Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Meiner einer…

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Inspiriert von Petra Martin und ihrer Notiz „Haken an der Sache“ in der Münchner Abendzeitung im März, in der sie sich zu genau diesem Thema geäußert hat.

157 ist meiner einer. Dieser und nur dieser Spind soll es sein, wenn ich im Erdinger Schwimmbad bin. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist es der erste Schrank ganz vorne, zum zweiten ist er direkt an der Umkleidekabine mit der wunderbar quietschenden Tür, mit der man die Badegäste so schön terrorisieren kann. Außerdem nehme ich den immer. Also jedes Mal. Ehrlich. Es ist demzufolge völlig inakzeptabel, dass der Spind 157 belegt ist, wenn ich zum Schwimmen komme. Gleiches gilt für Spind 12 in Markt Schwaben in der Schwimmhalle. Auch das ist mein Schrank und es ist nicht nur eine Rücksichtlosigkeit, wenn der belegt ist. Es ist eine Unverschämtheit, eine Beleidigung.schrank
Dass ich das so sehe, hat übrigens wenig mit meiner mir oft zugesprochenen leicht autistischen Art zu tun.Ich bin seit frühester Kindheit so erzogen worden… und die meisten von Ihnen, werte Leser sicher auch. Ich hatte meinen festen Haken für meine Jacke an der Garderobe im Kindergarten. An diesen – und nur an diesen!!! – durfte ich meine Jacke hängen.
Ich hatte meinen festen Platz in der Schule. Vom ersten bis zum letzten Schultag war es Pflicht, sich auf diesen einen, den zugewiesenen oder ausgesuchten Platz zu setzen. Meinen Platz. Da gehörte ich hin – im Klassenzimmer wie in den Fachräumen. Nie im Leben hätte es man uns erlaubt, sich jeden Tag einen Platz nach eigener Wahl zu suchen.
Ich hatte als Kind am Familienesstisch meinen Sitzplatz, ich hatte mein Kinderbesteck und mein Kindergeschirr, nicht etwa, dass das mein Bruder hätte nehmen dürfte oder ich das seinige. Das ist heute noch so, dass ich meinen Platz am Esstisch habe. Den macht mir niemand streitig. Nicht, dass ich unhöflich bin, aber nicht mal hochgestellter Besuch wird dort jemals sitzen dürfen. Es ist mein Platz, okay?
Es ist auch mein Schreibtisch im Büro mit meinem Schreibtischstuhl, meinem Telefon und meinem Computer. Es ist mein Parkplatz in der Tiefgarage unter dem Bürogebäude. Dort hat niemand anderes das Recht zu parken außer mir. Andererseits habe ich auch nicht das Recht, mich einfach auf einen anderen zu stellen.
Und hieß es nicht schon im Märchen von den sieben Raben bei den Brüdern Grimm. „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat aus meinem Becherchen getrunken“ und ähnlich auch im Märchen von den drei Bären. Auch die sieben Zwerge fragen sich, wer in ihrem Bettchen geschlafen hat. Sehen Sie? Ich bin nicht der Einzige.
Die Liste ließe sich beliebig verlängern, und wie, wenn nicht durch jahrzehntelange Sozialisation, kann es anders erklärt werden, dass es eben mein Spind ist. So wie der zweite Monoblockstuhl von links am Beckenrand ebenfalls meiner einer ist. Dort steht meine Tasche, dort liegen meine Handtücher über dem Geländer, dort trocknen später auf dem Gebläse meine Schwimmbrille, Paddel und Pullbuoy. Wenn Frank, der Schwimmmeister, mir erzählt, manche Badegäste dächten, sie hätten mit dem Eintritt das ganze Schwimmbad gekauft und sich auch so benähmen, dann muss ich ihm Recht geben. Es gibt Menschen, die sich tatsächlich so benehmen. Sie hüpfen ins Wasser und denken: „Diese Bahn, die ist jetzt meine.“ Kommt ein weiterer Schwimmer dazu, gibt’s gleich Gezeter, Provokation, Streit…
Natürlich habe ich im Wasser auch meine Lieblingsbahn und bin irritiert, wenn ich die nicht benutzen kann oder verschnupft, wenn es so voll ist, dass sich sechs andere Schwimmer auf ihr tummeln. Ich bin aber Realist und weiß, dass ich im Schwimmbad kein „meine Bahn“ beanspruchen darf. Aber wenigstens meinen Schrank und meinen Stuhl. Das ist doch nicht zu viel verlangt, oder?
Also schieben Sie nicht mir die Schuld in die Schuhe, wenn ich schlecht gelaunt bin, weil Schrank 157 belegt ist. Ich kann nichts dafür. Ich wurde so erzogen: Von Erzieherinnen, Lehrern, Eltern, Kollegen, sieben Zwergen und sieben Raben…

 

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

2 Kommentare zu “Meiner einer…

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