Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Über mir die Drama-Queen

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Einer geht noch, einer geht noch rein.

Und der Eine ist Chilene, wohnt in Rosenheim und setzt tatsächlich seinen Fuß in den Chiemsee. Sonst geht niemand an diesem kühlen Septembertag im Chiemsee schwimmen. Die Badestrandsaison ist beendet. Das Schwimm-Plateau ist abgeräumt und liegt auf dem Trockenen auf der Wiese, auf der sonst die ferialen Sommerfrischler sich von ihren Radios bedudeln lassen und die Bild lesen.
Auch der große Plastikeisberg ist weg, die Rutschen sind gesperrt. Schluss mit Badespaß.
Das gilt aber nicht für den Chilenen, der eine Runde schwimmt, aus dem Wasser kommt und sich abtrocknet um es sich hernach auf dem Plateau in der Sonne gemütlich zu machen,
Auf der anderen Ecke des Plateaus deponiere ich meine Tasche und packe mein Schwimmzeug aus. Wir kommen kurz ins Plaudern. Er komme aus Südchile, aus Patagonien, erzählt er. Da sei er es gewohnt, im Kalten zu schwimmen,  während ich mich zu einer Schwimmrunde im Bayerischen Meer rüste.
Verführerisch schaut das Wasser aus. Es war klug, meine Schwimmtasche ins Auto zu werfen und mich zunächst in Felden absetzen zu lassen, bevor er anschließend zum Familienbesuch mit inkludierter Geburtstagsfeier geht – alles richtig gemacht.drama01Wer kann da schon widerstehen? Also ich zumindest nicht. Und mit einem Neoprenanzug ist noch lange nicht Schluss mit Draußen Schwimmen, selbst wenn die Freibäder mittlerweile geschlossen haben. Das erwähnte ich ja bereits im vorangegeangenen Blogpost.
Also geht noch einer – wieder einer. Ins Wasser. Ich.

So kalt ist das Wasser gar nicht, zumindest nicht im flachen Uferbereich. Von Felden aus schwimme ich nach Norden, am Irschener Winkel vorbei geht es in Richtung Prien.
Dann aber zeigt der Himmel der Bayern, dass er eine richtige Drama Queen sein kann. Wolken ziehen auf, schieben sich vor die Sonne und ein aufkommender Wind kräuselt das Wasser, das langsam immer schwärzer wird. Die Stimmung kippt. Vielleicht wird es jetzt doch sinnvoll, umzukehren. Entgegen den Weihern und kleinen Seen, in denen ich sonst schwimme, ist das Ufer zwar auch in schnell erreichbarer Nähe, aber es ist von einem Schilfgürtel umgeben. Da möchte ich mich im Falle des Falles nicht durchzwängen müssen.
Oft genug habe ich in diesem Sommer von Badeunfällen gelesen, erst vor Kurzem hat die Erdinger Wasserwacht bei einem aufziehenden Gewitter zwei erschöpfte Schwimmer aus dem Kronthaler Weiher ziehen müssen. Sie hätten keine Kraft mehr gehabt, das Ufer zu erreichen, zu stark sei Wind und plötzliche die Strömung gewesen. Nein danke. Ich möchte nicht Gegenstand einer Zeitungsmeldung sein.
Vor mir erhebt sich gestochen scharf die Kampenwand. Der Blick ist es wert, einen Moment Pause zu machen, zu schauen und die an der Schwimmboje befestigte Unterwasserkamera zu zücken. Kein Freiwassershwimm ohne Kamera, kein Blogpost ohne Bild. So ist das nun mal…drama03
Zurück in Felden errege ich die Aufmerksamkeit der Kurgäste und zahlreichen Reha-Patienten der naheelegenen Klinik. Sie sitzen in Fleece- oder Softshelljacken dick eingepackt auf den Bänken am Ufer, trotzen dem Wetter, genießen die frische Bergluft und beobachten das Wasser. Aber außer Blässhühnern gibt es nicht viel zu sehen: Keine Boote, keine Segler, keine Badegäste. Nur den einen, ein Schwimmer mit seiner leuchtend orangen Boje und einer absurd bunten Badekappe.

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„Wie kalt war’s denn eigentlich?“ fragt mich ein Mann, als ich das Wasser schon wieder verlassen habe und mich gerade abtrockne. Er erzählt, dass er seit zwei Tagen in Prien zur Kur ist und auch so gern schwimmen gehen würde: „Aber kälter als 20°C soll es nicht sein.“
Wahrheitsgemäß antworte ich, dass ich das nicht weiß, biete ihm aber an, mein Badethermometer zu benutzen. Er winkt ab. Seine Frau, die ihn begleitet aber nimmt es, als ich es aus der Schwimmtasche ziehe.
„Das mache ich jetzt mal“, sagt sie zurtiefst schwäbisch und stapft auf den Steg. Nach ein paar Minuten kehrt sie zurück, freudig, dass das Wasser noch immer 20 °C hat, aber überrascht, wie flach der See ist.
„Das ist nur hier vorne am Steg so“, erkläre ich, ganz den Fremdenführer gebend. „Ein Stück weiter draußen ist es ungleich kälter und sehr viel tiefer.“ Dann rate ich ihnen, es auch mal am Simssee zu probieren, der meistens etwas wärmer ist. Kann ja nicht sein, dass der arme schwäbische Kurgast auf dem Trocknen sitzen bleiben muss.
Derweil liegt der Chilene immer noch auf dem Plateau, hat sich aber in seine Decke eingerollt. Dabei ist es in Patagonien doch viel kälter… oder nicht?

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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