Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Ein Zombie hing am Beckenrand – doch dann kam Sparta!

Ein Kommentar

„Servus“, begrüßt mich Frank, der Schwimmmeister. „Ich hab Dich ja schon gesehen.“
„Ich Dich auch“, antworte ich und bitte ihn, heute einfach mal nichts zu meinem Schwimmstil und –tempo zu sagen. Das macht er nämlich sonst ganz gerne und ich profitiere von diesen kostenlosen Tipps enorm.
„Wieso? Was ist los?“ fragt er, schaut mich an und meint, dass ich nicht so ganz fit aussehe. Das sagt er charmant. Vermutlich sehe ich schnaufend und keuchend eher aus wie ein Vorbote der Zombieapokalypse.zombi
Zumindest kam ich mir selbst heute Morgen beim Blick in den Spiegel so vor. Vielleicht noch etwas grauenerregender als der nur auf  Zombie geschminkte Nicholas Hoult in Warm Bodies… Bei mir ist der fahle Gesichtsausdruck wenigstens echt.
Statt zum Schwimmen könnte ich genausogut zum Casting von Walking Dead fahren.

„Ich bin heute nicht so fit“, antworte ich und versuche, ihn auf ein anderes Themengebiet zu locken.

Schließlich: Warum soll ich erzählen, dass ich mich seit etwa einer Woche in einem fortwährenden Kampf befinde. Ein Kampf um Leben und Tod gegen meine Erzfeinde. Husten und Schnupfen haben zum Frontalangriff geblasen. Und nur wie durch ein Wunder bin ich dieser tödlichsten aller Bedrohungen, die ein Mann aushalten muss, bis jetzt entkommen. So oft bin ich nicht erkältet, das letzte Mal war es vor einem Dreivierteljahr, davon war hier zu lesen.
Dieses Mal erwischt es mich praktischerweise an einem Montag. Da hecke ich gleich einen perfiden Plan aus: Arbeitgeber- und krankenkassenfreundlich gehe ich ins Büro; gehe und bringe meine Bazillen unter die Leute. Die kleinen Hustenkrabbler mögen das nämlich, wenn man sie verteilt. Die Kollegen hingegen mögen das wieder weniger, einige bleiben so weit auf Abstand, dass ich mich diskriminiert vorkomme wie ein Paria im indischen Kastensystem. Wären da nicht die Gemeinschaftsküche, die Toiletten, der Fahrstuhl, die vielen Klinken, Schrank- und Spülmaschinengriffe – ich hätte gar keine Chance, die Pestilenz zu verteilen. Aber Selbiges ist meine feste Absicht getreu der Devise: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Und wenn ich den einen oder andern anstecke, dann teile ich doch das Leid, halbiere das meine und geht es mir doch gleich viel besser, oder?

Das tut es aber nicht, also mache ich eine Woche damit rum, gehe nicht zum Schwimmen, werde närrisch, diagnostiziere einen Budenkoller und am Sonntag ist mir alles egal.
Wie ein Zombie schleppe ich mich zum Auto, fahre nach Erding und bin eine halbe Stunde später im Wasser.walking-dead-zombie

Wie jeder Freizeitbiologe weiß, bemühen sich Tiere, wenn sie verletzt sind, das zu verbergen und einen möglichst vitalen Eindruck zu machen. Sie kaschieren ihre Schwäche so lange und so gut es geht, damit mögliche Fressfeinde sie nicht als besonders leichte und verlockende Beute ausmachen. Das sichert ihnen eventuell das Überleben. Ich mache das genauso und springe allen Verboten zum Trotz kühn vom Beckenrand mit einem eleganten Kopfsprung ins Wasser und schwimme los. Na bitte, Tod – ich bin Dir von der Schüppe gehüpft.
Geht doch.
Eben nicht.
Jedenfalls nicht so, dass man es nur annähernd als befriedigend bezeichnen könnte.

So langsam und kraftzehrend bin ich lange nicht geschwommen. So viele Beckenrandpausen habe ich noch nie gemacht. Aber das ist egal. Ich werde heute schwimmen, bis mir der Körper das Signal gibt, dass es genug ist. Hauptsache der viel zu laute innere Scweinehund kläfft nicht dazwischen und redet mir ein, es wäre jetzt genug, jetzt, da ich noch nicht mal 200 Meter geschwommen bin.
Es ist egal, wie viel oder wenig ich zusammenbringe. Trotzdem fange ich an, die Bahnen von 120 runterzuzählen. Vielleicht werden es doch drei Kilometer und ich komme bei Null an. Oder nur zwei und ich höre bei 40 auf…
Was für ein Unsinn. Heute zähle ich rauf, denke ich, als ich bei 100 bin. Also 20… 21… 22…
Das ist so ungewöhnlich wie verwirrend. Ich verhaspele mich komplett und entscheide, wieder rückwärts zähle. Mein innerer Schweinehund und ich einigen sich darauf, dass ich bei Bahn 28 bin. Also 92. Er meint zwar, ich hätte schon mehr gemacht, aber er sieht das falsch.

Nach etwa zwanzig Minuten im Wasser wird mir schwummrig, was möglicherweise damit zu tun hat, dass Todgeweihte wenig Nahrung zu sich nehmen und mich jetzt der Hunger überkommt. Denn Husten, Schnupfen und Essunlust gehören ja zusammen, was in der Fastenzeit kein Manko is.
Oder es liegt daran, dass ich bei der Kippwende gerade plötzlich meinen Kreislauf verloren habe. Schwupps, war er weg. Der liegt jetzt ganz unten am Beckengrund. Ich werde nicht danach tauchen.
Augen zu und durch ist irgendwie Scheiße, wenn ich die schließe, sehe ich nur noch Sternchen.  So blöde bin ich aber auch nicht, dass ich nicht weiß, dass man Sterne nur sieht, wenn man nach oben schaut und nicht nach unten. Und den verführischen Lockruf des Boandlkramers ignoriere ich gleich mal geflissentlich…

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Bei Bahn 56 (Countdown) spüre ich einen leichten Schmerz im Oberkörper. Vielleicht, so sinniere ich, ist das das Signal, auf das ich warte. Ich sollte für heute mit dem Schwachsinn aufzuhören. Nicht, dass am Ende das Erdinger Krankenhaus ein Eilsignal an die derzeit verstreute Familie aussenden muss, man möge sich beeilen, wenn man den Pater familias noch einmal… lassen wir das. Darüber macht man keine Witze. Dazu ist das alles zu ernst: Zwerchfellriss, Lungenödem, Herzinfarkt . Die Möglichkeiten sind ja weit gesteckt, wenn es einen zwickt. Da darf man in meinem Alter nicht mit spaßen, nicht mal im Blog. Sonst ist man schneller wieder drauf auf der Schaufel des Todes, als man Rosettenmeerschweinchen sagen kann.
Dass ich die Bahn 40 doch noch erreiche und mit zwei Kilometern abschließe, ist nur meinem eisernen und unbedingten Überlebens- und Durchhaltewillen zu verdanken. Sparta sei Dank werde ich mich von so ein paar Kackbratzen-Bazillen doch nicht unterkriegen lassen. Da haben wir schon ganz andere Schlachten geschlagen, was, Männers?

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Ganz langsam geht es dabei voran. Zum Glück ist es heute sehr leer. Sonst wäre ich auf der Sportbahn eine Zumutung für die echten Sportler. Aber die beiden Frauen, die sie sich mit mir teilen nehmen es gelassen und überholen: Die eine zack zack, die andere omabrüstelnd.
Egal: Hauptsache ich lebe noch!
Vielleicht bis zur echten Zombieapokalypse… so eine mit Brad Pitt oder so. Den könnte ich dann spielen. Muuuaaah.

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Fotos: Szenenfotos aus den Filmen Warm Bodies, Walking Dead,  Die Geschichte vom Brandner Kasper, 300, World War Z

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214-10Vielen Dank fürs Lesen.
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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

Ein Kommentar zu “Ein Zombie hing am Beckenrand – doch dann kam Sparta!

  1. Pingback: Dereinst in Wien - Zwetschgenmann

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