Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Der Tipp vom Föhnsturm: Zu Besuch bei Theodolinde

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Föhnsturm nennt Jens Furtwängler sein nach eigener Beschreibung junges und unverbrauchtes Blog aus dem oberbayerischen Bad Aibling. Fotografien und Geschichten geheimnisvoller Burgen und Schlösser, verwunschener Winkel und magischer Berge bilden einen Brückenschlag in die längst vergangenen Zeiten von Sagen, Legenden und Märchen.

In diesem lesenswerten Blog habe ich im Frühjahr die Geschichte vom Burgstallmanndl vom Seehamer See entdeckt und bin hellhörig geworden. Ein See? Hier in der Nähe?
Warum kenne ich den nicht, warum bin ich da noch nie geschwommen?
Ich wusste nichts von der Existenz eines Seehamer Sees, an dem ich schon zigmal vorbei gefahren bin. Denn er liegt keine 100 Meter neben der A8 München – Salzburg und ist über die Autobahnausfahrt Weyarn gut zu erreichen… vorausgesetzt, man kommt dort überhaupt hin, denn die A8 ist inbesondere samstags sommers wie winters eine Top-Location für stop-and-go-begeistere Autofahrer  -stausteher. So auch vergangenen Samstag, als noch Sommer war…sese01

Schon im März verankerte ich den See in meinem Hinterkopf. Da wollte ich mal hin.
Mich stört diese Bagage der Autobahnblockierer nicht weiter, ich schlich mich einfach über Anzing, Zorneding, Grafing, Glonn und Feldkirchen-Westerham zu meinem Ziel.

Auch wenn ich sicher sein konnte, dass an diesem famosen Spätsommertag wohl kaum der Geist der im See versenkten schönen Theodolinde umher spuken würde, war ich neugierig.
Denn natürlich hatte ich die Geschichte bei Jens noch einmal nachgelesen und wusste um das tragische Schicksal des schönen Burgfräuleins, die dem Charme und dem missionarischen Eifer des Bischofs Marinus erlegen war und dafür von ihrem Vater Sigebot der germanischen Fruchtbarkeitsgöttin Ostara geopfert wurde. An Händen und Füßen gebunden versenkte man Theodolinde irgendwo hier. TheodolindeSeitdem taucht sie – wohl buchstäblich – nächstens im Frühjahr auf und irrlichtert am Ufer entlang. Und das tut sie seit über zwölfhundert Jahren. Soll sie. Hauptsache, sie hält sich von der Autobahn fern und irritiert nicht die Fahrer. Spukgestalten gibt es hier genug, man denke nur an die Weiße Frau im Ebersberger Forst.

Bei einer solchen Vorgeschichte muss ich natürlich den Seehamer See besuchen. Selten genug hat man ja in der Münchner Gegend die Gelegenheit, an so bedeutungsschweren Orten zu schwimmen. Zumindest in der Stadt und in nächster Nähe drum herum sind die Seen und Weiher ja nichts anderes als profane ausgebaggerte Kieslöcher, die meisten davon Hinterlassenschaften des Autobahnbaus – vom Betonbecken, das Riemer See genannt wird, einmal abgesehen.
Will man in echte, „historische“ Seen, muss man zum Stein- und Soyensee, in den Chiemgau, ins Fünf-Seenland oder ins Alpenvorland. So eben zum Beispiel zum Irschenberg:

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Am südöstlichen Ufer steige ich ins Wasser und schwimme zu den kleinen Inseln. Es ist idyllisch und ruhig. Am Ufer stehen zwei Frauen mit ihren Hunden. Sie sehen nicht mal entfernt wie Burgfräulein aus.
Keine Theodolinde. Weder die eine noch die andere.
Die beiden warten, bis ich wieder weit genug entfernt bin, bevor sie die Tiere ins Wasser lassen. Das nenne ich rücksichtsvoll. Ein Blick zurück. Der Handymast am Autobahnparkplatz wird meine Orientierungsmarke bleiben. Dort muss ich irgendwann wieder ankommen.sese04

Ein paar Schwäne beobachten mich argwöhnisch, als ich zwischen den Inseln hindurch schwimme. Das Wasser wird zunehmend flacher und wärmer. Hier zeigt sich der Seehamer See von seiner schönsten Seite.

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Eine Reihe aus fünf kleinen Inseln zieht sich quer durch den See, der erst Anfang des vorangegangenen Jahrhunderts zu seiner jetzigen Größe aufgestaut wurde. Zuvor waren es mehrere kleinere Weiher. Seitdem er aber angelegt wurde, fungiert er als Wasserspeicher für das Leitzachpumpspeicherkraftwerk.
Hinter den Inseln ist der Weg versperrt. Zahlreiche leuchtend gelbe Bojen markieren, dass ab hier der See der heimischen, schützenswerten, bedrohten Flora und Fauna vorbehalten ist. Recht so.
Das respektiere ich. Es ist ja nicht so, dass es nicht genug Wasser (und Gewässer) zum Schwimmen gibt. Aber wenn Theodolinde weiter dahinten…?

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Zwischen Bojen und Inseln schwimme ich hinüber nach Norden, dort, wo am Ufer ein Campingplatz angelegt wurde. Entsprechend ist hier auch ein wenig Betrieb. Ein paar sonnenhungrige Urlauber nutzen den Spätsommertag, um ihrem Teint die knusprige Farbe zu erhalten. Tatsächlich staksen auch ein paar von ihnen durchs flache Wasser. Nicht die schönste, nicht die idyllischste Ecke des Seehamer Sees: Ein Bootsschuppen, ein Anlegesteg, der durch eine Bojenkette abgesperrte Ablauf Sees zum Kraftwerk, ein weiterer Campingplatz.

sese0cEin Surfer quält sich, das Segel aus dem Wasser zu ziehen und Fahrt aufzunehmen, was angesichts des lauen Lüftchens ein sinnloses Unterfangen ist. Auch die winzige Segeljolle, die ich ganz am Anfang gesehen habe, hätte ich locker kraulend überholen können.
Am Steg der Wasserwacht sonnt sich wer, ein Mann schaut mir nach und reibt sich ungläubig die Augen. Er fragt sich, ob er eine Vision hat.
Natürlich sieht er nicht die schöne Theodolinde, aber doch etwas schier ähnlich Unglaubliches: Ein Schwimmer mit Boje? Und das in seinem See.
Unfassbar.
So etwas hat er noch nie gesehen.sese08

Als ich an dem kleinen Kiesstrand zurück bin, ist vom Grundrauschen der Autobahn direkt dahinter kaum mehr etwas zu hören. Die Urlauber haben ihre Verkehrsgeschwindigkeit wohl auf Schrittempo reduziert. Hinter den Bäumen liegt ein Autobahnparkplatz. Ebenso vollgestopft. Entnervte Reisende haben ihr Auto abgestellt und gehen spazieren, bevor es zurück in den Stau Richtung Rosenheim geht.
Seine Samstage kann man statt mit Schwimmen auch so verbringen…

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– – – – – – – – – – –

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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