Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Es geht – wie immer – um alles. Also um die Wurst

2 Kommentare

Ausschnitt aus einem künftigen Klassiker des 21. Jahrhunderts, der erst noch geschrieben werden muss: Einer Wassermann-Biographie.

Halbwegs zufrieden lehnte er sich im Sitz seines Autos zurück. Alles, was er heute noch machen musste, war heimzufahren. Das Tagwerk war verrichtet und endlich hatte er es auch mal wieder ins Wasser geschafft. Endlich. Zu oft hatte er dem Schwimmen das schnöselige Skifahren oder das nicht weniger schnöde Spazierengehen vorgezogen. Damit war jetzt Schluss. Er musste wieder ins Wasser, sonst würde er sein Jahressoll niemals erreichen. Vier Kilometer würde er an diesem Abend in seine Exceltabelle eintragen können. Wenigstens etwas.
Zu mehr reichte die Motivation nicht. Obwohl es sich zum Ende im Schwimmbad deutlich geleert hatte, war es ihm zwischendurch zu voll geworden. Nicht, dass er zu den schnellsten auf der Bahn gehörte. Aber auch nicht zu den langsamsten. Und so war es ein fortgesetztes Spiel aus Überholen und Überholtwerden, dessen Regeln wohl nicht alle Teilnehmer zu begreifen schienen. Die Dummheit und Ignoranz anderer Menschen konnten ihm regelrecht Schmerzen bereiten – nicht nur bei den Zusammenstößen am Beckenende, weil die Dilettanten nicht mal die simpelsten Regeln des Überholens oder Überholenlassens kannten.
Allein die Existenz anderer Menschen, so beschied er wieder einmal, konnte unglaublich störend sein.16487236_10206805877820315_6539683055264060235_o

Nicht, dass er damit seinen Mitmenschen das Daseinsrecht absprach. Das war es nicht. Aber er hätte es doch bevorzugt, wenn ein nicht unerheblicher Teil der anderen Menschen ihm einfach aus dem Weg gehen würde. Was, so fand er, für ihn weitaus weniger anstrengend wäre, als wenn er all diese auf Distanz halten müsste. Oft genug hatte er schon die Frage, ob er nicht das Gefühl habe, sich auf dem falschen Planeten zu befinden, beantwortet: „Nein. Ich finde nicht, dass das stimmt. Der Planet ist schon ok. Aber die meisten anderen, die hier sind, die sind hier falsch!“
Aber er war Realist genug, einschätzen zu können, dass das nicht ging. 7,39 Millionen Menschen, abzüglich der wenigen, die ihm wichtig waren, konnten sich ja schlecht in Luft auflösen. Man nannte ihn wegen dieser Sicht einen Misanthrop, einen Soziophobiker, einen Spinner. Manchmal einfach ein arrogantes Arschloch, gelegentlich auch einen rücksichtlosen Rüpel.
Sollten sie.
Gedanken dazu machte er sich nicht – und wenn doch, dann fegte er sie einfach im 4er Kraulschlag einfach davon. Er war Wassermann, wollte schwimmen und sonst nichts.
Und obwohl er nicht an Horoskope glaubte, fand er sich in der Charakterbeschreibung auf einer Internetseite für spiritutelle Lebensberatung wieder, in der es hieß: Mit dem Sternzeichen Wassermann begegnet uns der Archetypus des weisen Narren. Menschen, die zwischen dem 21. Januar und dem 19. Februar unter der Herrschaft des Uranus geboren sind, wirken oft wie der sprichwörtliche „zerstreute Professor“. In Gedanken sind sie schon einen Schritt weiter und arbeiten längst an der Lösung eines Problems, das ihre Mitmenschen noch gar nicht erkannt haben. Unabhängigkeit und Zielstrebigkeit ist dabei ihre Devise, obwohl sie von der Grundanlage auch sehr gut vernetzt arbeiten könnten. Frei nach dem Motto „der Prophet ist im eigenen Land nichts wert“ machen sie sich damit nicht immer nur Freunde, sondern wirken auf zaghaftere, konservativere Mitmenschen schnell skurril, rebellisch oder engstirnig. Aber solche Menschen passen sowieso nicht in das  Beuteschema des Wassermannes.

Er startete den Motor seines metallicgrünen Wagens und rangierte langsam rückwärts aus der Parklücke, als er ein ganz und gar störendes, unharmonisches Geräusch wahrnahm. Ein Grummeln und Rumpeln, als wäre er soeben über ein paar Steine gefahren. Aber das war es nicht, denn der Wagen schnurrte wie eine Katze – so wie es sich gehörte. Sein Magen war es, der knurrte. Der Hunger überwältigte ihn.
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er sich in den Straßenverkehr einreihte. In Gedanken war er schon längst einen Schritt weiter. Vor seinem geistigen Auge lag die Lösung für das Hungerproblem. Zu Hause, daran erinnerte sich plötzlich, lag noch eine Zwiebelmettwurst im Kühlschrank. Heute würde er ihr den Garaus machen. Auch damit hatte er lange gewartet. Fast schon zu lange. Es war eine der Würste, die er Wochenende für Wochenende beim Metzger seines Vertrauens kaufte und jedes Mal grantig wurde, wenn es keine mehr gab

Aber jetzt hatte er ja eine: Mit einem scharfen Messer würde er ihren künstlichen Darm zerfetzen und dann so lange darauf drücken, bis das rohe Fleisch wulstig herausquoll. Obwohl seine Hand das Lenkrad umgriff, meinte er schon jetzt, das verführerische Gefühl in den Fingern zu spüren, wenn er den schwarzen Holzgriff seines korsischen Messers umgriff. Vor Jahren hatte er sich zwei wunderbare Messer auf der Mittelmeerinsel erworben – nicht von ungefähr trug eines den Namen Berger (also Schäfer) und das andere den Namen Vendetta.
Wieder und wieder hatte er die scharfen Klingen dieser Messer in Käse, Wurst und Schinken fahren lassen. Sie glitten hindurch wie durch ein Nichts.
Und genau das würde er in wenigen Minuten wieder tun. Für die frische Zwiebelmettwurst würde die letzte Minute anbrechen.
Schon am Geruch der rosafarbenen Fleischmasse würde er sich laben, bevor er sie hastig verschlingen würde. Die Gier wuchs mit jedem Kilometer, mit dem er sich seinem kleinen Haus am Dorfrand nahe dem düsteren Wald näherte. In Gedanken wäre er dabei zurück bei den anderen Schwimmern, die ihm heute mal wieder auf die Nerven gegangen waren…mirwurst_bearbeitet-1


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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

2 Kommentare zu “Es geht – wie immer – um alles. Also um die Wurst

  1. Wunderbar … der Autor, stachelig, wie ein Mettigel, (und auch aus der selben Zeit) kehrt sein Innerstes nach aussen! (Was auch immer das sein, mag. Das Bild ist schräg, aber ich mag es …)

  2. Herrlich – oder wie eine Freundin zu sagen pflegt: „Dolle Wurst!“

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