Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Erster in Erding – Es geht um die Wurst

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Heute wird’s ein wenig böse. Bitte ggf. nicht weiterlesen.

Was bisher geschah

…Wie verdammt noch mal machen die das? Die Frage stelle ich mir immer wieder neu, wenn ich das Bedürfnis habe, zu den ersten zu gehören, die frühmorgens im Schwimmbad aufschlagen. Irgendwer ist immer schon da.
Dieses Mal soll das nicht passieren, das habe ich mir fest vorgenommen, als ich am Wochenende zur Eröffnung der Erdinger Freibadsaison regelrecht durchgestartet bin.

Um 8.00 Uhr also öffnet das Freibad. Um 6.40 Uhr klingelt der Handy-Wecker und dröhnt mich mit Pirates of the Caribbean zu. Das ist früh genug, um mich fertig zu machen, ein mikroskopisches Frühstück und einen Kaffee (Memo an mich: Grober Fehler! 2017 unbedingt vermeiden!) einzufahren.
Es regnet in Strömen, als ich das Auto aus der Garage hole. So soll es sein – das hält die Konkurrenz hoffentlich daheim im gemütlichen Federbett. Außerdem ist auf dem Volksfestplatz  am Schwimmbad Flohmarkt. Da werden die Parkplätze knapp und die alten Leutchen grübeln bekanntlich ja wochenlang vorher, wo sie parken werden, wenn sie etwas vorhaben, am liebsten natürlich vor dem Loch. Angesichts eines Flohmarktes und des daraus resultierenden Drucks auf den öffentlichen Parkraum habe ich die Hoffnung, das könnte die Parkplatzsuchenden vielleicht abhalten.
Ein Irrtum.
Als ich um 7.46 Uhr auf den Parkplatz einbiege, sind kaum Plätze belegt.
Niemand ist da. Und niemand drückt sich vor der Kasse herum und wartet auf Einlass.
Niemand?
Doch. Zwei Enten sind schon da und watscheln gemütlich auf und ab. Durch nichts lassen sie sich aus der Ruhe bringen.r-erster01Erst als ich versuche, am Federvieh vorbei zu kommen, fliegen die beiden empört schnatternd davon.
Dann mein Triumph: Die nette Kassiererin bestätigt mir, dass auch heuer wieder die ersten 50 Besucher freien Eintritt bekommen und drückt mir einen grünen Einlass-Coin in die Hand.
Und sie bestätigt mir, was ich eigentlich schon weiß: „Ja, Sie sind der Erste!“
ERSTER!

Bitte geht doch.
Was aber nicht geht, ist das Drehkreuz, das blockiert. Denn es ist erst 7.52 Uhr. Und das Bad öffnet erst um Acht. Also pünktlich. Wir sind schließlich in Deutschland: Da muss so etwas korrekt geregelt sein. Und solche Maschinen haben auch keinen Ermessensspielraum.
Schnell zeichnet sich, ab, dass es ein Rennen geben wird. Denn in den kommenden Minuten bildet sich ein kleiner Stau vor dem Drehkreuz. Etwa ein Dutzend Leute betreten mit mir das Freibad, als wir um 08.00.00 Zugang haben. Nicht alle sind Ü70 (ich zum Beispiel nicht) und nicht alle Ü70 sind Fast-Speed-Rentner. Aber einige eben doch. Zum Beispiel ist da eine Frau im samt-flauschigen, altrosa-farbigen Jogginganzug und himmelblauen Crocs. Sie ist offensichtlich direkt vom Schlaf- in den Durchstartermodus gewechselt. In so einem Aufzug wagt sich sonst kein vernunftbegabter Mensch mit minimalästhetischem Empfinden auf die Straße. Wenigstens hat sie noch daran gedacht, ihre Zahnprothese einzusetzen.

Kaum auf dem Gelände mache ich ein Leeres-Becken-Beweissicherungsfoto zu machen. So leer werde ich es nie wieder sehen.
Schaut her, Ihr Spacken! Ich bin da. Wer sagt’s denn?
Der Regen hat aufgehört. Es dampft ein wenig, ich pfeife Smoke on the Waterr-erster02

Bis ich allerdings meine Kleidung ab und halbwegs ordentlich zusammen- in den Spind gelegt habe, sind schon die ersten Schwimmer im Wasser. Es dauert auch, bis ich mein Geraffel aus der Tasche zusammengesucht habe. Aber ich möchte meine Tasche nicht an den Beckenrand auf eine Bank stellen, es könnte ja wieder zu plästern anfangen. Da bleibt sie besser in der Kabine. Also fische ich Brille, Kappe, Paddles, Pullbuoy, Trinkflasche und Kamera heraus – und meine schwarze BVB-Ente. Das kostet zu viel Zeit.

Die anderen haben sich vermutlich die sich die Sachen vom Leib gerissen, sie in den Spind geknüllt oder einfach auf die Erde fallen und dort liegen gelassen wie so’n Pubertier und sind Hals über Kopf ins Becken gehechtet.
Als ich den Umweg über die Toiletten mache und den Kaffee wieder frei lasse, frage ich mich wieso die sonst so prostatagequälten Ü80er nicht vor dem Schwimmen nicht noch mal auf’s Klo müssen? Laut Werbung im ZDF müssen die doch sonst dauernd.
Die Antwort ist einfach. Sie lassen das Frühstück aus. Es gibt keinen Kaffee oder Tee. Dafür gibt es dann auf dem Weg eine Handvoll Kürbiskerne und dann läuft das schon – vermutlich direkt ins Becken (Wäääähhh!).
Den Neoprenanzug lasse ich natürlich weg. Erstens ist es warm genug, zweitens kostet das Anziehen unsagbar viel Zeit und drittens: Soll ich mir vor den anderen etwa die Blöße geben, in Neopren ins Wasser zu gehen? Da könnte ich ja auch gleich Stützstrümpfe anziehen.

Also los.
Stopp: Ich muss noch meine Trinkflasche auffüllen, das hätte ich auch fast vergessen. So eine trockene Mineralientablette, die unten in der Flasche klonkert, lässt sich unaufgelöst so schlecht trinken. Das hält schon wieder auf. Es sind die vielen Kleinigkeiten, die ich noch nicht routiniert genug mache, um nicht nur der Erste an der Kasse sondern auch der Erste im Wasser zu sein.r-erster03
Aber jetzt ist das auch egal.
Auch die Frau im Samtrosanen ist schon im Becken. Sie überrascht mich mit einer weißen Noppenbadekappe aus Gummi. Mit Kinnriemchen und Clipverschluss. So etwas habe ich ja Jahrzehnte nicht mehr gesehen. Ich nehme mir vor, das zu googeln und finde später heraus, dass man sie tatsächlich heutzutage noch kaufen kann – 12,50 Euro das Stück. So alt muss das Teil also gar nicht sein, zumindest die Kappe nicht.
Während des Schwimmens haben sich die Regenwolken und als ich mich umsehe, die meisten anderen Schwimmer auch.
So ist das also –  die sind gar nicht hergekommen, weil die schwimmen wollten. Die wollten nur Erste im Wasser sein.
erster05Ich schwimme meine 3,5 Kilometer, mehr geht heute nicht, ich habe es etwas eilig.
Am Pfingstsamstag müssen wir schließlich noch Lebensmittel einkaufen. Das Wochenende ist lang – das heißt: Es gibt möglicherweise nächste Woche nichts mehr. Da geht das nächste Rennen beim Metzger an den Start. Und dabei wird’s wieder um die Wurst gehen.

Und jetzt rüsten sich die anderen schon für den Kampf an der Fleischtheke. Und wieder werden sie mich überholen, selbst wenn wir gleichzeitig den Laden betreten.
Ich höre schon die Frau in Samtrosa vor mir an der Wursttheke: „70g Salami, ein Fitzel Gelbwurst, 50g Kochschinken und zwei magere Schnitzelchen bitte…“
Und wenn alles gewogen und verpackt und der Bezahlzettel aus der Waage gelassen und an die Papiertüte getackert wurde, geht es weiter.
„Und halt. Stimmt, ja, das hätt ich fast vergessen. Für Montag brauchen wir ja auch noch was. Was nehmen wir nur? Heinz, was wollen wir Montag essen?“
Keine Antwort.
„Es ist schließlich Feiertag. Das müssen wir jetzt schon kaufen… Was nehm ich nur. Was nehm ich nur. Pute vielleicht? Oder lieber Hühnchen für Frikassee? Heinz, sag doch auch mal was. Und dann brauch ich auch noch etwas Aufschnitt… “r-erster05
Das ist dann Entschleunigung pur auf der Siegerspur. Quasi eine Vollbremsung.

Wartet’s nur ab, Freunde. 2017 sehen wir uns wieder. Dann wiederholt sich das Ganze und ich bin noch besser vorbereitet.
Es bleibt die Hoffnung: Diese Rennen sind die Einzigen, bei denen man sicher sein kann, dass sich mit zunehmenden Alter die Siegerchancen erhöhen. So lange dauert es ja nicht mehr.
Warum also eine Rentnerparanoia entwickeln?

 

– – – – – – – – – – –
214-10Vielen Dank fürs Lesen.
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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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