Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Fellforschung

4 Kommentare

Alex Broys wunderbarer Gastbeitrag beschert mir nicht nur eine Menge Leser, wofür ich herzlich danke, sondern lenkt mein Augenmerk auf ein ganz anderes Thema. Schuld daran ist ein Satz von Alex, der postwendend zu einer herzerfrischenden Diskussion bei Facebook geführt hat. Alex schrieb:

Auch mit imposanten Bergsteiger- und Radlfahrer-Wadeln möchte ich wirklich bei niemandem haarige, nackte Männerbeine unter den Hosen herausblitzen sehen.

rasurbein

Symbolbild

Es geht in der Diskussion, wie unschwer zu erkennen ist, um männliche Körperbehaarung. Während die einen sich wundern, dass es so etwas überhaupt noch gibt (also unrasierte Männerbeine), antworten andere kurz und knapp mit iihhhh.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich des Themas annehme: 2013 schrieb ich zum Weltmännertag einen Beitrag für ein anderes Blog: Be- und Enthaarung. Im Wesentlichen war das eine Dankeshymne, Angehöriger eines Geschlechts zu sein, das die uneingeschränkte Wahlfreiheit besitzt, sich die Körperbehaarung abzurasieren oder es eben sprießen zu lassen.
Nun sehen Sportler ab einem gewissen Leistungsstand das naturgegeben etwas anders – zumindest bei einigen Sportarten. Niemand will wissen, ob Felix Neureuther oder Severin Freund sich die Beine, Achseln, Brust… rasieren. Es ist auch nicht von öffentlichem Interesse.
Aber dass die Turner Fabian Hambüchen und Marcel Nguyen sich die Achseln rasieren, ist offensichtlich und ist auch vom sportlichen wie ästhtischen Gesichtspunkt her nachvollziehbar. Buschige Achseln auf dem Barren – wer will denn sowas?
Marco Koch macht’s auch nicht anders, womit wir zurück im Wasser sind. Und es gibt das unschlagbare Argument für Schwimmer beiderlei Geschlechts, den Körperbewuchs radikal einzudämmen. Denn der Leistungsgewinn durch Körperrasur ist messbar, wie auf der Website swim.de nachlesbar ist.

Nun beträgt nach der dort zitierten Untersuchung der Zeitgewinn bei 100m etwa 1,7 Sekunden. Das ist echt viel, angesichts der Millisekunden, um die es im Wettkampf oft geht.
Aber was geht mich das an?
Ich schwimme nicht Wettkampf. Was also habe ich davon?
Hochgerechnet käme ich bei etwa drei Kilometern, die ich durchschnittlich pro Schwimmbadbesuch absolviere,  auf 51 Sekunden, nicht mal eine Minute, die ich schneller wäre. Das mag für Leistungsschwimmer ein Argument sein, für Freizeitsportler wie mich hingegen ist das komplett irrelevant.
Je nach Tagesform, Laune, quersitzendem Furz, Motivation, verdrücktem Mittagessen, belegtem Lieblingsspind und entsprechender Übellaunigkeit pendelt meine Zeit bei 3km um mehr als 3 Minuten, die ich mal schneller, mal langsamer bin. Mal treibt mich die Wut, mal die Lust, mal bremst mich der Frust. Ist halt so.
Da machen die 51 Sekunden den Kohl nicht fett und rechtfertigen vor allem nicht einen Streit mit meiner Frau oder meinen Töchtern, falls ich mich jemals an deren Rasierern vergreifen sollte. Also lass ich die Finger von Gilette Venus – egal ob in babyrosa oder himmelblau, egal wie verlockend sie im Bad griffbereit herumliegen. Andererseits habe ich 2015 460 Kilometer erschwommen. Das sind über 130 Minuten meines Lebens, die mich das wuchernde Unterschenkelhaar gekostet hat (das oberschenklige ist ja fast komplett in der Jammer verdeckt). Was hätte ich nicht in der eingesparten Zeit alles machen können? Zum Beispiel einen abendfüllenden Spielfilm anschauen…

Nun geht es bei der bereits erwähnten Facebook-Diskussion, an der sich auch viele Frauen beteiligen, nicht um eingesparte Sekunden sondern um Grundsätzliches. Sollen sich die Kerle rasieren: Ja oder nein? Und wenn ja wo?
Sportlich spricht einiges dafür: 1,7 Sekunden sind eben ’ne Menge Holz. Triathleten und Radfahrer wissen zudem um die wesentlich schnellere Heilung der Schürfwunden an blanken Waden nach Stürzen. Vor allem Langstreckenläufer berichten vom „Gescheuer“ unter den bewachsenen Achselhöhlen und greifen zum Rasierer.
Das alles aber zählt für mich nicht. Ich bin weder Triathlet noch Rennradfahrer. Langstreckenläufer schon gar nicht.

Und die Frage nach der Ästhetik? Doch rasieren? Was? Wo? Wieviel? Pro & Contra entnehme ich dem Pflegecoach von Nivea Wer will, kann das dort nachlesen.
In der Facebookdiskussion verspreche ich, das Thema im Blog aufzugreifen und dazu bei meinen nächsten Schwimmbadbesuchen Feldforschungen vorzunehmen. Das wird mir gleich von Petra S. als Fellforschung ausgelegt. Und damit hat sie sogar Recht. Ich gelobe, mich sachkundig zu machen und starre drauf los… Tagelang.badehose2
Frauen nehme ich dezidiert aus meiner Fellforschung aus. Eine eingehende Betrachtung der Schwimmbadbesucherinnern, ob sie rasierte Beine oder Achseln haben, kann einem heutzutage ja sofort als Spannerei und beabsichtigte Belästigung ausgelegt werden. Vor allem Unterwasser mit Schwimmbrille. Ganz abgesehen davon behaupte ich, dass Frauen mit Achsel- und Beinhaaren ohnehin kaum mehr auffindbar sind, nur eine verschwindende Minderheit hat sich der Free-Your-Pits-Bewegung angeschlossen.

Kommen wir zu den Männern. Das Spektrum der Möglichkeiten ist zumindest in meinem Schwimmbad sehr breit: Es gibt die komplette Haarlosigkeit halsabwärts, über die man nur spekulieren kann, wie viel gar nicht erst gewachsen ist und wie viel wieder entfernt wurde… und womit. Am anderen Ende finden sich die Pelzwesen, die nachhaltig beweisen, dass der Mensch mit den Primaten  enger verwandt ist, als es ihm recht ist. Oder, um ein forstwirtschaftliches Bild zu verwenden: Es gibt zwischen urwäldlichem (bisweilen auch urweltlichen) Bewuchs und totalem Kahlschlag alles; nur keine Brandrodung – hoffe ich.
Tendenziell aber ist auch das Rasieren von Achseln und Beinen längst bei Männern längst angekommen. Unter den Armen wird wohl mehr gehobelt als unter dem Knie.

Screenshot_2016-01-30-17-28-04Körperrasur scheint zum einen eine Frage des Alters zu sein, zum anderen definitiv eine Frage der sportlichen Betätigung. Faustregel: Je älter und/oder opabrüstiger der Kerl, umso unkontrollierter der Wuchs, sofern – wie gesagt – überhaupt viel wächst.
In diesem Zusammenhang habe ich dann noch eine kleine Umfrage auf Twitter lanciert, um das Pro & Contra Körperbehharung um einen weiteren Aspekt zu erweitern. Ist Körperbeaarung ein Zeichen ausgeprägter Männlichkeit?
Dass 50% der Teilnehmer und Teilnehmerinnen nicht wissen, was Männlichkeit bedeutet, nehme ich als erschütterndes, kaum erklärbares Nebenergebnis hin – vielleicht eine Folge des Genderwahns. Ich weiß es nicht.
3% wissen nicht, was Körperbehaarung ist. Vermutlich haben sie nie eine gesehen, was nun auch eher irritierend ist. Die waren wohl noch nie im Leben in einem Schwimmbad oder am Strand.

Von denen aber, die wissen, was Männlichkeit und Körperbehaarung ist, ist die deutliche Mehrheit der Meinung, dass intensiver Körperhaarwuchs kein Zeichen ausgepräger Männlichkeit ist. Welch Glück ist das für die Geschlechtsgenossen, bei denen sowieso wenig halsabwärts sprießt. Die anderen dürfen jetzt beherzt zum Hobel Gilette Bodyrasierer greifen, dem ersten Körperrasierer speziell für männliches Terrain, wie es in der Produktbeschreibung heißt.
Von der Männlichkeit geht dadurch nämlich nichts verloren, vorausgesetzt, man handhabt die Klinge nicht dilettantisch und grob fahrlässig ausgerechnet in dem männlichen Terrain, das von diesen Überlegungen dezidiert ausgespart geblieben ist.

Also Kerle: Ran an die Messer. Der Wadenbusch muss weg. 51 Sekundenzeitersparnis sind dann auch noch drin… im Schwimmbad natürlich, im Schwimmbad.
Ob’s tatsächlich so ist, dürfen Sie mich nicht fragen. Ich werde es nämlich nicht testen und auch nicht nachmessen. Warum auch? Auf Stahl wachsen bekanntlich keine Haare. Und auf meiner Schwarte höchstens Borsten 🙂

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– – – – – – – – – – –
214-10Vielen Dank fürs Lesen.
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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

4 Kommentare zu “Fellforschung

  1. PS – das SW-Foto sieht schon mega krass und nach mega Arbeit und Nerverei aus … 😛 … Danke auch für die Verlinkung diverser Artikel – witzig was es alles gibt ( z.B. Nivea Rasiertips 🙂 und Free-your-Pits :P)

    • Das Foto war zu gut, um es nicht zu „klauen“. Und ja: Wenn man mal anfängt, Google zu bemühen, ist es großartig zu sehen, was es alles zu gibt (bisweilen will man es dann aber doch nicht sehen).

  2. hihi super gut und witzig mal wieder 🙂 Danke 🙂 … ich habe geschmunzelt und gelacht 🙂
    und zur Frage von Alexander Broy: Schad und gemein, dass wir Frauen uns in der Mehrzahl diese Frage, ob wir lieber Schwimmen oder uns Rasieren wollen, garnicht stellen „wollen/sollen“ 😉 … Ausnahmen gibts zwar leider immer wieder, die mir auch flux vor Augen auftauchen und die ich in der kommenden Saison wohl wieder erwarten darf … brrr …

  3. Wunderbar, vielen Dank!
    Zur männlichen Körperbehaarung kann ich noch folgenden Lehrsatz aus der Bio-Physik beitragen.
    Analog des Helmholtzschen Energieerhaltungssatzes gilt:

    Die Anzahl der Haare eines Mannes sind in der Summe immer gleich! q.e.d.
    Was auf dem Oberkopf dünner wird, wächst an anderen Stellen, wie Ohren, Nase, Brust und Rücken umso mehr.

    Zur Zeitersparnis durch Rasieren möchte ich bemerken, dass ich denke, dass der Vorgang des Rasierens deutlich länger dauert als 51 Sekunden (ausser man riskiert Schrammen und Wunden)

    Das ist wie mit dem Sport an sich. Heisst es doch, man lebe länger, treibe man täglich Sport, allerdings würde man genau diese gewonnene Lebenszeit mit Sport verbringen …

    Die eigentliche Frage ist nämlich: was mache ich lieber Schwimmen oder Rasieren?

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