Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Welcome guys… (Blogger für Flüchtlinge #2)

2 Kommentare

Instagram-bloggerfuerfluchtlinge-300x300Nein… das hier ist kein politisches Blog. Noch immer nicht. Hier geht es nach wie vor um den Spaß am Sport, am Schwimmen. Um meinen Spaß. Aber noch immer regt mich das menschenverachtende Gerede der Pegida, AfD, ihrer Mitläufer, der Besorgten Bürger zutieftst auf – und nicht minder das der geistigen Brandstifter namens Seehofer, Söder, de Maiziere und manch anderer Politiker der sogenannten „C“-Parteien. Jeden Sonntag müssten sie sich erneut schämen, nur einen Fuß in eine Kirche zu setzen (wenn sie des denn überhaupt tun). Darum mal wieder ein Beitrag für #bloggerfuerfluechtlinge. Es geht um Menschen, schlimm genug, das überhaupt erwähnen zu müssen. Hier also mein zweiter Beitrag (den ersten Beitrag finden sie hier).

 

Ich sehe die vier Männer schon, als ich zum Schwimmbad komme. Sie stehen vor der Tür, diskutieren in einer mir fremden Sprache und ich erkenne in ihnen Flüchtlinge (Nein: Nicht, weil es junge Männer sind, sie Smartphones besitzen und Markenschuhe tragen. Zumindest letzteres nämlich entfällt).

Gemeinsam mit mir betreten sie den Eingangsbereich des Erdinger Schwimmbads. Stumm reichen sie der Kassiererin 10Euroscheine entgegen, bekommen Wechselgeld und ihre Einlassmarke und bedanken sich durch ein Kopfnicken. Dann stehen sie etwas hilflos vor dem Drehkreuz.
Das Verhalten an der Kasse, das nichts mit Unfreundlichkeit oder Unhöflichkeit zu tun hat, kommt mir irgendwie sehr vertraut vor. Ich mache es auch nicht anders, wenn ich im Urlaub bin, die Landessprache nicht spreche und mit englisch nicht weiterkomme – und das kann in so manchem kleinen Geschäft oder an einem Marktstand schon mal vorkommen. Also schätze ich, was das gekaufte, abgwogene Obst wohl kosten wird. Die Verkäufer nennen irgendeine Zahl, die ich nicht verstehe, ein Kassendisplay gibt es nicht. Also strecke ich ihnen einen etwas größeren Schein entgegen und kassiere das Wechselgeld. Das ist angenehmer, als sich auf Zetteln aufschreiben zu lassen, was man bezahlen muss und dann in der fremden Währung irgendwelche Münzen zusammenzusuchen.
Aufgeschmissen mit dieser Strategie war ich allerdings, als eine Kirschenverkäuferin in Kroatien nach genau diesem Kleingeld fragte, weil sie kein Wechselgeld hatte und ich einfach kein Wort verstand. Wir lachten beide, verständigten und buchstäblich mit Mimik und Gestik  und ich ließ sie das Geld selbst aus dem Münzfach nehmen. Übrigens erging es uns genauso auch in einem großen Supermarkt nach der Bezahlung mit der Maestrocard. Auch das kann man theoretisch wortlos zahlen und nett lächeln; es sei denn, die freundliche Frau fragt, ob man im Laden alles gefunden hat oder Sammelpunkte mitnehmen möchte. Ich konnte in dem Moment nur mutmaßen, dass sie das gefragt hatte und outete mich erneut als zwar nicht stumm oder taub aber trotzdem unfähig zu verstehen, was sie eigentlich von mir wollte. Nicht anders erging es den vier Männern vor mir an der Schwimmbadkasse.

Jetzt stehen sie vor dem Drehkreuz und wissen nicht, wie es weitergeht. Mittlerweile habe ich meinen Zuschlag bezahlt und halte meine Wertmarke vor das Lesegerät, worauf sich das Drehkreuz entriegelt und ich passieren kann. Die Männer haben mich beobachtet und machen es nach. Lernen durch Nachahmung… geht doch. Das mache ich übrigens in fremden Schwimmbädern auch nicht anders. Woher soll man auch wissen, wie das alles so funktioniert, wo die Duschen und Spinde sind, wann man Euro-Münzen, wann Kärtchen und wann Wertmarken für die Schließfächer braucht, ob man einen festen Spind zugewiesen bekommt (wie in der Therme Erding) oder sich einen aussucht…

Später im Schwimmbecken sehe ich die Männer wieder. Zwar ist Bahnenschwimmen nicht unbedingt etwas, was geeignet ist, Leute zu beobachten, aber ein wenig nehme ich doch wahr von der Gruppe. Zwei Männer sitzen am Beckenrand und lassen die Beine ins Wasser baumeln. Die anderen stehen im Wasser auf der Kante am Rand und halten sich fest. Alle sind intensiv im Gespräch miteinander. Schwimmen tut keiner. Aber damit machen sie keine Ausnahme. Viele Schwimmbadbesucher kommen nur zur Entspannung und Erholung, stehen am Beckenrand und plaudern. Das ist ihr gutes Recht.

Irgendwann traut sich doch einer der vier vom Beckenrand hinein ins tiefe Wasser. Ich erkenne auf den ersten Blick, dass er nicht richtig schwimmen kann. Den Kopf hält er angestrengt über der Wasserlinie, mit den Armen rudert und paddelt er, wie man es zum Beispiel in Dokumentationen bei Eisbären sehen kann, nur dass diese mit dem Kopf auch untertauchen . Der Mann hat offensichtlich nie schwimmen gelernt, was mich wieder einmal daran erinnert, wie privilegiert wir hierzulande sind. Es gibt ein gutes Netz an Schwimmgelegenheiten: Seen, Weiher, Flüsse, zahlreiche Spaß- und Schwimmbäder  (obwohl viel zu viele schließen). Um so trauriger, dass trotzdem bei uns immer weniger Kinder lernen, richtig zu schwimmen, aber das ist ein anderes Thema.

In den Ländern im Nahen Osten ist das mitnichten so: Vor allem die Menschen, die im Hinterland wohnen, haben oft gar nicht die Gelegenheit zum Schwimmen, geschweige denn, dass sie es lernen – und dort ist vermutlich die Notwendigkeit auch nicht so groß. Demzufolge ist es auch kein Wunder, dass im vergangenen Sommer bei den vielen Badeunfällen in den aufgelasseen Kiesweihern der Anteil der Flüchtlinge sehr groß war. Dieser eine Schritt in den Kiesgruben, wenn es plötzlich nach der flachen Kante steil tief nach unten geht, ist für Nichtschwimmer der berüchtigte eine Schritt zu viel. Plötzlich und ohne Vorwarnung ist der Boden im trüben Wasser unter den Füßen weg und auch nicht mehr erreichbar. (Unterwasserfotos einer solchen Kante in einer Kiesgrube in unserer Gegend sehen Sie hier)

Und noch ein Gedanke geht mir durch den Kopf, während ich meine Bahnen schwimme. Ich kenne mittlerweile eine ganze Reihe Schilderungen von Flüchtlingen inklusive der Berichte über die äußerst gefährliche Fahrt übers Meer. Wer kann diesen Menschen angesichts dieser Erfahrungen verdenken, wenn sie sich entschließen, nie wieder aufs oder ins Wasser zu gehen? Sagen wir nicht selbst oft genug „Keine zehn Pferde bringen mich mehr dahin?“
Und es ist mitnichten ein erhellendes Erlebnis, wenn ein Boot einen knappen Kilometer vor der türkischen Küste von der dortigen Marine aufgebracht wird und den Menschen nicht geholfen wird, allerdings der Rumpf des Bootes beschossen wird, damit es sinkt. Wer schwimmen kann, kann ja zurück zum türkischen Strand schwimmen und ist einigermaßen glimpflich davon gekommen – wer nicht, hat eben Pech gehabt. Der endet dann eben wie Aylan Kurdi.

kappe1Tapfer kämpft sich der Mann einmal längs durchs Becken. Ich finde das mutig. Vielleicht sollte ich im Sommer mal in einem See, wenn es keiner sieht, dieses Paddeln ausprobieren. Ich stelle es mir enorm anstrengend vor. Bestimmt ist es kraftzehrend, weil man kaum richtig vorwärts kommt und gleichzeitig dürfte es durch dieses krampfhafte Kopfhochhalten Hals und Nacken belasten. Ich glaube, ich werde kläglich scheitern, mich auch nur ein paar hundert Meter auf diese Art über Wasser halten zu können… Mehr davon dann hier.

Eineinhalb Stunden später treffe ich die Gruppe im Dampfbad. Sie sitzen mir gegenüber; wieder schweigsam, etwas verunsichert, aber doch irgendwie entspannt.

Welcome here, guys. Peace, Swim & Love.

 

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Blogger für Flüchtlinge hat es sich zur Aufgabe gemacht, zu helfen: Materiell durch Spendenaktionen und ideell durch Texte hunderter, wenn nicht tausender Blogger: Das ist breite Stimmungmache für ein #RefugeesWelcome.
„Wir sind ganz normale Menschen. Menschen denen nicht egal ist, wie mit anderen Menschen umgegangen wird. Menschen, die helfen wollen“, heißt es von den Initiatoren über diese Aktion auf ihrer Seite. Ich bin dabei, ein winziger, kleiner Mosaikstein in einem guten Bild von Deutschland – Und ich bin stolz darauf. Ich bin sicher kein Gutmensch, vielleicht nicht mal gut, aber ein Mensch. Das verpflichtet. Zur Menschlichkeit.

 

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

2 Kommentare zu “Welcome guys… (Blogger für Flüchtlinge #2)

  1. Sehr schöner Text! In der Olympiaschwimmhalle waren mal Japaner (glaub ich zumindest), die auch schwimmen wollten. Sie hatten nicht verstanden, was die Kassierin ihnen sagte und sind am Drehkreuz gescheitert. Die Kassiererin ist in so einer Art „Häuschen“, sie kommt da nicht so ohne weiteres raus. Ich war aber auf der Bank vor dem Drehkreuz und konnte so ganz einfach helfen, indem ich den beiden zeigte, wo man die Karte hinhalten muss, dass sich das Kreuz dreht. Alle happy! Die Kassiererin hat zu mir dann gesagt: „Das hat mir jetzt gefallen, wie Sie da gleich eingesprungen sind!“. Ist doch selbstverständlich!

  2. Danke für deine Texte. Es ist mir immer wieder eine Freude, sie zu lesen. Ich bin keine Bloggerin, aber ein weiterer kleiner Mosaikstein. Lass uns mit vielen weiteren menschlichen Steinen ein buntes Bild gestalten.

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