Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Papa, warum leben wir?

3 Kommentare

Husten ist nervig. Extrem nervig. Abgesehen von der tödlichen Bedrohung, die von jeder Erkältung ausgeht – vorausgesetzt, man ist ein Mann – wirft sie einen um Tage zurück. Nach einer Woche ohne Schwimmen (mehr billige ich dem Husten nicht zu), sorge ich mich um sinkende Laune, steigende Gereiztheit, weil ich ins Wasser will, sinkende Trainingsroutine, vor allem aber um ernsthafte Schäden in meiner Jahresstatistik.
Also entscheide ich mich, obwohl ich noch immer gelegentlich in Hustengebelle verfalle, heute wieder schwimmen zu gehen. Nur drei Kilometer, ich will es ja nicht übertreiben.
Nach der Arbeit geht es ab ins Hallenbad Giesing-Harlaching. Wenn schon schlechte Laune (wer kann schon unterm Husten fröhlich sein?), dann richtig.
Erwartungsgemäß ist es voll. Zu voll. Und es wird ständig voller.
Erwartungsgemäß tummeln sich auf der Sportbahn wieder Gestalten, die einem ganz gehörig auf die Nerven gehen können. Leute, die keinerlei Plan von dem haben, was man tun und was man nicht tun sollte, wenn man zu sechst oder siebt auf der Bahn ist.

gies-ha-06

Warum ist es nicht immer so leer hier?

Der eine, der deutlich langsamer ist als ich, steht oft am Beckenrand, startet aber immer kurz bevor ein Schnellerer zum Beckenrand geschwommen kommt und eine Wende machen will.
Ein anderer, der schneller als ich ist, überholt mich auf der Bahn, nur um sich dann auf der nächsten Bahn vor mich zu setzen und Brust zu schwimmen.
Niemand geht nur einen Millimeter am Rand zur Seite, wenn einer kommt, und eine Wende machen will.
Egal, wie langsam man ist – einen anderen Schwimmer am Rand überholen zu lassen kommt überhaupt nicht in Frage, das geht gegen die Ehre.
Einer schlägt rückenschwimmend wild um sich, ein anderer schwimmt akkurat Brust – hochnotpeinlich darauf achtend, dass sein Haupthaar nicht nass wird. Und die Nasenspitze auch nicht.
Einer stapft im flachen Bereich durchs Becken und bewältigt immer die letzten Meter auf der Kopfseite zu Fuß.

Ich weiß schon, warum ich so selten in der Stadt schwimmen gehe.

Nach drei Kilometern geht mir die Puste aus. Und die Lust.
Zwei Hustenanfälle auf der Bahn sind nicht gerade das, was ich haben muss – noch dazu ist es ja nicht ganz ungefährlich, wie jeder Schwimmer weiß.
Schnell sind meine Sachen zusammengesucht und ich finde mich in der Umkleidekabine wieder.

Eine Kinderstimme dringt durch die Trennwand. Ein etwa vierjähriger Junge und sein Papa haben die Familienkabine geentert und jetzt zählt bei den beiden jede Sekunde. Denn Vater und Sohn veranstalten, soweit ich das Gespräch mitbekomme, ein Wettrennen, wer zuerst umgezogen und in Badehose ist.
„Wer Erster ist, der hat gewonnen“, legt der Sohn eine völlig neue Interpretation eines Renn-Ergebnisses fest und vergisst nicht, ab jetzt sehr erfolgreich seinen Vater auszubremsen. Der nämlich hat den Junior auf die Bank gestellt, damit er nicht in Strumpfhose (seit wann tragen Jungs wieder Strumpfhosen?) im Nassen steht.
„Halt mich fest, ich fall sonst runter!“ fordert Junior und Papa wäre schön dumm, wenn er das nicht tut. Auch wenn er das Rennen vielleicht verliert: Ein kreischender Sohnemann, der von der Bank gestürzt ist, stellt alles in den Schatten, was es an Radau und Geschrei geben könnte. Ich weiß das, ich hab das früher auch nicht anders gemacht.

„Papa, die Bank ist toll!“ verkündet der Junge aus dem Nichts und auf Rückfrage seines Vaters erklärt er – so, dass ich es auch höre und verstehe – dass es um eine Gartenbank geht. Mehr erfahre ich nicht. Ist aber auch nicht so wichtig.

„Papa, lebt die Bank das ganze Jahr draußen?“ fragt das Kind.

„Das weiß ich nicht, aber wenn man will, kann man sie das ganze Jahr draußen stehen lassen“, erklärt Papa.

„Und lebt die dann da für immer?“ fragt der Junge mit einem Charme und einer Logik, die entwaffnend und typisch für einen Vier- oder Fünfjährigen ist.

„Nein. Die lebt nicht. Die ist nur aus Kunststoff.“

Ein kleiner Moment des Nachdenkens. Dann kommt die fulimante und fundamentale Aussage des Sohnes:
„Aber wir leben!“

„Ja“, bestätigt der Vater. „Wir leben. Gottseidank!“

Obwohl ich selbst mittlerweile umgezogen bin, setze ich mich möglichst leise auf die Bank. Noch einen Moment möchte ich von meiner Kabine Ohrenzeuge dieser großartigen Unterhaltung sein. Das verspricht, richtig schön zu werden.

„Papa?“

„Ja?“

„Papa, warum leben wir?“

Stille. Keine Antwort. Papa denkt nach.
Aber noch während der Vater überlegt, wie er diese hochphilosophische Frage für einen Vierjährigen adäquat beantwortet, klatscht der Sohn in die Hände.

„Erster – erster!“ schreit er vergnügt und dann weist er seinen Vater darauf hin, dass dieser zwar auch schon seine Badehose an hat, aber die Socken noch nicht ausgezogen hat.
„Du hast verloren. Du hast verloren!“

Jetzt werde ich wohl nicht mehr erfahren, warum wir leben. Das Thema ist verloren. Schade, dass Papa um diese Antwort vorerst wohl herumgekommen ist. Ich hätte sie wahnsinnig gerne gehört und überlege, was ich jetzt antworten würde, ohne Geist und Geduld eines Vierjährigen überzustrapazieren. Da die beiden Richtung Dusche aufbrechen und längst wesentliche elementarere Fragen klären, nämlich ob Junior mit oder ohne Schwimmflügel ins Becken steigt, gehe ich auch.

„Aber eines tun wir sicher nicht“, kommt mir ein Geistesblitz, während ich das Schwimmbad verlasse. Eine Antwort hätte ich:
„Wir leben jedenfalls nicht, um uns auf der Sportbahn über Deppen zu ärgern!“
Das ist doch schon mal ein Ansatz…


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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

3 Kommentare zu “Papa, warum leben wir?

  1. In der aktuellen Ausgabe der swim wurden exakt für diese Situation die Verhaltensregeln noch mal zusammen geschrieben. Vielleicht hilft es, wenn du sie foliert mit ins Schwimmbad nimmst, und an den Startblock hängst. Inklusive der Randbemerkung: Sport steht auch für Fairness 😉
    Warum wir leben, würde ich meinen Kindern immer beantworten (sie schwimmen selbst auch) damit wir zum Beispiel schwimmen dürfen, denn nirgendwo fühlt man sich freier, als auf einer Schwimmbahn, im Reinen mit sich selbst. Zumindest geht es mir so 🙂

    • Ich zweifle, dass eine folierte Überholregel aufzuhängen, was bringt:
      Es setzt erstens voraus, dass die anderen im Becken überhaupt irgendetwas wahrnehmen außer sich selbst, was offensichtlich selten der Fall ist.
      Und zweitens: Dass sie des Lesens mächtig oder zumindest willens sind. Das dürfte bereits für den einen oder anderen zu viel Anspruch bedeuten. 🙂

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