Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Challenge 2016 / 4. Teil: Klosterseeliches bei Seeon

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seeon-b01Es ist nicht so, dass ich die Tagungs- und Begegnungsstätte im ehemaligen Kloster in Seeon nicht kenne. Das barocke Gemäuer ist ein beliebtes Ausflugsziel für Urlauber, die im Chiemgau Ferien machen und auch für Menschen aus dem Ballungsraum München. Mehfach waren wir dort. Immer zu Lande.
Jahre ist es her, dass wir, nach dem obligatorischen Spaziergang zum Auto zurückkamen und ein wildfremder, älterer Mann – offensichtlich ein Urlauber – auf den Knien hinter unserem Auto herumrutschte. Das kam mir befremdlich vor, ich wollte wissen, was er da täte und fragte, ob er was verloren hätte. Schließlich kroch er auf der Erde herum. Da kann man schon mal fragen.
„Nein“, antwortete er. „Ich wollte nur mal sehen, woher der Wagen kommt. Ich kenn das Kennzeichen nicht. Und ich kann das nur lesen, wenn ich nah herangehe. “ Das ED auf dem Nummernschild war ihm fremd und Schrift auf der Zulassungsplakette zu klein.
„Ah Erding. Kennt man ja. Weißbier. Brauerei…“ erhob er sich und offenbarte anhand seines Dialekts, dass die Westfalen Ausgang hatten und zur Sommerfrische nach Bayern gefahre waren.
Ich verkniff mir, dassich natürlich nicht nur wusste, für welchen Kreis das SO-Kennzeichen steht sondern dass ich tatsächlich schon mal dort gewesen war. „Soester Kirmes – kennt man ja.“ Das hätte ihn vermutlich etwas aus der Fassung gebracht.

Ich muss, als ich nach Seeon fahre, an diese skurrile Szene denken. Dieses Mal aber biege ich nicht zum Kloster ab sondern fahre zum Strandbad, über das ich an anderer Stelle noch einmal ausführlicher erzählen werde. Ich bin mit Kilian, den ich beim Neoprentest kennengelernt habe, zum gemeinsamen Schwimmen verabredet. Er hat sich gemeldet, dass er etwas später kommt, ich bin zu früh da. Da bleibt Zeit, ein paar Schritte zu tun, erste Fotos zu machen und dann zurück zum Strandbad zu gehen. Nach einer Apfelschorle am Kiosk und einer halben Stunde provinzieller Gemütlichkeit, die enorm inspirierend für allerlei Gehässigkeiten ist und in meinem anderen Blog zum Thema gemacht wurde, kommt Kilian.
In Eile und doch lässig und entspannt. Tempora fugit – ich weiß. Der zweite Teil, das Amor manet steht jetzt nicht zur Diskussion.r-seeonb02
„Grundsätzlich, kategorisch und immer“, so erklärt er mir, als ich ihn nach dem Masterplan frage, schwimmt er von dem Steg des Bades hinüber zu einem anderen Steg, von dort zum Kloster und dann zurück. „1.500 Meter sind das, genau im Dreieck. So schwimmen wir im Training immer.“
A ha.
Bei meinem Rumgeiere im Freiwasser weiß ich, dass ich da locker 150 Meter oder mehr aufschlagen kann. Zu blöd, dass es keine leuchtenden Bodenmarkierungen gibt. Kilian beeilt sich, mir zu versichern, dass wir natürlich auch anders schwimmen können, aber er lässt wenig Zweifel daran, dass er dieses Dreieck schwimmen will – weil er es immer so macht.
Das finde ich gut. Ich mag Leute, die solche Dinge mit grundsätzlicher Ernsthaftigkeit und mit System angehen. Ich mache das auch nicht anders in meinem heimischen Weiher: Immer an der gleichen Stelle rein, immer in der gleichen Richtung usw.
Hier aber ist sein Revier – also bestimmt er den Weg. Und das ist gut so.
Nachdem wir uns beide nachhaltig und sehr überzeugend versichert haben, nur langsam und gemütlich zu schwimmen, quasi schon mal aus Kranken- und Verletzungsakten zitieren und Trainingsrückstände ins Feld führen, geht es ins Wasser. Ich versuche schnell noch mit der Bemerkung zu punkten, dass ich morgens schon ein paar Kilometerchen geschwommen bin und ohne Brille auch nur schemenhaft erkenne, wo ich hin muss.
Dann geht es gut gelaunt los.

r-seeonb04Natürlich zieht Kilian mich völlig ab, erst schwimme ich den falschen Steg an, aber auch auf der Gerade gegen die Sonne ist er schneller. Klar. Soll der erst mal in mein Alter kommen… Wenn der Gute erst mal seinen Trainingsrückstand aufgeholt hat, kann er beim nächsten Schwimmen am Ziel schon mal jede Menge Eiskaffee organisieren, bevor ich aus dem Wasser komme. Egal. Ich bin ja schließlich schon am Morgen… lassen wir das.

Am Ziel angekommen grinst er mich an, ich entschuldige mich, dass er so lange warten musste, dann machen wir noch das obligatorische „Ich war hier“-Selfie.
r-seeon-02Kilian entschuldigt sich erneut, dass er in Eile ist, er muss noch die Anmeldeunterlagen für einen Triathlon abholen. Wir verabreden uns für einen weiteren Schwimm im Chiemgau, versichern uns, dass das ganze enorm Spaß gemacht hat (Ehrlich!!) dann verabschiedet er sich und verlässt das Wasser.
Ich schwimme noch mal los, noch mal so knappe und sehr gemütliche 1,4 Kilometer, dann wird es Zeit, das Wasser zu verlassen. Auf Dauer ist es doch ganz schön frisch.
r-seeonb03Bevor ich heim fahre, mache ich doch noch mal einen Abstecher zu dem alten Kloster. Der Ort strahlt eine Erhabenheit und eine Ruhe aus, die faszinierend ist. Davon möchte ich etwas mitnehmen an diesem schönen Tag im Chiemgau.
Der Abend kommt näher. Nur von Ferne hört man noch ein paar Geräusche vom Strandbad, mehr, dass man sie ahnt, als dass man sie wirklich wahr nimmt. Es legt sich eine vorabendliche Stille über das Wasser, die bezaubernd ist.
r-seeonb05Ich mache noch ein paar Bilder vom Ufer und zwinge meiner kleinen Kamera Äußerstes ab:

r-seeonb07Dann wird es auch für mich Zeit, den Klostersee zu verlassen und zurück ins ED-Land zu fahren.
Zwei einsame Haubentaucher sind froh, dass ich endlich verschwinde und sie den See wieder für sich haben.
Recht haben sie – eigentlich. Aber nur eigentlich…r-seeonb08

 

challenge2016Challenge 2016: 410 km * Mindestens ein Fünfer * Feringasee * BDHSG-Leute zum Schwimmen treffen * Zustorfer Weiher * Goldene Stunde * Ammersee von A nach B * Austrian Open Water im Simssee * Chiemsee: Fraueninsel * Chiemsee Herreninsel * Simssee: Nur so * Hartsee * Kloster Seeon zu Wasser * Pelhamer See * Langbürgner See * Vollmondschwimmen *
– – – – – – – – – – –
214-10Vielen Dank fürs Lesen.
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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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