Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Rentnerparanoia? Ich doch nicht!

4 Kommentare

Wie machen die das?

Ich frage mich ernsthaft, wie die Rentner, die sonst so bedachtsam und fast schon tüdelig einen Fuß vor den anderen setzen, das schaffen…
Nicht, dass ich etwas gegen ihre entschleunigte Lebensweise hätte. Ich warte geduldig an der Bedientheke im Supermarkt oder beim Bäcker, bis die älteren Herrschaften alles beisammen haben, ihr Pläuschchen gehalten haben, das Kleingeld aus dem Potemonaie popeln und von dannen zuckeln. In meinem anderen Blog konnten Sie davon in dem Beitrag Nett mit Mett lesen. Aber über das Folgende wundere ich mich und frage mich: Wie machen die das?

Als ich an einem Mittwoch kaum sieben Minuten nach Kassenöffnung (8 Uhr) in Erding im Schwimmbad stehe, bin ich allein.
„Schön“, so denke ich. „So muss das sein. Das wird bestimmt ein netter Schwimmvormittag.“ Es ist das erste Mal, dass ich den Luxus genieße, an einem Mittwoch morgens schwimmen zu gehen. Gearbeitet wird später…
Gähnende Leere im Umkleidebereich, Spind 157 ist natürlich frei, wie auch alle anderen, kein Mensch unter der Dusche – aber in der Halle trifft mich der Schlag. Ein knappes Dutzend Rentner ist bereits im Wasser und schwimmt seine Bahnen. Ungläubiges Staunen:
Wie machen die das?
Übernachten die in Schlafsäcken vor der Kasse, damit sie morgens gleich hineinhuschen können?
Facebookfreunde, die ich mit der Frage konfrontiere, berichten von gleichen Erfahrungen. „Ungeduschte Anreise im Bademantel“ und „Senile Bettflucht“ werden mir als Erklärung angeboten. Ich grüble immer noch. Wie schaffen die es, sich in wenigen Minuten aus ihrer Garderobe zu schälen und ins Wasser zu gelangen?
Haben Sie mal hinter einem Rentner in der Anprobe eines Textilgeschäfts gewartet? Dann wissen Sie, was ich meine…
Der Vorsprung kommt wohl wirklich nur zustande, weil die Leutchen bereits in Badeklamotten unter ihrer regulären Garderobe zum Schwimmbad fahren und ungeduscht ins Wasser steigen (Wääähh!). Schwimmbad fahren.
Auf Facebook entwickelt sich ein munterer Erfahrungsaustausch. Boris erwähnt eine Rentnerparanoia (großartig), Alexandra freut sich, wenn sie selbst Rentnerin ist und es dann genauso machen kann, nur eben mit Blade und Paddles und Ingo, der offensichtlich in einem Bäderbetrieb arbeitet, erklärt, warum das so ist: „Ich habe sie mal gefragt warum sie eigentlich nicht später kommen. Antwort der Damen, ,Wir müssen für unsere Männer das Mittagessen vorbereiten‘ und ich denke mal die Männer müssen pünktlich zum Mittagessen zu Hause sein.“ Da ist was dran. Das muss man doch verstehen.

Faszinierend zu beobachten ist, dass kaum, dass die Rentner im Wasser sind, sie drei Gänge zurückschalten. Bedächtig omabrüsteln sie hin und her, Grüppchen plaudern, einige paddeln rückwärts, andere kreuz und quer. All das ist kein Problem, das sei jedem gegönnt. Solange ihnen niemand in die Quere kommt, ist alles gut. Aber wenn doch, dann mutieren sie – so lerne ich von Silke auf Facebook – zu Gremlins, die bei Berührung mit Wasser auch zu Monstern werden.r-uwasser4_bearbeitet-2
Mich stört das an diesem Morgen nicht, denn die Sportbahn ist frei.
Während ich selbige benutze, gesellen sich nach und nach ein paar weitere Menschen dazu, die ebenfalls ihre Bahnen schwimmen, es herrscht moderates Tempo.
Einem Fastspeedschwimmer ist das deutlich zu langsam. Er wechselt auf die andere Seite in den Badebereich, bleibt direkt auf der anderen Seite der Absperrleine und gibt Vollgas. Atemberaubend, was der für ein Tempo hat – und wunderbar nett, dass er sich seine eigene Bahn sucht, statt uns vier von der Sportbahn zu mobben. Sehr rücksichtsvoll, der junge Mann.
Ein wenig neidisch schiele ich jedes Mal, wenn er mich überholt – und das ist of der Fall -, herüber.
Sein Training geht allerdings nur so lange gut, bis eine wesentlich ältere und deutlich schwerere Frau Anspruch auf genau diese Bahn anmeldet. Ohne Rücksicht auf Verluste brüstelt sie, nachdem sie ins Wasser gestiegen ist, genau dort, wo der Sportschwimmer sich seine Nische gesucht hat. Es kommt fast zwangsläufig zur Kollision und Gezeter.
Der deutlich klügere Sportschwimmer gibt nach und kommt zurück auf die Sportbahn. Lieber umschwimmt er uns als diese keifende Person. Die Frau hat erreicht, was sie wollte, irgendwie schaffen sie es immer…
„Mietbahnschwimmer“, nennt Ingo solche Leute auf Facebook. Die hiesigen Schwimmmeister bestätigen, dass es durchaus Leute gibt, die der Meinung sind, mit ihrem Eintritt hätten sie eine Bahn für sich gemietet – und zwar nur für sich. Mitsamt Umkleide, Duschen und dem Personal. Die Frau gehört ganz sicher dazu, davon kann auch Schwimmfreund Herbert ein Lied singen, denn er ist auch bereits mit ihr kollidiert.

Nicht viel anders macht es übrigens Werner Schmiedigkeit (Name von der Red. geändert), den man trotz allem irgendwie mögen muss. Der rüstige Rentner (ich werde Texter bei Bauer sucht Frau) schwimmt immer auf Bahn 1. Immer und grundsätzlich.
Das hat er früher schon so gemacht. Auch ganz früher. Sie wissen schon, damals, als die Winter noch richtige Winter waren. Also seit geschätzten 138 Jahren. Immer mittwochs morgens geht er zum Schwimmen. Das hat er sogar am 27. Januar gemacht, falls dieser Tag auf einen Mittwoch fiel und obwohl der Kaiser Geburtstag feierte (nein: Nicht der Beckenbauer, der Wilhelm).
Selbst, als es das Erdinger Schwimmbad noch gar nicht gab, war Schmiedigkeit schon auf Bahn 1. Falls Sie also Brückenechsen, Schachtelhalme, Quastenflosser, japanische Riesensalamander oder Gingkobäume als lebende Fossilien bezeichnen, dann kennen Sie solche Menschen wie Werner Schmiedigkeit nicht. Erst sie geben dieser Phrase die richtige Bedeutung.
Schmiedgkeit nimmt Bahn 1 in Beschlag wie er es immer gemacht hat, dreht sich auf den Rücken und schwimmt los. Voll stoischer Ruhe paddelt er Meter um Meter. Beneidenswert, diese Ruhe, die er dabei ausstrahlt. Gegen ihn sind meine Landschildkröten (auch lebende Fossilien) wahre Temperamentbolzen, selbst wenn sie sich während des Winters tief in der Erde eingegraben haben.
Dass Bahn 1 mittlerweile eine Sportbahn ist, stört Schmiedigkeit nicht. Erstens hat er mit so neumodischem Zeugs nichts am Hut, zweitens war er immer schon auf Bahn 1 und drittens ist ja ein sportlicher Schwimmer.
Das ist sogar gar nicht mal falsch. Er ist rüstig und vital, nur eben wesentlich älter und wesentlich langsamer als all die anderen, langsamer sogar als die Frau hinter der Absperrleine. Aber als ambitionierter Rückenstrampler sieht er sich auf der Sportbahn richtig aufgehoben, und zwar mittig – nicht etwa im Kreis.
Wie gesagt: Die Bahn gehört ihm seit auf den Briefmarken noch das Konterfei von Wilhelm II. zu sehen war.
Also: Nehmen wir Rücksicht und zollen den rüstigen Rentnern Respekt: Viele von Schmiedigkeits Altersgenossen bewegen sich schließlich gar nicht mehr. Nicht wenige davon befinden sich mittlerweile unter der Erde, genauso wie im Winter meine Schildröten. Starr sind sie – nur mit dem Unterschied, dass die Schildkröten ganz lässig im Frühjahr wieder an die Erdoberfläche kommen.

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Schmiedigkeit lässt sich nicht aus der Fassung bringen, wenn ihn die Sportschwimmer permanent dicht überholen. Er hat schließlich schon ganz andere Dinge überlebt: Den Kaiser, zwei Weltkriege, eine Diktatur, zwei Demokratien sowie die Erfindung von allerlei Teufelszeugs wie Automobile, Lichtspieltheater, mobile Telefone und Dampfkochtöpfe.
Ob und wie die anderen Schwimmer ihn überholen, überlässt er ganz ihnen. Er rückt nicht einen Zentimeter zum Rand und hält auch am Beckenrand nicht an, um eventuell mal ein paar schnellere Schwimmer vorbei zu lassen. Warum auch?
Was würde es nützen?
Auf der Hälfte seines Rückwegs zur anderen Beckenseite kleben sie ja doch wieder an seinen Füßen. Außerdem muss er ja fertig werden, da ist keine Zeit für Verzögerungen. Sein Stundenplan ist präzise getaktet. Um 12.00 Uhr steht schließlich das Essen auf dem Tisch, wie sich das gehört. Und das war immer schon so.

Nachtrag: Mehr Rentnerparanoia gibt’s hier.

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

4 Kommentare zu “Rentnerparanoia? Ich doch nicht!

  1. Ich finde ja auch, dass die ollen Rentner, von denen es sowieso nur eine einzige „Sorte“ gibt, nämlich die, über die sich alle beliebig aufregen dürfen. Renter, das ist so eine Masse, die gerne von anderen über einen Kamm geschert wird. So wie es z.B. auch nur „Lehrer“ oder „Anwälte“ gibt – einer wie der andere; Unterschiede gibt es da auch nicht und ich finde, es sollten auch keine gemacht werden. Rentner gibt’s ja von 60 bis unendlich, aber sie sind alle gleich. Blockieren die Hallenbäder, sind zu langsam an der Supermarktkasse, versperren mit Rollatoren die Gehwege. Man sollte sie alle wegsperren oder am besten gleich auf den Mond schießen 😀 LG Sigrid – seit 7 Monaten Rentnerin.

    • Nun ja, meine liebe Sigrid. Leider ist es oft so, dass ausgerechnet diejenigen, die für sich in Anspruch nehmen, dass alle Leute auf sie Rücksicht zu nehmen haben, selbst nicht bereit sind, Rücksicht auf andere zu nehmen. Es gibt nun mal Leute, die auf einer extra für solche Zwecke abgetrennten Sportbahn nichts (mehr) zu suchen haben und besser im Badebereich aufgehoben sind. Dort kann jeder so langsam wie er will beharrlich seine Bahnen schwimmen. Leider fehlt es oft an Einsicht. Und dann kommt noch Sturheit dazu.
      Und genau hier liegt im Schwimmbad das Problem. Wenn man den Kampfkraulern und Ausdauerschwimmern eine Bahn gibt, dann haben trockenhaarbrüstelnde Leute gleich welchen Alters dort nichts zu suchen. Die meisten Jüngeren sehen das ein. Die Älteren leider nicht.

  2. Pingback: Schon wieder Rentnerparanoia... - Zwetschgenmann

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