Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Der Bussard, der Biker und das Pellen-Problem

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Ein Bussard kreist über mir. Hin und wieder stößt er einen seiner schrillen Schreie aus, schlägt ein paar Mal mit den Flügeln, dann gleitet er wieder im Segelflug.
Jedes Mal, wenn er kreischt, richte ich den Blick nach oben. Ansonsten beobachte ich aufmerksam das Ufer des Gewässers, das vor mir liegt.
Wir beide sind auf der Lauer. Und wir warten. Wer von uns hat mehr Geduld, er oder ich?
Oder wer hat mehr Glück?
Wird er zuerst ein Beutetier entdecken und aus der Höhe hernieder fahren oder werde ich jemanden finden, den ich  um einen winzigen Gefallen bitten werde, den er oder sie mir nicht ausschlagen kann? Denn nur so kann mein fein ausgedachter Plan gelingen.
Wieder kreischt der Greifvogel. Dann nehme ich ein anderes Geräusch war. Es ist knirschender Kies, zweifelsohne bewegt von den Reifen eines Mountainbikes. Richtig. Da kommt auch schon der Radler um die Kurve, schießt an mir vorbei einen kleinen Hang herunter, dass es die Kiessteine nur so in alle Richtungen verspritzt. Wenn er jetzt unten am Ufer anhält, habe ich gewonnen.
20140929_141632Es scheint, als habe ich mehr Glück als der Bussard. Tatsächlich. Der Biker steigt vom Rad, legt es auf die Erde, nimmt seine Trinkflasche und läuft zu einem Betonklotz, der am Wasserrand liegt. Dort setzt er sich und macht Pause.
Das ist die Gelegenheit, auf die ich gewartet habe. Aber es ist Eile geboten, diese Verschnaufpausen der Mountainbiker sind meistens nur wenige Minuten lang.
Schnell schwinge ich das Bein über’s Oberrohr, presse mich möglichst weit hinten auf den Sattel und haste ebenfalls den Hang zum Ufer herunter. Eine Minute später lasse ich mein Rad sachte im gebührenden Abstand zu seinem auf die Steine fallen. Der Biker, ein Junge, etwa 17 Jahre alt, hockt noch immer auf dem Stein.
„Servus“, grüße ich ihn ganz nach Landesart.
„Servus“, grüßt er zurück. Dann frage ich ihn, ob er vielleicht zwei oder drei Minuten Zeit hat und ob er mir dann einen kleinen Gefallen tun kann.
Er schaut mich etwas irritiert und misstrauisch an.
Aber ich sehe ihm an, ich habe ihn „am Haken“, mein Plan wird doch noch gelingen!

20140929_152845Dabei war er gar nicht so kompliziert angelegt: Ich habe Urlaub, der Wetterbericht verspricht einen traumhaft schönen Herbsttag mit Temperaturen um 24°C. Und als sich gegen 11 Uhr der Hochhnebel verflüchtigt und die Sonne herauskommt, bin ich gewillt, dem Wettermenschen im Radio zu glauben, denn auch das Thermometer an der Haustür zeigt bereits 23°C.
Ich bringe die Arbeit, die ich mir am Computer vorgenommen habe (bloggen, was sonst?) zu Ende und hole den Wander-Rucksack vom Speicher. Heute will ich schwimmen gehen, und zwar keineswegs ins Hallenbad sondern in der Kiesi. Selbst schuld, dass Ihr, liebe Kommunen, alle Freibäder schon geschlossen habt. Davon mal ganz abgesehen: Im Freiwasser ist es sowieso am schönsten. Und ich werde mit dem Rad dorthin fahren. Das ist das Neue, das ist der Plan.
Schnell sind der Neoprenanzug, die Schwimmbrille, eine Silikonkappe und ein Handtuch eingepackt. Und: Oh Wunder: Ich vergesse auch nicht die Plastiktüte für den nassen Neoprenanzug hinterher. Die Seitenfächer fülle ich mit zwei Schokoriegeln, einer Trinkflasche und ein paar Traubenzuckerbonbons. Das Übliche halt. Ich packe noch frische Klamotten zum Wechseln ein, steige in die gepolsterte Hose und streife mir das Radtrikot über. So weit ist die Kiesgrube nicht entfernt. Der Plan hat mitnichten etwas von einem 2/3-Triathlon, aber man will ja schließlich im sportlichen Ourtfit im Dorf gesehen werden. Bis ich loskomme, vergeht noch Zeit, ich muss eben noch dies und das erledigen, unter anderem noch die Reifen an der Tankstelle nebenan aufpumpen. Praktisch, wenn man die richtigen Ventile bzw. Adapter für das Druckgerät hat…
Ein kurzer Plausch mit der Nachbarin am Gartenzaun lässt mich einen Moment an meinem Plan zweifeln. Kiesi oder doch besser Wiflinger Weiher? Sie meint, dessen Wasser sei sicher wärmer als das in der Kiesgrube.
„Ach was“, denke ich, als ich endlich auf dem Rad sitze und in die Pedale trete. Ich fahr zur Kiesi, das ist die Idee und dabei bleibt es. Schließlich ist es wunderschön dort, ich kann wieder von Filmkulissen der Winnetou-Streifen träumen und vor allem bin ich mit hoher Wahrscheinlichkeit der Einzige an einem Wochentag.
20140929_155749Doch als ich langsam einen kleinen Berg hinauftrample und mich ein paar Traktoren mit Vollgas überholen, kommt mir plötzlich in den Sinn: „Verdammt! Der Plan ist gut. Aber nicht gut genug. Zumindest ist er nicht bis zum Ende gedacht.“
In den vergangenen Wochen war ich immer mit Herbert unterwegs, heute bin ich allein. Wer in Gottes Namen wird mir den verdammten Reißverschluss am Rücken zuziehen?
Sicher… zur allergrößten Not bekomm ich das vielleicht unter absurden Verrenkungen und mit viel Quälerei hin. Aber sicher bin ich da nicht. In den vergangenen Wochen haben wir uns immer gegenseitig die Neoprenanzüge geschlossen. Darum habe ich gar nicht daran gedacht. Und jetzt habe ich ein Pellen-Problem.
Am Wörther Weiher ist immer jemand da: Spaziergänger, Radler, Sonnenanbeter, Kioskbesucher… aber an der Kiesi?
Da muss ich schon Glück haben, wenn da jemand vorbei kommt. Soll ich jetzt umkehren?
Fällt mir doch im Traum nicht ein.
Ich werde mich einfach auf die Lauer legen. Irgendwann wird schon wer kommen. Ich habe Zeit. Und ich habe Geduld.
Also erklimme ich eine kleine Anhöhe und warte. Ein paar Wildgänse fliegen laut schnatternd vorbei. Warum können nicht ebenfalls laut schnatternd ein paar Spaziergänger vorbei getrampelt kommen? Aber es kommt niemand. Ich bin allein mit meinem Pellen-Problem.

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Ein Bussard kreist über mir. Hin und wieder stößt er einen seiner schrillen Schreie aus, schlägt ein paar Mal mit den Flügeln, dann gleitet er wieder im Segelflug.
Jedes Mal, wenn er kreischt, richte ich den Blick nach oben. Ansonsten beobachte ich aufmerksam das Ufer des Gewässers, das vor mir liegt. Wir beide sind auf der Lauer. Aber mein Warten hat ein Ende…

Der Biker grinst, als ich ihn frage, ob er eben warten kann, bis ich umgezogen bin und er mir den Neoprenanzug zuzieht. „Selbstverständlich“, sagt er. Ich wusste, er würde nicht „Nein!“ sagen.
Als ich die ersten Schritte ins kalte Wasser mache, verabschiedet er sich und radelt davon. Der Bussard kreist noch immer. Er schreit. Ich schaue zum ihm hinauf.
„Flieg nur weiter, Kumpel“, rufe ich ihm in Gedanken zu. „Flieg! Runde um Runde um Runde“.
Ich werde schwimmen. Auch Runde um Runde um Runde.20140929_153326

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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