Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Was man nicht im Kopf hat…

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Manchmal meine ich, dass meine Großmutter väterlicherseits ihr gesamtes erzieherisches Konzept aus Sinnsprüchen, Kalenderweisheiten und Erziehungsmerkverslein aufgebaut hat. Soweit sie sich gemüßigt fühlte und sich die Befugnis dazu herausnahm, traktierte sie meinen Bruder und mich mit Sprüchen, die nicht besser wurden, je öfter wie sie zu hören bekamen.
Das geschah meist weniger mit dem didaktischen Zeigefinger als viel mehr mit dem naseweisen Hinterhergerede. Und einer ihrer ganz besonders gern rezitieren Verse war
Was man ich im Kopf hat, muss man eben in den Beinen haben!
Irgendwann reichte es damit dann aber auch und in Folge meiner rebellischen Grundveranlagung quittierte ich ihre Bemerkung mit der Ergänzung oder im Tank stieg in den VW Käfer und fuhr schnell noch mal zur Apotheke, um ihr das Medikament zu holen, das mitzubringen ich ihr zugesagt habe.

Mit Schwimmen hat das ganze freilich wenig zu tun, aber doch geht er mir am ersten Urlaubstag nicht aus dem Sinn und ich weiß, dass ich den ersten Blogeintrag aus Kroatien damit eröffnen werde.
In diesem Jahr haben wir uns ein Ferienhaus am Rand des Nationalparks Paklencia gebucht, ruhig ist es und abgeschieden, so mögen wir das. Aus dem Fenster sehen wir auf den Velebitski Kanal und in selbigem möchte ich in den kommenden Tagen möglichst oft schwimmen. Und damit möchte ich gleich am ersten Urlaubstag beginnen.
adria01-01Noch ist der Koffer nicht ausgepackt, da drängt es mich raus aus der Klause am Fuß der Berge, hinunter nach Starigrad und dort ins Wasser. Der Tag ist zu schön, um ihn nicht mit schwimmen zu krönen, egal, dass wir die Nacht durchgefahren sind und ich eigentlich etwas ausruhen müsste, egal, dass ich den ganzen Tag noch nicht „Gescheites“ gegessen habe…
Der einige Kilometer breite Velebitski-Kanal wird (etwas vereinfacht skizziert) nach Südwesten von der Insel Pag begrenzt, im Nordosten verläuft die kroatische Festlandküste. Im Nordwesten öffnet er sich der Adria, im Süden schließen sich, da, wo er versumpft, einige Seen an, dahinter folgt ein berühmter Canyon, über den ich sicher noch ein paar Notizen machen werde.

adria01-02Die Tasche der Neoprenanzüge habe ich daheim zur Schwimmtasche umfuntioniert und wirklich alles, was ich brauche, hineingestopft. So wie sie da steht, werfe ich sie in den Kofferraum und grüble, ob ich mit oder ohne Neoprenanzug schwimmen werde. Dass ich die Safe Swim Boje mitnehme, ist hingegen beschlossene Sache, schon allein, weil ich den Autoschlüssel nicht am Ufer bei meinen Anziehsachen liegen lassen will. Das war schließlich einer der Gründe, weshalb ich das Teil überhaupt gekauft habe. Mich gegen Bootsverkehr abzusichern, ist zumindest an diesem Tag unnötig. Es ist nämlich keines unterwegs. Zwei Teenagerpaare sind als Stehpadler auf ihren Brettern unterwegs, ein Mensch schnorchelt ein wenig. Ansonsten ist einfach niemand im Meer. Nicht mal Kinder planschen am Campingplatz im flachen Wasser.
Keine drin?
Das verleitet mich dazu, doch den Neoprenanzug anzuziehen. Einen Moment denke ich, als ich ihn am Parkplatz aus der Tasche nehme, eigentlich hätte ich doch die Badehose schon in der Ferienwohnung anziehen können, jetzt muss ich mir am Strand das Handtuch um den Bauch…
…das Handtuch?
Wo ist das Handtuch?
Scheiße… ich hab ja gar keines dabei. Die sind ja noch gar nicht ausgepackt. Und da ich nicht meine normale Schwimmtasche dabei habe, in der immer eines ist, habe ich jetzt gar keines dabei. Und das Geld für das Brot für das morgige Frühstück habe ich auch vergessen.
Was man nicht im Kopf hat, muss man eben im Tank haben.
Also zurück zur Ferienwohnung, Handtuch und Geld holen, dann wieder los. 20 Minuten später stehe ich wieder am Ufer. Jetzt gilt’s.

adria01-04Ich bleibe dabei, heute im Neoprenanzug, nicht gleich am ersten Urlaubstag übertreiben und dann die nächsten zwei Wochen verschnupft sein und nicht ins Wasser zu kommen…
Drei kroatische Motorradfahrer, die am Ufer sitzen, erklären sich schnell bereit, den Reißverschluss vom Neoprenanzug zuzuziehen. Da ich kein kroatisch verstehe, weiß ich dieses Mal nicht, ob das Ganze gepaart ist mit der Bemerkung, der Anzug sei ja doch etwas eng und eigentlich brauche es keinen… aber selbst wenn, es ist mir egal.

Schnell bin ich im Wasser, das viel wärmer ist als gedacht. Am Ufer sind es rund 20°C, wie ich auf meinem Badethermometer, das ich am Bauchgurt der Boje hängen habe, ablese. Mit kräftigen Zügen geht es hinaus, hinweg über hunderte von Seegurken, die in ihrer unappetitlichen Erscheinung wie geschwärzte Hundehaufen auf dem Meerboden liegen. Weiter draußen ist es deutlich kälter.

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Von Nordwestern her drückt die Adria in den Kanal, es herrscht zwar kaum Wellengang, aber die Strömung ist deutlich zu spüren. Das bemerke ich, als ich ein paar Fotos mache. Überrascht stelle ich fest, dass ich ein gehöriges Stück abgedriftet bin. Ich schwimme also im weiten Bogen nach Nordwesten, der Strömung entgegen. Das kostet erstaunlich viel Kraft für das bisschen Strecke, das man schafft. Aber was soll’s?
Irgendwann werde ich dann mit der Strömung zurück zum Ufer schwimmen, wo an der Wiese meine Sachen liegen. Noch ein paar Bilder  und dann kehre ich um.
Arschlochkinder (ich kann es leider nicht anders sagen) erwarten mich an der kleinen Mole. Sieben deutsche Urlauberkinder zwischen etwa vier und zehn Jahren werfen Steinchen ins Wasser. Als sie mich kommen sehen, versuchen sie, mich zu treffen. Es gelingt ihnen allerdings nicht. Was die nicht im Kopf und ihren Ärmchen haben, habe ich. Drm bleibe ich auf unerreichbarem Abstand.
Die dazugehörige Mutter sitzt zwischen zwei Kiefern und beobachtet das muntere Treiben ihres Nachwuchses und deren Freunden kommentarlos, wie ich später bemerke, als sich das Spiel wiederholt. Denn eine ältere Frau wagt sich dann auch ins Wasser und schaut nicht schlecht, als neben ihr ein paar Steinchen ins Wasser klatschen.
Als eines der kleineren Kinder unabsichtlich von einem größeren gestoßen wird, hinfällt und ein Mordsgeschrei anfängt, ist Mama natürlich sofort zur Stelle, tröstet den Fratz und scheißt die Älteren gehörig zusammen.
Der Tag ist zu schön, um mich ihr, der Mutter von mindestens zweien dieser Kinder, anzulegen und ihr zu sagen, wie Scheiße ich es finde, dass ihre Kinder mit Steinen auf Leute werfen. Außerdem habe ich Urlaub. Seit heute!
Und den Kindern fehlt einfach eine Oma, die ihnen einen Merkspruch verpasst, dass man nicht mit Steinen nach Menschen wirft. Ich weiß keinen, aber ganz sicher gibt es einen. Da bin ich sicher. Meine Oma hätte den gekannt.

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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