Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Spaß für Kalle

Ein Kommentar

Humor war nicht gerade das, was Kalle Schöning auszeichnete, wenn ich mich an meinen damaligen Biolehrer erinnere. Das sah man schon daran, dass er eigentlich gar nicht Kalle hieß, von allen aber so genannt wurde. Kalle aber hasste es auf den Tod, was natürlich die Schüler wie auch einige seiner Kollegen erst recht dazu ermunterte, ihn so zu nennen, wenn sie mit oder über ihn sprachen. Sachkenntnis hatte er auch nicht, gerüchtweise hatte er den Job als Biolehrer nur bekommen, weil er bereits für andere Fächer angestellt war und einen Jagdschein besaß. In Zeiten akuten Lehrermangels war jedes Mittel recht, um den Unterrichtsausfall möglichst gering zu halten. Und da Kalle zumindest einen Goldregen von einem Goldfisch unterscheiden konnte, war er eben unser Biolehrer. Aber das ist eine andere Geschichte…
Von Kalle Schöning muss ich mir für diesen Beitrag unbedingt den Spitznamen ausleihen, denn er passt wie kein Zweiter auf einen Mann, dem ich am Dreikönigstag im Erdinger Schwimmbad getroffen habe. Und ein ganz klein wenig erinnert er mich auch an meinen alten Lehrer, der damals so alt noch gar nicht war.
Der Dreikönigstag hat nicht nur den Vorzug, ein Feiertag in Bayern zu sein. In Erding versammeln sich alle Wasserverrückten im Kronthaler Weiher zum Schwimmen. Da ist es dann für uns Stümper im Hallenbad wunderbar leer und ich kann meine Bahnen ziehen. Da außerdem das Wetter schön ist und an irgendwelchen Hängen rings um die Stadt noch etwas Schnee liegt, sind die Familien mit Spaziergängen und Schlittenfahrten beschäftigt. Besser geht es nicht.

kalle1
Das hat sich auch Kalle, also der Badegast, gedacht, der akkurat eine Bahn nach der anderen schwimmt. Ich sehe ihn schon beim Betreten der Schwimmhalle. Ich habe mir angewöhnt, zunächst meine Sachen in die Schwimmhalle zu bringen, dabei die Lage zu sondieren, zu duschen und dann ab ins Wasser. Während der Rüstzeit, also dem Auspacken und Bereitlegen von Handtüchern, Schwimmbrille, Pullbuoy, Trinkflasche, Paddel, also dem ganzen Geraffel, macht Kalle einen Zug nach dem anderen. Er gehört, und daher weiß ich, dass es gleich etwas Ärger geben wird, zu den ganz Genauen. Das sieht man nicht nur jedem exakten Zug an, das sieht man auch der konzentrierten Kopfhaltung an, denn Kalle gehört zu den Trockenhaarschwimmern. Gerade mal, dass die Kinnspitze das Wasser berührt. Fast, dass er auch noch versucht, das obere Brusthaar beim Schwimmen trocken zu halten.
Ich habe nichts gegen Trockenhaarschwimmer. Wenn ich mir anschaue, wie diese in der bereits mehrfach zitierten Facebook-Gruppe Bist Du heute schon geschwommen sonst tituliert werden (Betonpfeiler, Treibgut, Totholz…), dann bin ich noch relativ friedlich. Ich habe auch nicht gegen eine friedliche Koexistenz von zwei Leuten auf der Sportbahn, wenn einer meint, partout sein erhobenes Haupt durch’s Wasser zu schieben. Einer rechts, einer links von der Linie. Dann passt das. Der Haken ist nur: Als ich aus der Dusche komme (ja ich gestehe: Ich dusche, bevor ich ins Wasser gehe), ist ein weiterer Schwimmer auf der Bahn. Und der lässt es richtig krachen. Wir werden also zu dritt sein.
In den nächsten Minuten überhole ich Kalle zwei Mal, der andere Schwimmer sicher ein paar Mal mehr. Kalle, der das Prinzip des Im-Kreis-Schwimmens nicht kennt, ist verunsichert und verärgert. Er fühlt sich belästigt und bedrängt. Als dann auch noch die Kraulschläge so viel Wasser aufspritzen, verzieht er sich nicht ohne lauten Protest auf die andere Seite der Absperrleine. Er redet was von „Unverschämtheit“ und „Rücksichtlosigkeit“ und ich weiß schon jetzt wieder, dass es dem Ruf der sportlicheren Schwimmer schadet. Dabei sind auf den anderen fünf Bahnen auch nur höchstens 20 Leute. Nur hat eben zusätzlich eine Gruppe Teenager gerade „Arschbomben-Training“ vom Einmeterbrett. Und da spritzt es gewaltig. Das mag Kalle nicht. Von mir aus hätte er weiter auf der Sportbahn bleiben können, zumindest, wenn er sich an die allgemeinen Regeln hält, und dazu gehört, im Kreis zu schwimmen und ggf. dem schnelleren an den Beckenrändern die Möglichkeit zum Überholen zu geben. Kalle kennt das nicht. Er ist zwar auch nicht zum Spaß hier, so ambitioniert, wie er sich benimmt, aber so richtig hat er sich mit dem Schwimmen wohl noch nicht auseinander gesetzt.
Für mich könnte der Fall des humorlosen Kalle eigentlich abgeschlossen sein. Ich schwimme meine entspannten Runden, zeitweilig zu zweit oder zu dritt. Danach geht es ins Dampfbad.
Alles ist gut, der Feiertag ist sinnvoll genutzt, statt drei-königlichem Myrrhe oder Weihrauch im Dampfbad stehen marrokanische Minze oder Heuwiese zur Auswahl. Ich entscheide mich für die Heuwiese; nicht, weil ich etwas gegen marrokanische Minze habe, sondern weil ich grundsätzlich lieber in das etwas heißere Dampfbad gehe. Danach geht es in den Ruheraum.

kalle2Kennen Sie von Busreisen, Gruppenfahrten oder ähnlichen Veranstaltungen das Problem, dass es in jeder Gruppe eigentlich nur ein Arschloch gibt, aber das ist immer ganz in ihrer Nähe?
So geht es mir jetzt: Klar, es ist Dienstag, da darf man schon mal Arschloch sein. Kennt man ja bereits.  Ich suche mir die Liege ganz am Fenster aus und mache es mir bequem. Da kommt Kalle. Er stellt seine Tasche ab, kramt seine Sachen zusammen und legt sich direkt neben mich. Es ist ja nicht so, dass nicht noch vier andere Liegen frei wären. Aber meine geheime Superkraft, der Arschloch-Magnetismus, funktioniert wieder perfekt. Warum ziehe ich immer solche Leute in meine Nähe?

Kalle liest Zeitung, ich starre ein Loch in die Luft. Als es groß genug ist, zücke ich mein Handy, um in der bereits erwähnten Facebook-Gruppe Vollzug zu melden. „Ja, ich bin heute schon geschwommen… soundsoviel. Bla bla bla.“
Kalle sieht mich mit dem Handy.
„Das ist ein Ruheraum!“ bemerkt er so gänzlich unruhig in den Raum. Er meint wohl mich. Ich kenne ja von Renate diese indirekte Ansprache, die sich zwar an die Leere richtet, aber konkrete Mithörer im Blick hat.
„Das muss doch jetzt nicht sein, dass Sie hier telefonieren. Außerdem ist das hier verboten!“ Nach was, denke ich mir, sieht das hier aus? Nach Telefonieren?
„Keine Sorge, ich habe nicht vor, zu telefonieren“, erwidere ich knapp und tippe ungerührt meine Botschaft hinaus in die weite Welt.
Kalle, der wieder hinter der Zeitung verschwindet, murmelt im Abgang. „Natürlich nicht, Und gleich macht es Düdelidüd, düdeldidüd. Kennt man ja!“
Unbenannt1Kennt man?
Was soll ich antworten? Das mein Klingelton tatataata TaaTa… ist. Die Fanfare von Rohan? Am besten gleich gesungen?
Fällt mir im Traum nicht ein. Soviel Humor hat Kalle nicht. Aber ich bin, das weiß ich, in seinem Visier. Als ich es wage, aus meiner mitgebrachten Flasche ein paar Schlucke zu trinken (isotonisch, Himbeergeschmack) und zwei kleine Stücke Traubenzucker (auch Himbeergeschmack) in den Backentaschen zu versenken, belehrt er mich:
„Hier sind Essen und Trinken verboten!“
Ich antworte nicht. Es hat keinen Zweck, ihm zu erklären, dass es hier um den Verzehr der Speisen vom Kiosk nebenan geht: Also Pizzastücke, Pommes, Weißbier und Apfelschorle. Außerdem habe ich zwei kleine Traubenzucker im Mund und mit vollem Mund spricht man nicht.
Kalle, empört über solche Ignoranz, verschwindet wieder hinter der Zeitung. Er raschelt beim Umblättern so laut, wie es nur geht, ganz sicher nicht aus Absicht, denn wir sind ja in einem Ruheraum.
Plötzlich durchbricht der Gong die Stille – ich fühle mich an die Durchsagen in meiner Schule erinnert. Und schon knarzt es aus dem Lautsprecher: „Verehrte Badegäste! Ein kleiner, etwa drei Jahre alter Junge mit blauen Shorts hat seinen Papa verloren. Der ehrliche Finder wird gebeten, den Papa zum Schwimmmeister zu bringen, damit ihn der Junge wieder in Empfang nehmen kann!“
Ich finde das humorvoll und lache kurz. Kalle lacht nicht. Er faltet seine Zeitung zusammen, wirft sie schwung- und bedeutungsvoll auf die Tasche und steht auf. Er kann sich nicht entspannen. Oder we will nicht. Kalle liest, das sehe ich erst jetzt, als er den Raum verlässt, die Bild-Zeitung. Das sagt alles.
Als ich kurz nach ihm den Ruheraum verlasse und mich umziehen gehe treffe ich – wie sollte es sein – noch einmal Kalle. Wie gesagt: Es ist Dienstag und ich bin ein Experte in Sachen Arschloch-Magnetismus. Kalle steht vor dem Ausgang und föhnt sich sein Haupthaar. Und als ich mit meinem Chip das Drehkreuz passiere, fällt mir schlagartig ein: „Sch… ich habe im Regal am Dampfbad Pullbuoy, Brille und Paddel vergessen.“
Am Eingang frage ich die Kassiererin, ob sie vielleicht eine Idee hätte, natürlich spekuliere ich darauf, dass sie Kontakt zu einem der Schwimmmeister aufnimmt mit jemand schnell das Zeug nach draußen bringt. Weil das Team aber personell unterbesetzt ist, höre ich als Antwort. „Da müssen Sie sich wohl oder übel noch mal ausziehen und wieder rein. Tut mir Leid.“
„Kein Problem, dann geh ich noch mal rein“, antworte ich freundlich. „Schuhe, Socken und Hose reichen?“ Die Kassiererin sieht mich irritiert an. „Ich meine, das T-Shirt kann anbleiben?“
Die freundliche Frau an der Kasse gibt sich gnädig.
Ich fische meine Badehose aus der Tasche, lasse das andere Zeug auf einer Sitzbank gegenüber der Kasse liegen und mache mich auf den Rückweg zu den Umkleidekabinen. Erst dort bemerke ich, wie blöde es war, nicht auch das Handtuch mitzunehmen. Wenn ich gleich über den nassen Boden laufe muss ich mit nassen Füßen in die Socken. Außerdem war es komplett idiotisch, die nasse Badehose mitzunehmen.. Hätt ich wenigstens die trockene Ersatzbadehose, die ich aus gewissen Gründen jetzt immer bei mir habe, angezogen. Zu spät.
Ich stapfe durch das Schwimmbad, der Bademeister sieht mich fragend an. „Nicht nur kleine Junge in blauen Hosen verlieren mal was. Alte Leute lassen alles liegen“, sage ich und deute auf mein vergessenes Geraffel.
„Ja, ja…“ lacht er.
Zwei Minuten später bin ich wieder draußen. Kalle, der das Ganze auch mitbekommen hat, weil er sich noch immer die Haare föhnt hat, findet das mit Sicherheit komisch.  Ich spüre sein Grinsen in meinem Nacken. Wie schön, wenn man in einem Spaßbad ist.

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

Ein Kommentar zu “Spaß für Kalle

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