Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Irgendwas mit Ärger… und Rücksicht

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Bahnbrechende Erkenntnisse kündigt Schwimmblogger Jürgen Schenke an… Dann veröffentlicht er ein Toleranzedikt – mehr gegenseitige Rücksichtnahme im Schwimmbad, das ist sein Thema. Und er kommt zu diesem Schluss:

.. die wirklich unfreundlichen Mitmenschen gibts eh net …. oder nur ganz selten ….  ….
Oft reichen da wenige Zentimeter mehr Platz…… nach Möglichkeit zu anderen Zeiten schwimmen gehen…. ein freundliches Wort … oder einfach nur ein freundliches Lächeln……

Das klingt ebenso vernünftig wie versöhnlich, fast wie die Grundregel der Straßenverkehrsordnung. Nur leider ist die Theorie ebenso grau wie die Haare der Mitschwimmerin, mit der ich in der vergsangenen Woche fast einen kleinen Disput im Schwimmbad hatte. Dabei fing alles so wunderbar an:

Es ist Freitag, 12.30 Uhr. Im Erdinger Schwimmbad herrscht große Leere. Auf der Sportbahn ertüchtigen sich vier oder fünf Personen, im übrigen Becken kreisen vergnügt ein paar Senioren. Im Lehrschwimmbecken hingegen erwartet uns ein Anblick, bei dem einen das Herz vor Freude im Leib hüpfen könnte:

Lehrschwimmbecken

Das Lehrschwimmbecken ist also ein Leerschwimmbecken: die Schulen sind durch, die Vereine noch nicht da. Es ist perfekt, warum also soll ich mich zu den vier anderen auf die Sportbahn zwängen?
Die Bahnen 2 und 3 sind gänzlich leer, auf den anderen befindet sich jeweils ein Gast. Herbert entscheidet sich für die Nr. 2, ich für die Nr. 3. Da auf der 4er neben mir jemand gerade heftig trainiert, und zwar mit Badekappe, entscheide ich mich spontan, auch meine Badekappe herauszunehmen und aufzusetzen. Nicht, dass das notwendig wäre, aber warum nicht? Irgendwie habe ich Lust dazu
80 Bahnen schaffe ich in wunderbarer und friedfertiger Eintracht – nur das Wasser und ich. Zischenzeitlich gesellt sich ein anderer Schwimmer auf meine Bahn, wir sind beide routiniert genug, bleiben auf Abstand oder lassen den anderen jeweils bei Bedarf vorbei. Der andere Schwimmer ist auch irgendwann wieder weg, als er eine eigene Bahn für sich ergattern kann. Herbert hat da weniger Glück. Nach kurzer Zeit kommt eine alte Dame (noch nenne ich sie Dame) zu ihm auf die Bahn. Sie schwimmt langsam und beharrlich auf und ab. Zwei weitere alte Damen folgen, eine bleibt auf der vordersten Bahn, die andere wählt zu Herberts großer Freude die 2er. Dort nämlich paddelt ihre Freundin hin und her. Ab jetzt geht es nebeneinander weiter, da kann man ja so schön ratschen. Herbert fragt sich langsam, was er falsch gemacht hat. Jetzt hat er zwei Taumelkäfer bei sich.
„Tja“, kommentiere ich leicht spöttisch, „vielleicht hilft es, möglichst viel Geraffel am Beckenrand zu platzieren.“ Damit spiele ich auf Paddles, Pullbuoy, Trinkflasche und Latschen an.“Und besser is es vielleicht noch: Eine Badekappe aufsetzen. Das schaut so professionell aus…“
Dann schwimme ich weiter. Herbert auch. Irgendwann, auf Bahn 108 aber überrascht mich die Frau, die vorher so gemütlich bei Herbert hin und her gepaddelt ist, dass sie einfach auf Bahn 3 herüberkommt. Warum sie das macht, ist mir schleierhaft. Ihre Freundin lässt sie einfach zurück Statt aber nun gemütlich weiter zu schwimmen und dabei schön auf einer Seite zu bleiben (auf einer Bahn ist ja eigentlich genug Platz für mehrere Menschen), entscheidet sie sich, die geringe Wassertiefe von 1,35m auszunutzen und beginnt einen Rückwärtslauf; und zwar genau auf dem schwarze Strich auf dem Beckenboden… Dabei rudert sie mit ihren Armen, um ihren massigen Körper zu stabilisieren, kräftig hin und her. Bei der Spannweite kommt sie links und rechts fast an die Abtrennleinen. Das aber führt dazu, dass ich weder auf der einen, noch auf der anderen Seite an dem Winkfleisch vorbei schwimmen kann ohne sie zu berühren. Ist das Absicht, was sie da macht, etwa gegen mich gerichtet? Noch möchte ich nicht daran glauben. Da sie rückwärts läuft, hat sie die ganze Bahn im Blick und sieht mich kommen. Ausweichen? Warum? Sie hat doch auch Eintritt bezahlt, da hat sie doch auch das Recht, hier zu watscheln. Das könnte sie allerdings auch auf Bahn 1 bei der anderen alten Dame tun. Macht sie aber nicht. Sie spreizt die Arme noch weiter ab… also doch Absicht.
Ich zwänge mich ein erstes Mal vorbei, mache eine Wende und warte, dass sie endlich auch irgendwann am Beckenrand ankommt. Dann stoße ich mich kräftig ab. Ein zweites Mal bin ich an ihr vorbei. Auf dem Rückweg wiederholt sich das Spiel. Aber ich bin doch etwas sauer und bleibe jetzt auch auf der Mittelspur, also genau auf der schwarzen Linie. Mit hohem Tempo kraule ich auf sie los und schaue, dass ich mit jedem Kraulschlag kräftig Wasser aufspritze. Dazu lege ich ein möglichst verbissenes Gesicht auf, ich kann so was. Vergrämungsstrategie wird geprobt. Ich komme näher und näher.
Jetzt müsste sie doch eigentlich mal einen Schritt nach rechts gehen und mich vorbei lassen. Einer würde ja reichen, ein winziger Schritt. Aber dieser eine ist zu viel für sie. Also bleibt sie einfach mitten auf der Bahn stehen und starrt mich an. Da sie allerdings dieses Mal ihre Arme anzieht, komme ich knapp an ihr vorbei. Ein kleiner, etwas kräftigerer Beinschlag verursacht zusätzliche Spritzer. Das ist nicht nett, nicht kooperativ und auch nicht rücksichtsvoll. Das weiß ich selbst. Aber ich verteidige nun mal mein Revier:
Denn 1. war ich vor ihr auf der Bahn, 2. gibt es drei andere Bahnen, auf denen niemand kault und 3, es gilt auch ein wenig das Recht des Stärkeren, des Platzhirsches und 4. … ach lassen wir das.
Was folgt ist das übliche Geschrei von Unverschämtheit, Bademeister, Rücksichtslosigkeit, Rüpelhaftigkeit… Sie schimpft mir hinterher. Ich habe nichts anderes erwartet. Die Situation könnte langsam eskalieren.

Ruccksicht

Nicht alle sind so… die drei Damen hier bleiben lieber unter sich.

„Voila“, denke ich mit einiger Genugtuung und der festen Absicht, mich einer gütlichen Einigung zu verweigern. Irgendwann ist auch mal bei mir Schluss mit Rücksicht und Toleranz. Ich bin jetzt auf der 111. Bahn, also wird die Frau (definitiv keine Dame) noch neun weitere aushalten müssen. Oder sie muss zurück zu Herbert denn der lässt es mittlerweile beim Brustschwimmen ruhiger angehen.  Oder sie wechselt auf Bahn 1. Oder 4. Oder 5. Auf der 4er zum Beispiel sind nur zwei ältere Rückenschwimmer. Da passt sie doch viel besser dazu.
Weitere neun Bahnen kämpfe ich mich an der jedes Mal auf’s Neue zeternden Alten vorbei, dankbar, dass meine Badekappe das meiste ihrer Verbalattacken filtert. Ich verstehe ja, dass diese Frau Angst hat, sich bedroht und gefährdet fühlt, sie könnte ja aus Versehen verührt werden. Obwohl das Wasser nur brusthoch ist, sorgt sie sich vielleicht auch um einen Ertrinkungstod vor ihrer Zeit. Ich verstehe auch, dass sie sich im flachen Lehrschwimmbecken besser aufgehoben fühlt als im tiefen anderen Becken, wo sie keinen Grund unter den Füßen verspürt. Was ich aber nicht verstehe, ist, warum sie sich ausgerechnet diese Bahn für ihre Taumelschwimmerei ausgesucht hat, nachdem sie zwanzig Minuten lang auf einer anderen nebenan war.
Immer wieder denke ich an Jürgens Appell zur Rücksichtnahme und ärgere mich eigentlich noch mehr. Nicht über Jürgen. Denn braucht es nicht eigentlich „gegenseitige Rücksichtnahme“? Anstand, Logik und Vernunft hätten hier eigentlich dazu führen müssen, dass sie es ist, die Rücksicht nimmt und auf der anderen Bahn bleibt. Aber dem ist nicht so. Rücksicht verlangen offensichtlich meistens diejenigen, die selbst nicht bereit sind, sie anderen zu gewähren. Rücksicht ist eine Einbahnstraße.
Pech für die Alte: Ich bin heute unerbittlich und stur. Die drei Kilometer komplettiere ich, und wenn sie dabei neun weitere Panikattacken hat, kann ich das ach nicht ändern, bzw. will ich das nicht. Der Klügere gibt eben so oft nach, bis er am Ende der Dümmere ist. Heute allerdings nicht. Heute ist Freitag, da bin ich mal ein Arschloch. Der Arschlochtag der anderen ist ja dienstags.

 

PS:

  1. In der darauffolgenden Woche sehe ich meine geliebte Schwimmbahnblockiererin wieder, dieses Mal, als ich am Hauptbecken entlang hinüber zur Sportbahn gehe. Sie taumelt hier durch das Wasser, denn das Lehrschwimmbecken ist von zwei Schulklassen belegt. Ich erkenne sie wieder, sie mich auch… Feindselig starrt sie mich aus dem Wasser an.  Soll sie. Heute ist ihr Tag. Es ist Dienstag: Arschlochtag. Ich lächle einfach zurück.
  2. Auch Jürgen scheint mittlerweile ein Anflug von Zorn auf Störenfriede zu einem weiteren Blogbeitrag verleitet zu haben: Doppelpack mit Hindernissen.
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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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