Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Er und Sie – ein Einakter

Ein Kommentar

Sonntags, im Hallenbad.
Irgendwann, etwa auf der 15. oder 16. Bahn, kommt eine Gruppe winzig kleiner Männer anmarschiert. Sie schleppen Stühle herbei und bauen sie in Reihen auf. Andere errichten davor ein Podest, vor dem sie einen Vorhang aufbauen. Und schon ist mitten in meinem Kopf ein kleines Theater entstanden. Denn Theater wird es gleich auch hier af der Sportbahn geben. Das sehe ich schon im Ansatz und überlege, dem Ganzen etwas Dramatisches zu verleihen.

Also verfasse ich einen kleinen Einakter.

Die handelnden Personen:

Erzähler

Er
Ende 20 bis Anfang 30. Typ Triathlet. Durchtrainiert, braungebrannte Haut (Solarium), tätowiert. Trägt Schwimmbrille, schwarzen Jammer, krault extrem schnell, benutzt wie ich Arena Vortex Hand Paddles und einen gelben Pullkick.

Sie
Mutter, Anfang bis Mitte 40, hellblauer Badeanzug mit Blumenmuster, dunkle Haare, blasse Haut, Typ altgebärend, Beschützerinstinkt deutlich ausgeprägt. Zugleich eine Rüpelmutter*.

Kind, weitere Schwimmer

Vorhang auf

Erzähler: Acht Schwimmer unterschiedlichen Tempos tummeln sich auf der Sportbahn. Man schwimmt im Kreis, überholt sich, lässt die schnelleren vorbei, in dem man am Beckenrand wartet, alles ist einigermaßen friedlich. Selbst der nette distinguierte Herr, der angestrengt eine Bahn Brust und eine Bahn Rücken (Beinschlag ohne Armeinsatz) schwimmt, wird toleriert. Irgendwie passt er immer die Lücken ab, irgendwie schafft er es über eine Stunde lang, keine Schwimmer auszubremsen. Und irgendwie schafft er es, dass in der ganzen Zeit kein einziger Wassertropfen seine Brille mit Goldrand benetzt.
Der neuhinzugekommene Sportschwimmer (im Folgenden Er genannt) gibt Vollgas. Alle lassen ihn vorbei. Immer wieder. Entweder sie spüren ihn im Nacken und drängen sich zur Seite, dass er zügig überholt, oder sie halten einen kurzen Moment am Beckenrand an. Dann zieht er mir Rollwende und schnellem Zug vorbei. Doch dann kommt sie (Betonung auf Sie).

Auftritt Sie 

Erzähler: Sie – und damit geht es schon los – steigt nicht etwa am Ende einer Bahn ins Wasser, drängt sich in eine Ecke, richtet die Schwimmbrille und startet dann, in dem sie sich in die Gruppe einfügt. Sie steigt seitlich in die Bahn ein, klettert die Leiter runter, statt sich vor Kopf vom Rand aus ins Wasser gleiten zu lassen. Das sehe ich im Vorbeischwimmen. Sie stellt sich erst einmal an den Beckenrand. Zunächst sieht es so aus, als wolle sie die Sportbahn nur schnell queren und dann in den anderen Bereich des Beckens wechseln. Das kommt öfter vor, es ist mir einigermaßen unverständlich, denn die Leute könnten ja auch von ihren Liegen aus die paar Schritte außen am Beckenrand entlang auf die andere Seite gehen und dort ins Wasser steigen. Auch das wäre ein Akt der Rücksichtnahme – in diesem Fall eben mal auf die Schnellschwimmer.
Sie aber schwimmt los. Brust. Erhobenen Hauptes. Und das macht sie just in dem Moment, als Er an ihr vorbeigezogen ist. Bis zur schmalen Seite des Beckens sind es vielleicht 10 Meter. Die aber absolviert sie in einem extrem langsamen Tempo. Und jetzt sehe ich auch warum. Vor ihr schwimmt ein etwa sechs bis sieben Jahre altes Mädchen. Das Kind schwimmt langsam, ängstlich, schielt immer wieder nach der rettenden Beckenkante und dann nach ihrer Mutter.

Sie: Schwimm nur weiter. Schwimm nur weiter.

sieunder

Erzähler: Auf dem „Rückweg“ kommt er (betont!) von hinten angebraust und erreicht sie kurz vor dem Anschlag. Sie (betont!) bremst ihn aus. Er ist sauer, bricht die Bahn ab, schwimmt zum Rand und stellt Sie zu Rede.

Er: Wenn Sie so langsam schwimmen, dann sind sie hier falsch. Das ist eine Sportbahn.

Sie (ihn unbeeindruckt anblickend): –

Er: Wollen Sie nicht besser auf die andere Seite gehen?

Sie (ihn immer noch anblickend): Warum schnauzen Sie mich jetzt so an? Und überhaupt, warum bedrängen Sie mich beim Schwimmen? Können Sie nicht Rücksicht nehmen.

Er: Wir sind hier auf der Sportbahn.

Sie: Und? Was soll das jetzt heißen? Dass man hier keine Rücksicht nimmt, oder was?

Er (die Schwimmbrille abnehmend, zunehmend gereizt): …Dass man hier schnell schwimmt und sich an bestimmte Regeln hält.

Sie (fragend, provozierend): Und?

Er: Dazu gehört, auf der einen Seite hin, auf der anderen zurück. Und zügig.

Sie: Sie sehen doch, das Kind kann noch nicht so schnell.

11000472_10202896133439149_4721856447410302377_nEr (jetzt richtig sauer): Dann sollten Sie mit ihrem Kind da drüben schwimmen (weist auf die andere Seite der Absperrleine)

Sie (auf ihre Tochter zeigend): Sie kann es noch nicht richtig. Sie braucht einen Beckenrand… damit sie sich zur Not festhalten kann.

Er: Und den gibt es drüben nicht oder was? Da stören Sie jedenfalls nicht.

Sie: Finden Sie nicht, dass Sie langsam unverschämt werden? Sie haben schließlich auch irgendwann mal schwimmen gelernt, Überhaupt (jetzt sehr laut) was soll eigentlich diese Kinderfeindlichkeit?

Er (sich mühsam mäßigend): Dann schwimmen Sie doch bitte drüben. Auf dieser Bahn sind nur Sportschwimmer.

Sie (schnippisch): Ach, und wo steht das?

Er: (sich mühsam mäßigend): Nirgndwo, aber das weiß jeder, der hier öfter herkommt. Dazu gehören Sie ja wohl offensichtlich nicht. Fragen Sie doch mal den Bademeister, der wird Ihnen schon klar machen, wie das hier läuft. Jedenfalls gehören Sie und Ihr Kind nicht auf diese Bahn.

Sie: Sie wissen doch genau, dass das nicht geht.

Er: Warum?

Sie: Wegen des Sprungbretts. Viel zu gefährlich. Und viel zu unsicher für das Kind. Was glauben Sie, wie das für die Kleine ist, da schwimmen zu müssen, wo die Jugendlichen der Reihe nach ins Wasser springen? Da kann man ja Angstzutände bekommen. Sie werden also damit leben müssen, dass wir hier bleiben.

Er antwortet nicht.

Sie: Ich kann ja mal den Bademeister holen und fragen, ob wir diese Bahn verlassen müssen (betont!) oder nicht. Dann dann werden wir ja sehen.

Er: Und warum gehen Sie nicht ins Lehrschwimmbecken?

Sie: Weil da das Wasser nicht tief genug ist. Sie soll es lernen, das geht nur, wenn sie nicht stehen kann. Das schafft nämlich so eine trügerische Sicherheit.

Er: Und der Beckenrand nicht oder was?

Erzähler: Während des ganzen Dialogs blockieren Sie, das Kind und Er den Beckenrand. Die anderen haben kaum Platz zum Wenden. Kippwender greifen zwischen ihnen zur Kante. Ein Rollwender versucht vergeblich, sich von der Wand abzustoßen.

Er: Sie werden schon merken, dass es hier für Langsamschwimmer ungemütlich ist.

Sie: Sie wollen mir drohen? Ich geh dann mal den Schwimmmeister holen. Dann klären wir, wer hier auf wen Rücksicht zu nehmen hat. Sie werden ja sehen… so eine Unverschämtheit.

Erzähler: Bevor wir erfahren, wie es weitergeht, machen wir erst eine kleine Pause. Wir sind gleich für Sie zurück. Getränke und Snacks gibt es am Kiosk.

Vorhang zu…

 

Sie (hinter demVorhanf / aus dem Off): Schwimm nur weiter. Schwimm nur weiter.

Erzähler: Mühsam schwimmt das Kind bis zur Stirnseite des Beckens, hält sich fest, schnauft und schwimmt dann zurück zur Leiter. Die Mutter wie eine Entenmami hinterher.  Bevor wir erfahren, wie es weitergeht, machen wir erst eine kleine Pause. Wir sind gleich für Sie zurück. Getränke und Snacks gibt es am Kiosk.

Applaus

Leider werden wir es nie erfahren, denn so schnell wie das kleine Theater in meinem Kopf aufgebaut war, ist es auch wieder verschwunden.
In Wahrheit verlassen Mutter und Tochter die Bahn, indem sie unter der Absperrleine in den Badebereich wechseln. Das Ganze geschieht, bevor der Sportschwimmer die beiden überhaupt bemerkt hat. So ist das nun mal mit Dichtung und Wahrheit.

Und weiter geht es mit Bahnenzählen.. richtig. Wo war ich?

17.. Wende… 18… Wende… 19… Wende… 20… Wende…

 

* Den mehr als treffenden Ausdruck „Rüpelmutter“ übernehme ich hier mal von Ironbloggerin Bettina Goerwitz und ihrem wunderbaren Blogbeitrag „Ich hab ein Kind, ich darf das“!“ – Die Rüpelmutter

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

Ein Kommentar zu “Er und Sie – ein Einakter

  1. Das Kopfkino ist doch das schönste Kino!

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