Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Maaaaaaaamaaaaaaaaa!

Ein Kommentar

„Marius, bist Du da drinnen?“
Ich höre Stimmen. Eine Kinderstimme, um genau zu sein. Dann klopft es an die Tür der Schwimmbad-Umkleidekabine, die ich soeben betreten und verriegelt habe.
„Ich bin hier“, antwortet es aus der Nebenkabine. Auch eine Kinderstimme. Es ist schwer, nur anhand der Stimmen auf das Alter zu schließen, aber ich schätze mal, der gesuchte Marius ist acht oder neun Jahre alt.
„Mach mal auf“, fordert ihn der andere Junge auf, der wohl etwas jünger ist.
„Nee“, antwortet Marius. „Das ist meine Kabine. Such Dir selber eine.“
Ich verstehe, dass Marius den anderen Jungen nicht in seine Kabine mit hinein lassen will. Die Umkleiden sind reichlich eng – zu eng für zwei, selbst wenn man Kind ist. Außerdem sind ja genug andere Kabinen frei, denn voll ist es an diesem Freitagabend vor Weihnachten im Schwimmbad nicht.
Es poltert. Ob der Andere mit der Faust gegen die Tür schlägt oder dagegen tritt, lässt sich nicht anhand des Geräusches nicht erkennen. Aber Marius wird etwas zornig. Er ist schließlich schon groß und will eine Kabine für sich alleine haben.
„Justus, spinnst Du jetzt?“ ruft er wütend aus seiner Kabine heraus.
A ha: Justus heißt der andere.
Justus und Marius – das sagt eigentlich schon alles. Vermutlich Brüder. Und sicher wurden die Namen von den Eltern ganz bewusst mit viel Liebe und noch mehr programmatischer Bildungsbeflissenheit gewählt. Vermutlich sind das Lehrerkinder: Gymnasiallehrer, Altphilologen. Man hat ja sonst keine Vorurteile.
Justus donnert weiter gegen die Tür, aber Marius bleibt stur. Schließlich verdrückt sich Justus in die leere Umkleidekabine ebenfalls direkt neben Marius.
„Ich bin hier“, piepst er und klopft gegen die Trennwand als wenn sein Bruder das nicht längst mitbekommen hätte.
Der, nun wieder entspannt, fängt umgehend an, seinem kleinen Bruder Witze zu erzählen.
„Justus, weißtDu waaa-aaas?“ leitet er die Frage mit einem gesungenenen und gedehnten Waaa-aaaas ein.
„Wie heißt der chinesische Verkehrsminister?“
„Weiß nicht.“
„Um-lei-tung“, antwortet Marius und lacht lautstark über seinen eigenen Witz. Sonst lacht niemand. Denn Justus hat die Pointe nicht verstanden. Ich lache natürlich auch nicht, obwohl ich es reichlich komisch finde, dass diese Uraltwitze noch immer nicht ausgestorben sind. Ich bin ja nur zufälliger Zaungast dieses Hörspiels und möchte keinesfalls als Lauscher an der Wand oder gar Schlimmeres diffamiert werden.
Marius erklärt seinem Bruder die Pointe, doch der lacht noch immer nicht. Auch die nächsten zwei Witze aus der ähnlichen Kategorie zünden nicht. Dann gibt es der Ältere auf.
Plötzlich kreischt er: „Mama!“
Doch Mama hört nicht.
„Maaaaaaaamaaaaaaaaa!“ Marius‘ Ruf ist laut und schrill, aber nicht aus höchster Panik heraus entstanden.
Vom anderen Ende hört man eine Frauenstimme.
„Was ist los, Marius, was plärrst Du hier so rum?“ kommt die Rückfrage.
„Meine Unterhose ist weg!“
„Was?“
„Meine Unterhose ist weg“, antwortet Marius nun wesentlich lauter.
Justus kreischt lachend auf. Auch ich würde jetzt gern lachen, aber ich beherrsche mich mühsam.
„Kann gar nicht sein!“ ruft die Mutter zurück. „Ich habe dir eine frische in deine Tasche getan.“
„Die doch nicht. Die andere…“
20141214_161633„Zieh Dich jetzt erst mal an, die findet sich schon!“ Mütter haben eine so pragmatische und beruhigende Wirkung.
„Marius hat die Hose verloren, Marius hat die Hose verloren!“ grölt Justus.
„Halt die Fresse“, herrscht ihn der Bruder an. Spätestens jetzt ist klar: Es sind wirklich Akademiker-Kinder. Denn bei bildungsferneren Schichten wird ein solches Begehren mit einer etwas anderen Gramatik ausgedrückt: „Häls Du Fresse, Alta!“
„Aber ich kann doch nicht ohne die Hose nach Hause gehen“, ruft Marius seiner Mutter zu. „Die war ganz neu.“ Spuren der Verzweiflung mischen sich in seine Stimme. Kämpft da einer gegen die Tränen?
Justus quietscht weiter: „Marius hat die Hose verloren, Marius hat die Hose verloren!“
Dazu schlägt er rhythmisch gegen die Kabinenwand.
„A Ruah is“, könnte ich jetzt lautstark dazwischen gehen. In Bayern macht man das schließlich so. Aber dann verpasse ich womöglich das Finale. Also schweige ich, suche meine Garderobe zusammen, damit ich sie einschließen kann, denn ich bin längst in Schwimmklamotten. Ich möchte nur noch wissen, wie das Ganze zu Ende geht.
„Fresse. Arschloch!“ Marius ist wütend. „Du verlierst doch auch dauernd was…“
„Maaaaaaaama! Der Marius hat ,Arschloch‘ zu mir gesagt“, brüllt Justus und dann zischt er unter dem Schutz der verriegeltenKabinentür etwas leiser zu seinem Bruder: „Das darfst Du nicht.“
„Petze!“ schnauzt Marius und droht seinem Bruder Schläge an.
„Maaaaaaaama!“ Justus wendet sich hilfesuchend an die elterliche Schutzmacht. „Der Marius will mich…“
„Ruhe jetzt Alle beide. Noch ein Wort und ich nehme Euch das nächste Mal nicht mehr mit zum Schwimmen“, tönt es plötzlich von draußen und sehr nah. Marius‘ und Justus‘ Mutter ist offensichtlich fertig mit Umziehen und hat sich direkt vor den Türen der Kabinen ihrer Söhne aufgebaut.
Und tatsächlich: Es herrscht Ruhe. Lehrerskinder eben, vermutlich auf latein und humanistisch erzogen. Die verstehen eben noch klare Ansagen. „Silentium!“
Nun werde ich also nicht mehr erfahren, was aus dem verloren gegangenem Textil geworden ist. Aber so dramatisch ist das ja nicht: Mama kann ja neue coole Wäsche kaufen. Die gibt’s ja gerade günstig bei Tchibo. Mit „Cars“- oder „Star Wars“ Motiven drauf.
tchibos

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

Ein Kommentar zu “Maaaaaaaamaaaaaaaaa!

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