbehaglich werden, weil ich doch in der zurückgelassenen Tasche Autoschlüssel, Geldbeutels und Handy aufbewahrt habe?. Ich versuche mich von dem Gedanken frei zu machen und doch kontrolliere ich diskret, ob alles da ist. Und das ist es auch. Aber wenn ich gleich noch mal ins Wasser gehe, sollte ich vorher mein Zeug ins Auto bringen? Aber wohin dann mit dem Schlüssel? Ich versuche, mich zu entspannen und Vernunft walten zu lassen. Erstens ist noch lange nicht jeder, der eine fremde Sprache spricht, ein potentieller Dieb. Zweitens glaube ich immer noch an das Gute in meinen Mitmenschen und schränke mein Leben und meine Freiheiten nicht dadurch ein, dass ich permanent misstrauisch bin, dass ich bestohlen werden könnte.
Nach einigen Minuten Durchatmen hole ich meine Paddles und meinen Pullbuoy raus. Ich will noch mal ins Wasser – einmal zu der Schilfinsel und zurück. Die Männer – offensichtlich ausländische Arbeiter, die in der Region auf Montage sind –  beobachten mich weiter, sprechen sich ab und mir wird klar, dass sie irgendetwas vorhaben. Jetzt doch schnell noch Handy und Portemonnaie ins Auto bringen und den Schlüssel verstecken? Ganz sicher nicht. Wie lächerlich wäre dsoyen-map2as denn? Ich ärgere mich, überhaupt in diese Richtung gedacht zu haben.
Als ich ins Wasser zurückkehre folgen sie mir lachend und lärmend.
Es klatscht ein paar Mal. Die Vier haben sich schwungvoll ins Wasser geworfen und kraulen drauf los, was das Zeug hält.
Ah ja. Darauf läuft es hinaus. Ein kleines Wettschwimmen. Sie wollen mir beweisen, wie schnell sie sind. Ok. Ich ziehe kräftig durch, hole auf und lasse den ersten hinter mir. Sie bleiben etwa auf gleicher Höhe mit mir, soweit ich das bei den Zügen, bei denen ich Luft hole, sehen kann. Ich verlangsame etwas mein Tempo, ich bin nicht sicher, ob meine Kraft bis zur Insel und zurück sonst reicht.
Plötzlich sind die Männer weg. Offensichtlich sind sie umgekehrt. Reicht ihnen das als Triumph? Oder haben sie keine Lust oder nicht den Mut, die 500 Meter quer über den See und die gleiche Strecke wieder zurück zu schwimmen?
Egal.
Als ich ans Ufer zurückkomme und mich auf meinem Handtuch niederlasse, sitzen die Vier wieder bei ihren Sachen, trinken Bier und grinsen mich an. Ich antworte mit dem nicht erst seit Facebook bekannten Like-It-Zeichen: Daumen hoch. Sie prosten mir zu. Ich schnappe meine Wasserflasche und proste zurück.
Bevor ich mich auf den Heimweg mache, möchte ich noch ein wenig in der Sonne sitzen, dann werde ich mich umziehen und gehen. Dabei reift in mir der verwegenen Plan, einen Abstecher in eine mir fremde und verstörende Welt zu machen. Nie war die Gelegenheit so günstig wie jetzt. Ich bringe meine Schwimmtasche und die Tüte mit dem nassen Shorty ins Auto, verriegle es wieder und biege ab auf den Platz der Dauercamper. Irgendetwas zieht mich in diese skurrile Wagenburg, also mache ich einen kleinen Spaziergang zwischen den Wohnwagen.
20140810_153341Ich glaube, es gibt wenig Ort, an denen man so tief in die deutsche Seele und ihre Befindlichkeit schauen kann: In eine Welt der kleinen Gartenzäune und liebevoll gestalteten Parzellen; in eine Welt, in der alles aus dem Baumarkt geholt wird zur Verschönerung und Verkleidung der Wohnwägen und Vorzelte; in eine Welt der strahlend-weißen Monoblockstühle und sorgsam abgedeckten Hollywoodschaukeln; in eine Welt, in der jeder jeden auf den Wegen ein „Servus“ zuruft und sich mit „Dann mal bis zum nächsten Wochenende“ verabschiedet; in eine Welt der Fahnenmasten und Grillstationen, der knallbunten Stuhlauflagen und voll gehängten Wäscheständer, der akurat gepflegten Beete und der guten Nachbarschaft auf engstem Raum. Man kennt sich eben untereinander. Nur mich kennt hier niemand. Und das ist auch gut so.

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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