Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

What the f…

Ein Kommentar

Wer das Privileg hat, hin und wieder vormittags schwimmen gehen zu können, wird nicht selten mit sehr leeren Schwimmbecken beglückt. Und das ist denen, die nicht nur ein wenig hin und her paddeln, sondern Kilometer an Kilometer reihen wollen, meist das Allerliebste. Kein lästiges Überholen, kein Überholtwerden, kein Ausweichen, keine Menschen, die am Beckenrand genau da stehen und quatschen, wo man gleich seine Wende machen will.
Ich liebe es und ich denke, dass die Schwimmer unter Ihnen das gut nachvollziehen können.
leeresHin und wieder wird das morgendliche Schwimmen aber auch durch Begegnungen mit Menschen belohnt, die man sonst eher selten zu Gesicht bekommt… jedenfalls nicht in dieser Masse und in dem daraus resultierenden Rudelverhalten. Als ich an einem Freitag Mittag nach 4 Kilometern auf fast leerer Sportbahn zurück zu den Umkleidekabinen komme, empfängt mich Gekreische. Eine Gruppe Schulkinder, die aus dem Lehrschwimmbecken kam, schickt sich zur Umkleide an… offensichtlich haben sich hier acht Jungen, die ich auf elf oder zwölf Jahre schätze, der Sammelumkleide verweigert und sich den Bereich mit den Individualkabinen ausgesucht. Dort drehen die noch nicht einmal pubertierenden Jungen mächtig auf, denn sie haben Publikum: Immerhin gibt es auch zwei oder drei andere Badegäste, einer davon bin ich. Das verspricht ganz großes Kino. Und schon geht’s los:

Einer der Jungen, Jannis, öffnet und schließt die Kabinentür fortwährend. Das Türscharnier quietscht wie Hölle und Jannis testet, mit welchem Bewegungstempo das Gequietsche am lautesten ist.
„Ey Jannis. Alta, machst Du Tür zu“, ruft ihm ein moppeliges Kerlchen zu, dem das Gequietsche wohl gewaltig auf den Zeiger geht, oder der einfach nur auf Dicke Hose machen will.
„What the fuck…“, antwortet Jannis brüllend, lässt sich aber in seinem Spieltrieb mit der Tür nicht weiter stören. Immerhin Jannis hat das richtige Stichwort in die Runde gerufen
„Fucker, Sucker“, tönt es lautstark aus einer Kabine direkt neben ihm. Das klingt besonders überzeugend, wenn es mit einer Stimme vorgetragen wird, die mit jedem Sopran im Tölzer Knabenchor mithalten könnte. „Meine Fresse!“
Zwei andere Jungen schlagen mit ihren Handtüchern aufeinander ein wie bei einer Kissenschlacht und lachen und kreischen. Ein Dritter hat sich dazu seine Jeans gegriffen, hält sie am Hosenbund und schlägt peitschend um sich. Klüger wäre es, die Hose an den Beinen statt am Bund zu greifen, dann tut dem Anderen im Falle eines Treffers wenigstens die Gürtelschnalle so richtig weh und ruft wunderbare blaue Flecken hervor. Aber das muss er schon selbst herausfinden und das dauert sicher noch, er ist ja erst ein Fünftklässler. An’s Umziehen denkt offensichtlich niemand.
Felix sitzt in seiner Badehose auf der Erde zwischen den Spinden und rammt sich mit schneller Bewegung immer wieder den Zeigefinger der rechten Hand in den Mund, diese Bewegung, die man macht, um baldiges Kotzen anzudeuten oder eben Interesse an Oralverkehr zu bekunden. Das Traurige ist nur: Es interessiert niemanden, weder die Mitschüler noch mich, der ich angefangen habe, meine Sachen aus dem Spind in eine Kabine zu räumen. Felix also heischt kreischend mit einem derben „Fuck… Fuck“ um die Aufmerksamkeit der anderen und fängt dann von vorne an, als wenigstens einer hinschaut. Lachend und prustend stochert er sich mit seinem Finger in seinem Mund herum. Ich denke: „Junge… Du musst echt noch viel lernen“.
„Motherfucker!“ quäkt der kleine Dicke, der bereits Jannis angebrüllt hat, und versetzt Felix einen Fußtritt. Bevor Felix jedoch aufgesprungen ist, hat der Dicke sich in einer Kabine geflüchtet und die Tür hinter sich verriegelt. Dumm für ihn ist nur, dass seine Garderobe noch draußen ist. Die nämlich erbeutet Felix, tritt gegen die Tür und verkündet, jetzt die Unterhose und das T-Shirt des Dicken im Klo zu versenken. „Is eh voll Scheiße!“
„Goil Alta!“ hört man den Kindersopran von irgendwo her.
Der Dicke reißt die Tür auf, schreit „Feliiiiiix!“ und blickt suchend umher. Felix steht derweil im Durchgang zum Ausgang, sodass der Dicke ihn nicht sehen kann.
Feeelix…. Du Arsch. Komm her!“ Die Stimme kippt über. Hysterie schwingt mit, Angst und Panik, dass er seine Wäsche gleich klatschnass aus dem Klo ziehen darf.
„Gib mir meine Sachen wieder. Arschfotze!“
Plötzlich springt Felix aus seinem Versteck und wirft dem Dicken mit Wucht dessen Anziehsachen entgegen.
„Fick Dich, Hurensohn!“ stößt dieser hervor und versucht, seine Stimme wieder in den Griff zu bekommen. Dann bückt er sich, um seine Garderobe zusammenzusammeln.
Alle lachen. Selbst Jannis hat mit dem Gequietsche aufgehört.
„Heul nich rum“, ruft Felix dem Dicken zu. Er rammt sich wieder den Finger in den Mund und bewegt ihn hektisch hin und her. „Du Schwanzlutscher!“ Dann klatscht er sich mit einem der anderen Jungen ab.
Wütend ballt der Dicke, der seine Anziehteile zusammengesucht hat, die Faust und zeigt Felix den ausgestreckten Mittelfinger. Mit voller Wucht schlägt er die Kabinentür zu, dass die Trennwände wackeln. Felix verpasst der Tür einen Tritt, wie er es in einem asiatischen Kampfsportfilm gesehen hat. Wieder wackelt alles.
„What the fuck…“, kommt es mal wieder von Yannis.house-fp
Während ich mich in meine Kabine zurückziehe und mich anziehe, geht es um mich herum tumultartig weiter. Das Leben tobt. Ich lerne neue Schimpfwörter, Flüche und Kraftausdrücke, vor allem Jannis, erweist sich als profunder Kenner.
Insgeheim freue mich, dass ich mich bei der Auswahl meiner Sportart für’s Schwimmen entschieden habe: Diese Einsamkeit und diese himmlische Ruhe, wenn man dem Kopf im Wasser unter der Oberfläche hat, ist mit nichts aufzuwiegen. Und ich finde es angesichts dieser Schülergruppe wieder einmal richtig gut, dass ich mich kurz vor Studienbeginn schnell noch umentschieden habe und nicht Lehrer geworden bin. Vermutlich würde ich mir sonst fortwährend den Schädel an irgendetwas anhauen müssen…
Aber a propos Lehrer, Fuck! Wo ist der eigentlich?

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

Ein Kommentar zu “What the f…

  1. Sehr lebendig beschrieben – Alta! – und sei froh, dass sie nicht im Becken über dich hergefallen sind. Hatte ich kürzlich … dafür ohne Türenknallen und „Alta!“.

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