Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

The watcher and the tower…

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turmi3The watcher and the tower
waitung hour by hour
Mike Oldfield – Crises –

Luftlinie – sagt Google Maps – sind es 2,27km. Das ist nicht viel. Jedenfalls nicht so viel.
Für was schwimme ich während des Urlaubs nahezu täglich am Ufer des Velebit-Kanals auf und ab?
Für was bin ich einigermaßen gut in Form? Da werde ich doch die 2,27km von Turm zu Turm schaffen… Zwei Türme und ich dazwischen. Wie episch.
Heute scheint der ideale Tag dafür zu sein. Die Sonne scheint seit Tagen unaufhörlich, das Wasser ist mittlerweile freibardwarm (was ein dehnbarer Begriff ist), kaum Wind, keine Strömung. Perfekt. Da kann ich quer durch die Bucht schwimmen, ich möchte nicht immer nur am Ufer auf und ab schwimmen, nicht immer den kiesigen Grund, Seegurken und Edle Pfahlmuscheln unter mir sehen. Das undurchdringliche, tiefe Türkis möchte ich unter mir haben. Immerhin, so sagt es die Karte, geht es in der Bucht auf rund 20m Tiefe runter. Das reicht. Das ist ja wohl tief genug.

So lasse ich mich mittags kurz vor zwölf am ersten Turm am Rt Pisak in Seline am Velebit Kanal absetzen. Meine Frau bringt mich zur Spitze. Hier möchte ich starten, die Bucht durchqueren und an der Ruine des venezianischen Wachturms am Rt Stara Kula in Starigrad wieder an Land gehen.turmi2
Das klingt nach einem Plan. Am Ende der geteerten Straße halten wir, ich ziehe mich im Schutz der Kofferraumklappe um, just, als am benachbarten Campingplatz ein Urlauber anfängt, Wäsche aufzuhängen. Soll er. Wenn er unbedingt glotzen will, soll er auch das. Bewaffnet mit Safe Swim, Kamera, Brille, Kappe in Badehose und -schuhen und UV Shirt laufe ich die nächsten paar hundert Meter bis zur äußersten Spitze. Ein paar Sonnenanbeter starren mich an, als hätten sie eine Vision. Auch das ist mir egal. Ich erwähnte es bereits. Von hier also soll es losgehen:

turm1Verdammt weit weg, der Wachturm. Auf dem Foto ist es ein kleiner grauer Fleck am Horizont, links neben dem etwas größerem weißen, dem Hotel Bluesun Alan. Und das sollen echt nur 2,27km sein?
Egal. Ab ins Wasser. Und schon bald stelle ich fest, dass es ein Irrtum war, zu glauben, es hätte heute keine Strömung. Unaufhörlich schwimme ich nämlich gegen eine an. Zug um Zug und Meter um Meter.
Nicht, dass ich jammern will, es macht enormen Spaß. Nur der Turm, der besch…., der kommt einfach nicht näher. Nicht nach 100 Zügen, und nicht nach 500, bei denen ich mich immer wieder neu ausrichte. Auch nicht nach 1.000 und auch nicht nach 1.500.turmi4Längst sehe ich unter mir nur noch blau. Einmal schwimme ich über einen Schwarm kleiner Fische. Es blitzt und blinkt. Aber die Fische sind zu klein, zu tief und zu schnell, um sie zu fotografieren. Immer wieder stiebt der Schwarm auseinander, formiert sich neu und weicht diesem Etwas, das unbeholfen über sie hinweg krault, aus.
Und der Turm?
Der kommt nicht näher. Ich blicke zurück. Da bin ich schon eine gefühlte kleine Ewigkeit unterwegs, aber das Leuchtfeuer ist immer noch so verdammt nah. turmi5Kunststück. Ich schwimme nicht den direkten Weg, sondern habe mich weit in die Bucht hinein ziehen lassen. Das werden keine 2,27km, das werden mindestens 3km. Was auch nicht weiter schlimm ist. Nach einer halben Stunde habe ich das Gefühl, endlich der Ruine näher gekommen zu sein. Wie ein hohler Zahn steht das Reststück in der Landschaft. Ich denke an meine Zahnärztin (die auch schwimmt), an meine Zahnoperation vor zwei Wochen, an einen relativen Trümmerzahn, der auch behandelt werden muss, und kann es nicht fassen, was für ein Mist mir gerade einfällt. Um mich abzulenken, sage ich mir, dass ich jetzt erst mal 1.000 Züge schwimmen werde und diese zähle. Endlich rückt der dämliche Turm näher:
turmi6Was im Freibad wunderbar klappt, will mir heute nicht gelingen. Konzentriertes Zählen geht einfach nicht. Ich weiß nicht warum.
Irgendwann ist der Turm so nah, dass ich ein Selfie machen möchte. Das zeigt zwar keine gute Schwimmhaltung (s.u.), aber wie soll das auch gehen?
Fast verliere ich die Schwimmbrille bei dieser Aktion: Ich schiebe sie hoch, um etwas sehen zu können, da flutscht mir das Miststück einfach vom Kopf. Im hohen Bogen springt sie davon.
Das ist mir schon mal im Freibad passiert, die Brille sank sofort zu Boden. Mit Hilfe einer Ersatzbrille habe ich sie wiederheraufgeholt. Schwimmbrillen, die nicht schwimmen… auch so ein Scheiß.
Jetzt ist Tempo angesagt. Bevor die Brille in der Tiefe verschwindet, muss ich sie wiederhaben, sonst kann ich ans Ufer brüsteln und den rest zu Fuß zurücklegen.
Ich habe Glück, direkt neben mir treibt sie im Wasser.

turmi7
Brille bergen und ein Selfie vom Vortag hier einschmuggeln:
DSCF0677 Dann Brille wieder aufsetzen. Foto. Weiterschwimmen. Ausreden gibt es nicht. Jetzt nicht mehr!
Kurz vor dem Turm stoße ich auf andere Schwimmer. Nackte. Das beunruhigt mich nicht, ich weiß, dass da ein paar FKKler ihre Badestelle haben. Sie lachen, grüßen auf kroatisch und winken. Ich grüße und winke zurück. Noch hundert Meter. Dann habe ich das Kap erreicht. Rt Stara Kula ist direkt vor mir. Hinter dem Turm, in der Bucht am Kiesstrand, wartet meine Frau.
Sie sieht mich von weitem schon, die Schwimmboje ist wirklich sinnvoll. Als ich einen Stop mache und das Ufer nach ihr absuche, winkt sie mir. Sie hat mich schon seit geraumer Zeit im Kampf gegen Wellen und Strömung beobachtet.
turmi8Das war’s. Noch ein paar Meter durch das sehr warme Wasser und ich habe es für heute geschafft.
„…und genauso schaust Du jetzt auch aus“, meint sie. „Geschafft!“turmi9
Die Strecke muss etwas über 3 Kilometer lang gewesen sein, die meiste Zeit bin ich direkt gegen die Strömung angeschwommen. Das zählt extra. Aber wie verbuche ich das?
Die geschätzte Zeit von knapp eineinhalb Stunden habe ich natürlich heftig überschritten. Knapp zwei Stunden hat es gedauert – inklusive aller Fotopausen.
„Geschafft?“, antworte ich ihr, während sie mir ein Handtuch aus der Tasche zieht und wartet, dass ich aus dem Wasser komme. „Ich doch nicht…“
Wie kommt sie denn auf die Idee?

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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