Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Der mit den Schwänen spricht

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Vielleicht gehört es ja mittlerweile zur Tradition dieses Blogs, einmal im Jahr im Winter in „mein Revier“ zu fahren, zu frieren und zu sagen: Wie weise von mir, dass ich mit dem Eisschwimmen nie angefangen habe. Ziemlich genau vor einem Jahr habe ich das am Tenner See gedacht, vor zwei Jahren an der mittlerweile vom Eigentümer komplett gesperrten Kiesgrube.

Wohlan – dann eben dieses Jahr am Kronthaler Weiher, in dem ich jedes Jahr dutzende Male unterwegs bin. kalt-2017-06-bAuf dem Weg zum Hallenbad denke ich, ich könnte ja mal dort vorbei fahren. Einfach so. Aus Neugier.
Je näher ich aber Erding komme, um so diesiger und nebliger wird es. An den Bäumen hängen wie überzuckert, Eiskristalle. Hin und wieder rieseln sie herunter, dort, wo die Sonne scheint, glitzert und flimmert es in der Luft.kalt-2017-05-b
Der Nebel ist buchstäblich festgefroren. Mühsam quält sich die schwache Wintersonne hindurch, sie will es irgendwie nicht schaffen, es ist ein schier aussichtsloses Unterfangen, zumindest direkt am Kronthaler Weiher.kalt-2017-03-b
Wenn es je einen treffenden Ausdruck gegeben hat für das, was ich am Ostufer, von wo aus ich im Sommer zum Schwimmen aufgebrochen bin, empfinde, dann ist das klirrende Kälte. Das Thermometer zeigt -12° C an.
Der Weiher ist vollkommen zugefroren. Das Eis trägt einige wenige Spaziergänger, Hundeführer und Schlittschuhfahrer. Und mich.
Denn auch ich wage mich auf’s Eis.
Einen Moment überlege ich sogar, die Runde, die ich schwimme, mal abzumarschieren, aber den Gedanken verwerfe ich schnell wieder.kalt-2017-02-b

Erstens will ich gleich ins Hallenbad und die verhältnismäßige Leere der Mittagszeit ausnutzen. Sonntags ab 15.00 Uhr ist da nämlich wieder die Hölle los. Da muss ich fertig sein – die Zeit drängt also.
Zweitens  ist es zu kalt für eine ausgiebige Runde – oder ich bin nicht angemessen gekleidet. Vermutlich gilt letzteres, denn ich hatte ja auch nicht vor, mich lange im Freien aufzuhalten.
So gehe ich nur ein kurzes Stück hinaus. Schlittschuhfahrer haben sich ein Feld freigeschaufelt, um besser über die glatte Fläche gleiten zu können. Aber genutzt wird es wohl nicht. Ich schaue mich um. In der Ferne ziehen zwei Menschen Bahnen und Kreise.
Ich kehre um.
Am Ufer ziehen Väter ihre kleinen Kinder auf Schlitten hinter sich her. Ein unangeleinter Hund läuft einem geworfenen Ball hinterher, hechtet aufs Eis kommt ins Rutschen und schlittert über die Fläche.

Etwas abseits steht ein alter Mann auf dem Eis und füttert zwei Schwäne mit altem Brot. Ich bleibe in gebührendem Abstand stehen und höre ein wenig zu. Dafür riskiere ich sogar, dass ich später ins Becken kommen werde.
Der alte Mann redet auf die Tiere ein, sie sollten sich mal ordentlich satt essen. Unentwegt fordert er das Schwanenpaar auf, nur noch mehr und noch mehr von dem Brot zu fressen – vermutlich hat er sonst niemanden, der ihm zuhört. Die Schwäne tun das vermutlich auch nicht, aber sie fressen voller Gier das hingeworfene Brot. Und den Mann freut’s. Er redet und redet und redet…

kalt-2017-04-bPlötzlich fühlt er sich beobachtet, dreht sich um, sieht mich, verfällt in Schweigen und füttert stumm weiter.
Möchte der nicht, dass ich das bemerke? Ist ihm das peinlich?
Ich versuche, freundlich zu lächeln, ich weiß nicht, ob er das erkennt. Gut dass er wenigstens nicht bemerkt hat, dass ich eine Kamera in der Hand habe.
Langsam gehe ich weiter bis zum verwaisten Biergarten, dann kehre ich um. Wieder komme ich an dem Mann vorbei. Er hat gerade die letzten Brotreste verteilt und versichert den Schwänen mehrfach, dass jetzt alles alle und von ihm nichts mehr zu erwarten sei. Sofort stapfen die weißen Vögel über’s Eis davon ohne ihn noch einmal eines Blickes zu würdigen.
Ein paar Meter entfernt ist eine kleine Stelle im Eist frei. Die Schwäne drängen die Blässhühner beiseite und setzen sich ins kalte Wasser.

Der Mann ruft ihnen hinterher, verabschiedet sich und verspricht, bald wiederzukommen und macht sich auf den Weg.
Ich auch.
Das Schwimmbad wartet. Mir ist kalt. Und wenn ich nicht bald ins Wasser komme, wird das Gedränge zu groß und ich verliere zu schnell die Lust.
Von den Vögeln allerdings verabschiede ich mich nicht.
Ich denke mal, dass ihnen das vollkommen egal ist.
Also verspreche ich ihnen auch nicht, wieder zu kommen.
Warum auch? Bis zum Sommer hätten sie es ohnehin vergessen…

Im Auto auf dem Weg zum Schwimmbad aber überlege ich, ob ich nicht den nächsten freien Tag nutzen werde, wärmer gekleidet noch mal herzufahren und dann die Uferrunde, die ich sommers schwimme, einfach mal abzuspazieren. Das wäre ja mal was Neues. Irgendwie habe ich Lust dazu.

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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