Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Der frühe Wurm…

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Der frühe Wurm stellt sich Samstag den Wecker, steht auf, kriecht aus seinem Bett, wenn noch alles schläft, wirft sich in die ausgebeulte Jogginghose und einen alten Pullover, schnappt die Schwimmtasche und macht sich auf den Weg.
So macht das Schwimmfreund Herbert, so mach auch ich das.
Am vergangenen Samstag öffnete – endlich – das Erdinger Freibad. Wir wollten zu den ersten gehören, die an der Kasse stehen und Einlass begehren.
Nun wird der frühe Wurm vom frühen Vogel gefangen, auch der frühe Fisch schnappt sich einen. Blöd nur, dass er, kaum dass er den Wurm gefressen hat, am Angelhaken hängt, was aber eine andere Geschichte wäre. Bleiben wir also beim Wurm:

Natürlich hat es etwas völlig Idiotisches, zumindest Kindisches, die ersten am und im Freibad sein zu wollen, noch dazu, wenn das Wetter nicht ganz so prickelnd ist. Wir sind schließlich keine Teenager mehr und rütteln nicht an den Gittertoren einer Veranstaltungshalle, nur weil da (hier Namen der einer gerade aktuellen Boygroup einsetzen) auftritt. Trotzdem sitzen wir um 7.45 Uhr im Auto, machen uns auf den Weg und sind schon ein wenig enttäuscht, dass bereits drei Schwimmsenioren vor uns an der Kasse stehen. Die hat auch schon geöffnet, die drei diskutieren und Herbert und mir gelingt es, dass wir uns an dem Trio vorbeimogeln. Wir müssen nicht an die Kasse, wir haben schließlich Schwimmmarken mit zig Besuchen gekauft. Die drei also debattieren mit der Kassiererin, denn das automatische Drehkreuz will deren frisch erworbenen Saisonkarten einfach nicht akzeptieren. No entry for old men.
Unsere Marken allerdings akzeptiert das Drehkreuz auch nicht. Das Display zeigt rot: Bitte wenden Sie sich an die Kasse. Also müssen wir zurück und uns hinter das Trio einordnen.
What the f…….!
Dort bekommen wir eine andere Marke ausgehändigt: „Die ersten fünfzig Besucher erhalten heute kostenlosen Eintritt“, klärt uns die Kassiererin auf und reicht uns die grünen Chips rüber. Wir freuen uns über dieses unverhoffte Geschenk und die Wertschätzung unseres frühen Aufstehens.
„Doch erster“, meint Herbert, als wir erneut zum Drehkreuz gehen. Aber da täuscht er sich. Im Wasser ziehen bereits einige Leute ihre Bahnen. Die müssen deutlich früher gekommen sein, da muss die Kasse auch schon geöffnet gewesen sein.

Vollkommen unfair ist das, was diese alten Leute da gemacht haben. Demnächst drängeln sie sich samstags beim Metzger auch noch vor. Ich kenn da so eine Frau im Nachbardorf, die macht das immer. Aber die hält sich ja auch für was Besseres.
Zurück zum Thema. Ich rede mir ein, gar nicht Erster sein zu wollen. „Allein der Gedanke, der Betreiber des Bades hätte uns willkommen geheißen, ist doch unerträglich“, tröste ich mich gegenüber Herbert. „Womöglich hätte der noch einen Blumenstrauß in der Hand und den Bürgermeister an der Seite, dazu ein Fotograf der örtlichen Zeitung, nur um den ersten Freibadbesucher der Saison zu begrüßen… und die Woche drauf sind wir in diesen Anzeigenblättern. Die Nachbarn sehen das und sagen: ,Ich hab Dich in der Zeitung gesehen.‘ Oder noch schlimmer, man gruppiert uns um irgendeine alte Frau, die die Blumen bekommt. Und dann steht drunter: ,Mit der Gewinnerin bla…bla…bla… freuen sich…‘. Da kannst Du doch gleich wegziehen.“
Gräßlich!
freib02Ich kann mich gar nicht genug schütteln angesichts dieser Vorstellung. Den ganzen geschwommen ersten Kilometer lang graust es mir, die Gänsehaut will einfach nicht verschwinden. Oder liegt es vielleicht doch an der Wassertemperatur?
Derweil rückt ein Frühschwimmer nach dem anderen ab, irgendwann sind wir dann auch für etwa eine Viertelstunde ganz allein im Wasser. Nebenan im Sprungbecken trainieren ein paar Taucher, im Lehrschwimmbecken drinnen sind auch ein paar Leute… aber mal ehrlich: Das Freibad hat geöffnet, das Wasser 24°C, die Luft 17°C, niemand ist außer uns im Becken. Warum um Himmels Willen sollte ich da in die Halle gehen?

freib01Der positive Nebeneffekt der Saisoneröffnung und der maximalen Einsamkeit: Wo niemand ist, kann sich niemand gestört fühlen. Und wenn sich niemand gestört fühlt, dann wird sich auch keiner beschweren. Und wenn sich keiner beschwert, verbietet mir der Bademeister sicher auch nicht, im und unter Wasser zu fotografieren. Denn beim besten Willen kann mir niemand irgendwelche unzüchtigen Absichten unterstellen… außer Herbert ist ja niemand da; und der wird sich hüten.
Diese Gedanken sind übrigens nicht unbegründet, einer der Schwimmmeister hat mir mal erzählt, eine Besucherin habe sich über die Unterwasserfotografie eines Mannes im Freibad beschwert. Wie gut also, dass wir allein sind, was mir nebenbei im Hintergrund der Bilder unter Umständen auch ekliges Verhalten anderer Schwimmbadbenutzer unterhalb der Wasseroberfläche erspart – und auch den Anblick leopardbemusterter Badetextilien, die vom Hintern ihrer Trägerinnen schier aufgefressen werden, wozu ich mich an anderer Stelle bereits abfällig geäußert habe.nospeach
Die Kamera füllt sich schnell, 90% der Fotos sind sowieso Ausschuss… das weiß ich jetzt schon. Ich bin eben kein begnadeter Selfie-Fotograf und Unterwasser schon gleich zweimal nicht. Aber vielleicht habe ich Glück, und das eine oder andere Bild kann ich verwenden, für diesen Blogpost oder einen späteren…

Das wilde Fotografieren geht natürlich ein wenig zu Lasten des Schwimmens. Aber wir haben ja Zeit und irgendwann kommen dann doch wieder andere Badegäste. Ich weiß zwar nicht, ob die das stören würde, wenn ich noch ein paar Selfies machte, aber es reicht dann auch. Erstens sind die Bilder sowieso fast alle Murks und zweitens bin ich ja schließlich zum Schwimmen hergekommen.
Also: Kamera weg, Pullbuoy zwischen die Beine und los. Sind ja nur noch 1,5 Kilometer für heute.

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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