Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Männer sind so – Teil 5

3 Kommentare

Nichtschwimmer, womit in diesem Fall Schwimmen-Könner-Aber-Nicht-Schwimmen-Geher gemeint sind, fragen mich gelegentlich, was man eigentlich so die ganze Zeit macht, das müsse doch stinklangweilig sein, immer hin und her zu schwimmen.
Damit haben sie allerdings kolossal unrecht. Denn es ist nicht langweilig. Es macht den Kopf frei. Völlig frei.

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Nun ist das mit dieser freien Fläche so, dass sie nicht lange frei bleibt. Ruderalgedanken tauchen auf. Das ist etwa ähnlich der Ruderalvegetation, also den Pflanzen, die sich ohne das Zutun des Menschen auf Brachflächen ansiedeln.

Selbst O., der auch regelmäßig schwimmt, fragt mich, was mir so durch den Schädel geht. Denn immer nur Kacheln zählen muss doch endslangweilig (ich benutze hier mit Rücksicht auf Google ein Trendwort) sein. Ist es auch. Weil wir zumindest in der Halle einen Stahlboden haben. Und die Stahlplatte ist mit eins schnell gezählt und wird auch nicht mehr, egal, wie oft ich darüber schwimme.
Also fasse ich mal meine Ruderalgedanken von 3 Kilometern zusammen. Bei mir ist das nämlich so:

Es ist Sonntag. Um 12.38 Uhr steige ich ins Wasser. Ich schaue extra auf die Uhr. 3 Kilometer möchte ich schwimmen. Voll ist es überraschenderweise heute nicht auf der Sportbahn. Mal sehen, wie es wird…

G., die einen blauen Badeanzug trägt, schwimmt langsamer als ich. Also überhole ich sie bei einer 4. Bahn. Und dann wieder wann?

K., der Mann mit der blauen Jammer und der schneeweißen Schwimmbrille, ist etwas schneller als ich. Ich bin direkt nach ihm gestartet. Als ich die 9. Bahn geschwommen bin, mache ich einen kurzen Moment am Beckenrand Pause, damit er vorbei kann. Bahn 18 wird es vermutlich wieder so weit sein.

R., der einen fulminanten roten Brustpelz vor sich herschiebt und daran bestens wiedererkennbar ist, befindet sich nicht auf der Sportbahn, aber direkt daneben im Badebereich. Er krault gemächlich. Alle 6 Bahnen ziehe ich an ihm vorbei. Bahn 5, dann 11, dann 17. Sehr präzise Sache. Das gefällt mir.

Während ich die Bahn 18 schwimme, überhole ich G., dann zieht K. an uns beiden vorbei. G. werde ich wohl auf der 32. Bahn erneut überholen. K. wird mich schneller überrunden. Vermutlich auf der 27. – alles hochgerechnet natürlich.

Bahn 25: Ich überhole G. die mittlerweile bei jeder zweiten Bahn auf Brustschwimmen umgestiegen ist und damit ihr Tempo deutlich verringert hat. K. ist auch schon wieder dicht hinter mir. Meine ganze Rechnerei stimmt nicht.

30 Bahnen – ein Viertel. Oder 25%. War leicht.

G., die ich auf Bahn 25 überrundet hatte, macht Pause und bringt meine Rechnerei endgültig durcheinander.

32 Bahnen – bleiben noch 88.

Wenn ich heute 3 Kilometer schwimme, dann habe ich insgesamt dieses Jahr schon wieviel? 410 will ich insgesamt 2016 schaffen. Das sind dann wie viel Prozent vom Gesamten? Und wie viel muss ich noch? Geschwommen bin ich bisher… Moment. 13,3 Kilometer? Kann das sein?wena

K. verlässt das Becken.

M. kommt hinzu. Mein Gott, die hat ein Tempo. Ihre leuchtend orangefarbene Badekappe ist mal hinter mir, dann neben und dann vor mir. Keine 7 Bahnen, dann ist sie wieder dicht auf.

40 Bahnen, ich erhasche einen Blick auf die Uhr. Ein Kilometer bin ich geschwommen. Ich rechne hoch, wann ich heute die 2 und wann ich 3 Kilometer fertig geschwommen haben werde. Ok. Schaut gut aus. G. startet direkt nach mir und krault wieder. Bahn 54 sollte ich sie spätestens überrunden.

K. ist wieder da.

Züge zählen. Es sind von Beckenkante zu Beckenkante deutlich über 20. Zu viele. Das ist kaum mehr als ein Meter pro Zug. Leicht zu überschlagen. Oder glauben Sie, ich rechne 25 durch 22 im Kopf aus?

Bahn 45: 38%. Das hätten Sie jetzt nicht gedacht, dass ich das einfach so ausrechne, oder? Hab ich auch nicht.

Der brustpelzige R. nebenan wird immer langsamer. Nur 4 Bahnen, dann habe ich ihn. Vor allem bei der Wende lässt er sich Zeit.

Am Beckenrand schnürt A. seine Badehose fest zu und starrt dabei zu uns ins Wasser. Der schaut von der Figur wenig sportlich aus. Der wird doch nicht…

M. braucht auch nur noch 4 Bahnen, bis sie mich wieder und wieder hat. Wie oft wird M. also R. überrunden?

Ich zähle noch mal die Züge von Beckenrand zu Beckenrand, nachdem ich beschlossen habe, jetzt etwas ordentlicher zu schwimmen. Es werden weniger.

60 Bahnen – also 50% sind geschafft. Die Hälfte. Noch mal: Bei 140 Bahnen wären das wie viel Prozent? 56 Bahnen wären 40%. Das Gerechne hinter den Kommastellen macht mir zu schaffen.

G. hört auf. Ein zu berechnender Faktor weniger. Ich kann mich entspannen.kalle2

A. ist fertig mit seiner Knoterei und steigt auf die Sportbahn. Er startet direkt vor mir, schwimmt aber Brust und langsam. Ich ärgere mich, dass er mich direkt nach der Wende und dem kraftvollen Abstoßen dermaßen ausbremst. Das lasse ich ihn beim überholen spüren (hoffentlich). Ich gebe ihm maximal 5 Bahnen – nicht, bis ich ihn erneut überhole, sondern bis er die Sportbahn verlässt. Denn auch M. zieht verdammt knapp an ihm vorbei.

R. hat das Tempo wieder angezogen. Ich brauche wieder 5 Bahnen. Oder bin ich langsamer geworden? Züge zählen hilft. Nicht.

80 Bahnen: Zwei Kilometer. Ein Blick auf die Uhr: Ich bin wann losgeschwommen? Wie viel Zeit habe ich verbraucht, wie schnell pro Bahn? Warum habe ich nicht bis 12.40 Uhr gewartet? Das hätte das Rechnen leichter gemacht. Jetzt die verbrauchte Zeit durch zwei und dann mal drei. Dann weiß ich, wann ich fertig bin – wenn ich nicht immer langsamer werde.

M. ist auf Beintraining umgestiegen. Immer noch verdammt schnell, aber wenigstens überholt sie mich nicht unentwegt.

A. habe ich gerade wieder mal überholt. Er ist immer noch da. Hatte ich ihm nicht fünf Bahnen prognostiziert, bis er geht? Wie viel hat er denn jetzt im „Haifischbecken“ ausgehalten? Der Typ hat Nerven. Immerhin krault er jetzt.

K. verlässt schon zum zweiten Mal das Wasser. Geht er ganz oder wieder nur aufs Klo?

R. pausiert. Aus seinem Brustpelz steigen Bläschen. Wie viele? Man weiß es nicht, man kann nur vermuten – oder hochrechnen. Will ich haber nicht..

K. kommt zurück. Mein Gott, wieder nur auf dem Klo. Wie im Kindergarten, nicht mal eine Stunde aushalten ohne zweimal auf’s Klo zu gehen. Aber immer noch besser, als ins Becken zu machen. Eine durchschnittliche Blasenentleerung eines erwachsenen Mannes bringt es auf etwa 500ml Urin. Das habe ich mal irgendwo gelesen. Was bringt mir das jetzt? Zwei Entleerungen also ein Liter. Das macht im Becken wie viele Nullkommawaspromille?
Ich weiß nicht, wie viel Liter Wasser im Becken sind, also nehme ich mir vor, mal, den Schwimmeister zu fragen. Das Freibad fasst 2,1 Millionen Liter. Ist aber ein 50er Becken und hat ein paar Bahnen mehr. Soll ich ernsthaft einen Dreisatz im Kopf anstrengen, um herauszubekommen, wie viel es also in der halle sind? Ja spinn ich denn?

90. Bahn. 3/4 sind geschafft, also 75%. Kopfrechnen kann ich. Anhalten, Paddle anlegen. Danach werde ich wieder meine Züge zählen. Und meine Bahnen sowieso. Und die Bahnen der anderen, und rechnen.

M. hat das Schwimmbrett weggelegt und schwimmt Brust. Sie überholt A. Ich überhole A. auch wieder. Das wievielte Mal?

Auf der Bahn, auf der R. war, schwimmt erhobenen Hauptes eine Lady mit Betonfrisur. Es nervt sie, dass von der Sportbahn so viel Spritzwasser herüberfliegt. Das ruiniert ihre Frisur. Trotzdem rückt sie nicht ab von der Absperrleine. M. zieht vorbei. Ich ziehe vorbei. Sogar A. schafft das. Ich schätze, wenn ich mich ranhalte, dann habe ich sie bei der nächsten Runde ungefähr auf Beckenhälfte erneut. Knapp zwei Bahnen, um zu üben, wie man mit den Paddles fein Spritzwasser erzeugen kann.20150303_133603

R. startet wieder, als ich gerade eine Wende mache. Also 25 Meter (eine Beckenlänge hinter bzw. vor mir). Wann überholt er die Lady, wann ich ihn?

109. Bahn. Wie viel Prozent vom Ganzen? Leute – ich bin doch keine Rechenmaschine. Ich bin einfach nur zum Schwimmen hergekommen.

120 sind voll. In wieviel Minuten? Ein schneller Blick. 12.38 Uhr bin ich gestartet. Das sind… egal. Es es sind zu viele. Macht aber nichts. Ich komm ja nur um des Vergnügens willen, nicht aus leistungssportlichen Gründen. Weil schwimmen so schön entspannend ist – und man den Kop frei bekommt. Echt jetzt?

Also jetzt ab ins Dampfbad. Während ich da sitze, frage ich mich wie viel Wasser man eigentlich so ausschwitzt, wenn man etwa 15 Minuten bei 48°C im Dampf sitzt?
Ich fange an, Schweißtropfen zu zählen, die an mir herunterfallen. 20 Tropfen ergeben etwa einen Milliliter, grob gerechnet. Wenn ich jetzt also pro Schwitzen… Ich werd irre hier.house-fp

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

3 Kommentare zu “Männer sind so – Teil 5

  1. ich bewundere euren „Stress im Kopf“ ich bin immer froh wenn ich mal nix denken muss… am liebsten Stille… kein Gequatsche, Geschreie…das geht tatsächlich 🙂 aber an manchen Tagen geht’s mir wie dir… dann merke ich aber, dass ich leider 0,0 erholt aus dem Wasser gehe…😓 höchsten schlapp, weil ich geschwommen bin… aber meine mentale Erholung ….naja ab und an spiele ich auch Schach im Kopf… Stefan Zweigs Schachnovelle macht’s ja so schön vor… musste etwas schmunzeln, als ich deinen Blog gelesen habe.. es hat mich sehr daran erinnert beim lesen 😊…m/li , k/raus… schöner Text jetzt geh ich schwimmen… mal schauen, was da heute so bei rauskommt 😀

  2. Haha! Ich denk auch immer son Zeugs beim Schwimmen.

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