Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Leichen pflastern meinen Weg

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lrich2Weil ja Halloween naht:

Da schwimmt man den Sommer über Runde um Runde im Trüben – seit Jahr und Tag. Oft ist es die gleiche Strecke, zumindest, wenn man in immer dem gleichen Gewässer unterwegs ist: Relativ nah am Ufer, auf die Brücke zu, dann ein Schwenk nach rechts, zwischen Ufer und Boje hindurch, an der Bank vorbei und auf die Seerosen zu. Kurz davor wieder scharf rechts und dann immer geradeaus. Auf der linken Seite ein kleiner Steg, dann irgendwann die nächste Kurve, die ich kurz vor dem Kieshügel nehme. Es folgen eine kleine Ausbuchtung folgt, dann der Landvorsprung, auf dem die Hütte der Wasserwacht samt Steg steht. Und so geht es weiter. Rund um Rund. Stund‘ um Stund‘.
Als Kraulschwimmer schaue ich die meiste Zeit nach unten, der Blick verliert sich keine 60 cm tiefer im Trüben. Selten, dass man mal einen Fisch sieht. Im Flachwasser sieht man das kiesige Ufer erst, wenn man fast schon mit dem Bauch drüber schrabbt.
Dann aber, in der Kurve bei den Seerosen, stutze ich. Zwei Augen starren mich an. Direkt von unten. Aufgerissen und hohl. Ein großer, heller, irgendwie zerfließender Schatten im Grünen. Einen Bruchteil einer Sekunde nur. Ich erschrecke mich fast zu Tode. Sofort kommen mir Bilder von Wasserleichen in den Sinn.
Das ist natürlich Unsinn.

„Im Weiher gibt es keine Wasserleiche!“ sagt der Verstand. „Und in der Kiesgrube auch nicht!“ Und er hat Recht. Die Phantasie aber sagt was anderes. Und sie verlangt ebenso ihr Recht und kämpft verbissen darum. Das macht sie so geschickt, dass ich diese Stelle beim nächsten Mal umschwimme, und bei der übernächsten meide ich sie auch. Überhaupt gruselt es mich ein wenig in dieser Kurve, und das auch bei meinen weiteren Traininsgabenden. Natürlich gibt es keinen rationalen Grund dafür, außer, dass in dem Kronthaler Weiher, in dem ich ebenfalls hin und wieder unterwegs bin, im August 2012 ein 16Jähriger ertrunken ist. Aber dessen Leiche wurde natürlich geborgen.
Ganz sicher habe ich nichts gesehen, nicht mal einen großen Fisch. Das alles fand nur in meinem Kopf statt. Es gibt aber auch keinen Grund, warum ich in dieser Ecke schwimmen sollte, wenn es mir dort unbehaglich ist. Erst unlängst, als es besonders trübe war, hing ich plötzlich, weil etwas aus dem Zähl- und Zügerhythmus gekommen, direkt in den Teichrosen. Ich sah sie von unten. Und ich sah, wie ihre Stängel im trüben Grün in der Tiefe verschwanden. Irgendwie unheimlich… Ich mag diese Ecke nicht, fertig.
Überhaupt: Es gibt vieles, was die Phantasie beflügelt, was ich nicht unbedingt mag. Das fängt schon mit der Berührung von Wasserpest, die irgendwo an der Oberfläche treibt, an. Aber es kommt noch ärger: Im Sommer ging ich nach dem Schwimmen am Ufer  der Kiesgrube entlang, entdeckte ein merkwürdiges Gewächs im Wasser, das nun auch bestens geeignet ist, der morbiden Phantasie Nahrung zu geben. Ich will gar nicht wissen, was dieses fahl-fleischige Etwas eigentlich ist, und wie oft ich schon darüber hinweg geschwommen bin:
spookie Mittlerweile weiß ich, dass ich mit diesen Wasserleichen-Phantasien nicht allein bin. Tauscht man sich mit anderen Schwimmern, die auch viel in Seen und Weihern unterwegs sind, aus, dann hört man plötzlich, dass auch andere hin und wieder denken, plötzlich unter sich eine Leiche zu entdecken. Nur notorische Schwimmbadbenutzer sind da fein raus aus der Sache. Andererseits dürfte ihnen diese Erfahrung wohligen Gruselns und Erschauerns fehlen, ob sie sie vermissen, steht allerdings auf einem anderen Blatt.leich3
Während ich weiter meine Runde im Weiher drehe, lässt mich der Gedanke  an Wasserleichen nicht mehr los. Beim Schwimmen hat man viel Zeit dafür. Da ist Raum und Zeit für Phantasie – und für Erinnerungen. Spontan fällt mir der dicke, vergiftete und ertrunkene Berengar von Arundel (Michael Habeck) im Film Der Name der Rose ein. Für mich ist das die Wasserleiche schlechthin. Wie er so aufgedunsen und wachsweich erst im Wasser und dann auf dem Tisch vor Sean Connery liegt, hat sich für immer in meinem Kopf verankert.
Ich denke an die Wasserleichen in den Mooren in der Filmfassung von Herr der Ringe, immer neue Filmbilder rufen meine Erinnerungen hervor. Nur die Reichswasserleiche Kristina Söderbaum zählt nicht dazu. Dafür bin ich noch viel zu jung.
Aber Kylie kommt mir in den Sinn. Die war auch mal als Wasserleiche zu sehen. Wie eine Ophelia (auch so eine Wasserleiche par excellende) liegt sie, noch ein Duett mit Nick Cave singend, im Nass in dem Musikvideo Where the wild Roses grow. Irgendwann schlängelt sich eine Schlange langsam über ihren Körper – ein die Phantasie äußerst anregender und inspirierender Clip für die Freunde gepflegter und erotisch konnotierter Wasserleichenkultur.

 

Bei so viel Symbolik und Sinnlichkeit schwimme ich doch gern eine Runde extra, aber nicht etwa, um auf andere Gedanken zu kommen. Die Neugier treibt mich an, ob ich, wenn ich das nächste Mal die Seerosen passiere, wieder etwas sehe. Kylie vielleicht?kylieminoguewherethewildrosesgrowvideo
Vielleicht ist es ja gar keine Leiche. Vielleicht lauert ja auch eine Nymphe oder ein anderes geisterhaftes Wesen im trüben, grünen Wasser unter mir. Wer kennt nicht den Undine-Mythos? Seit uralten Zeiten spielen diese Nymphen eine große Rolle in unserer Kultur und damit auch in unserer Phantasie, so auch in meiner: Ein schönes, fahles Mädchengesicht, sanft bewegen sich die Haare im Wasser… verführerisch. Dabei, das sollte ich vielleicht an dieser Stelle erwähnen, sehen echte Wasserleichen alles andere als verführerisch aus. Nicht, dass ich je eine in Augenschein genommen hätte, aber im Zeitalter, in dem man im Internet über Google alles finden kann, findet man auch Bilder von Wasserleichen zu Hauf. Natürlich habe ich das überprüft. Das ist das Gegenteil von dem, was man sich als halbwegs normaler Mensch gern anschaut. „A schöne Leich’“ jedenfalls, wie es unübertrefflich die Wiener ausdrücken, sieht anders aus. Die Bilder, die Google unter dem Suchbegriff „Wasserleiche“ oder noch besser mit englischen „drowned Body“ auf den Bildschirm holen, haben mit der verführerischen Kylie Minouge nichts gemein, vielleicht googlen Sie das besser nicht, wenn Sie ihrem Kopfkino nicht noch zusätzliche Bilder liefern wollen. Und wenn diese wenigen Zeilen schon ausreichen, ihre Phantasie zu beflügeln und Sie ebenfalls zu den Leuten gehören, die gerne schwimmen gehen: Freuen Sie sich, dass sie jetzt in der Halle unterwegs sind. Das wenige, was sie dort unter sich auf dem gekachelten oder stählernem Beckenboden vielleicht entdecken können sind Haarnadeln, Häkelarmbändchen, Zopfgummis und Pflaster. Dann doch lieber eine verführerische Undine, oder?
Vielleicht sollte ich im nächsten Sommer überwiegend in der Abenddämmerung schwimmen gehen, das ist ja die perfekte Zeit für solch mystische Wesen wie Undine. Vielleicht finde ich ja wirklich eine… Hach.leich2

PS: Viel Spaß beim Halloween heute, oder bei Allerheiligen morgen… Je nachdem, was Sie bevorzugen.

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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