Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Schwimmen wie Old Shatterhand

2 Kommentare

… nein, wir sind nicht im Stammesgebiet der Mescalero-Apachen, nicht im Südwesten der Vereinigten Staaten und auch nicht in Mexiko.
Wir sind auch nicht im Kanjon Zrmanje Od Obrovca Do Ušća in Kroatien. Dort nämlich wurden, als es noch zu Jugoslawien gehörte, in den 60er Jahren die berühmten Winnetou-Filme gedreht. Und der war, so dachte sich Autor Karl May das aus, Mescalero-Apache.
Und an genau den, also Karl May und seinen Winnetou muss ich denken, als wir auf einer Anhöhe stehen und ich das vor mir liegende Gewässer sehe. Ein wenig komme ich mir so vor, als stünde hinter mir das Pueblo der Apachen. Gleich wird Nschotschi strahlend herbeieilen; sie, der Traum aller Kinder und Heranreifender. Sie wird ihrem Bruder Winnetou begrüßen, während meine Gefährten und ich am Marterpfahl gebunden stehen und…
Nein. Wir sind ja nicht im Apachenland, meine Phantasie macht gerade ein paar Bocksprünge, sicherlich inspiriert durch die Wiederholung der Winnetou-Filme am vergangenen Wochenende im Bayerischen Fernsehen. Damit Sie nachvollziehen können, wo von ich rede, wir blicken herab auf den Rio Pecos:

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Das Pueblo lag in einem schmalen Seitentale, welches bald auf das breite Tal des Rio Pecos mündete. […] Der Pecos ist überhaupt kein wasserreicher Fluß und hat im Sommer und Herbste noch weniger Wasser als im Winter und Frühling; doch gibt es tiefe Stellen, bei denen man auch während der heißen Jahreszeit fast gar keine Abnahme bemerkt; da gibt es dann fetten Gras- und reichen Baumwuchs, welcher die Indianer zum Aufenthalte veranlaßt, weil ihre Pferde hier immer Weide finden. […]
Grad da, wo das Seitental, in welchem sich das Quertal befand, auf das Tal des Flusses mündete, gab es einen Sandstreifen, welcher wohl fünfhundert Schritte breit war, in ganz gerader Richtung auf das Wasser führte und sich jenseits desselben, am andern Ufer, fortsetzte; er glich also einem hellen Striche, welcher quer über das grüne Tal des Rio Pecos gezogen war. Auf dieser breiten, sandigen Linie war kein Gras, kein Strauch, kein Baum zu sehen, eine riesige Zeder ausgenommen, welche jenseits des Flusses mitten auf dem unfruchtbaren Streifen stand. Sie hatte infolge ihrer Stärke dem Naturereignisse widerstanden, durch welches der Sandstreifen quer über das Tal gezogen worden war. Sie stand nicht am Ufer, sondern in ziemlicher Entfernung von demselben…
(aus Winnetou I, S. 269 f.)

Genug der Einbildung. Wenn wir uns gleich in die Fluten werfen, werde ich nicht um meinen Skalp und auch nicht um den meiner Gefährten schwimmen müssen. Kein Intschu-Tschuna ist hinter mir her und trachtet mir nach dem Leben… als Entscheidung des Großen Geistes, wer denn nun Recht hat und wer nicht. Es geht heute nicht um Leben und Tod. Obwohl…

Obwohl? Irgendwie ist mir doch so, als ginge es um Leben oder Tod.
Das Außenthermometer an unserer Hauswand meldet unfreundliche 11°C als Herbert mich zum Schwimmen abholt. Es ist zapfig kalt, der Himmel ist trotz anderslautender Wettervorhersage bedeckt. Mein zaghafter Versuch, ihn zur Fahrt ins beheizte Freibad nach Haar zu überreden, scheitert schon im Ansatz, vermutlich, weil ich selbst nicht davon überzeugt bin. Entsprechend zapfige Wassertemperaturen erwarte ich in der ehemaligen Kiesgrube im Nachbardorf. Hier, in der Kiesi, wie sie liebevoll von allen im südlichen Landkreis genannt wird, wollen wir heute ein paar Runden schwimmen. Und um die Winnetou-Phantasien weiter zu zerstören: Ein Blick nach links auf die Kräne im Hintergrund verrät, dass wir mitnichten am Set eines Filmes sind sondern im Kiesabbaugebiet östlich von München.
20140923_12271520140923_121521 Dass wir nicht im Wilden Westen sind, macht gar nichts. Herbert und ich sind ja schließlich zum schwimmen hier und nicht, um eine Filmkulisse zu bestaunen. Ente ist auch dabei, sie war noch nie an der Kiesi; ich übrigens auch nicht, obwohl ich schon seit 15 Jahren in direkter Nähe wohne. Es wird Zeit, dieses Versäumnis nachzuholen… und zwar heute.
Während Ente erhobenen Hauptes ganz wie ein großer Häuptling am Ufer thront, tasten wir uns langsam hinein ins Wasser, das nun nun wirklich alles andere als warm ist, wie wir wieder mal bei den ersten Schwimmzügen feststellen. Trotz Neoprenanzug ist es ar..hkalt. Es dauert diesmal seine Zeit, bis mir wirklich warm wird. Dann aber „läuft’s“.
Ich komme in einen guten Rhythmus, nehme Tempo auf. Einen Apachenhäuptling mit einem Tomahawk zwischen den Zähnen, der mich durch’s Wasser jagt, braucht es dazu nicht. Ich komme auch so gut zu Recht. Außerdem sitzt der tapfere Krieger  Schwarzgelbe Ente in voller Kriegsbemalung am Ufer und wacht mit Adlerblick über uns.
Von einem Ende der Kiesi geht es zum anderen. Ich bleibe immer schön nah am steilen Ufer, damit ich das Maximum an Strecke mitnehme. So geht es eine Zeitlang, es macht unglaublicnen Spaß. Wie gut, dass wir nicht nach Haar gefahren sind.
Ich kann mir nicht helfen, irgendwie fühle ich mich doch ein wenig wie Old Shatterhand. Aber mal ehrlich. Das ist doch verzeihlich und nicht weiter verwunderlich, wenn man in so einem Ambiente schwimmt, oder?
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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

2 Kommentare zu “Schwimmen wie Old Shatterhand

  1. Pingback: Schneller... schwimm doch schneller! - Zwetschgenmann

  2. Erste Assoziation: „Die Uschi!“ Schöner Artikel, schöner Weiher, ich beneide dich!

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