Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Blogparade: Weiß/Blau – Blau/Weiß: Das Weiße muss in das Blaue

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Noch einmal nutze ich die Gelegenheit mit diesem Blog an der Parade der Münchner Ironblogger teilzunehmen. Das Thema lautet Blau-Weiß oder Weiß-Blau. Einen ersten Beitrag, dass Wasser lange nicht immer blau ist konnten Sie am Anfang des Monats lesen.
Gestern schrieb … in der Blogparade. Morgen wird Tanja Prakse in ihrem Kultur-Museum-Blog die Reihe beenden. Herausgekommen ist wieder einmal eine ungemein abwechslungsreiche Sammlung an Texten zu einem gemeinsamen Dachthena: Einer ganz speziellen Farbkombination.


Das Weiße muss in das Blaue!
Kinderbild früherUnd damit konnte nur ich gemeint sein – klein, schmächtig, semmelblond, blass, schmalschultrig, zögernd, zitternd, zaghaft, frierend.
Ein Grundschulkind am Rande des Schwimmbeckens und am Rand der Verzweiflung. Aber es half alles nichts. Irgendwann musste ich da hinein ins Wasser. Frau Wi. wollte es so.
Ich war mit diesem Problem nicht allein. Drei oder vier andere Mitschüler teilten sich diese grässliche Perspektive mit mir.
Wir waren die Versager, die Kinder in der Klasse, die noch nicht schwimmen konnten. Alle anderen hatte Sortlehrer We. längst ins Tiefe des Hagener Stadtbads Mitte geschickt. Jenes Bad, das später Willi-Weyer-Bad heißen sollte bevor es dem Rotstift der Stadtverwaltung zum Opfer fiel und geschlossen wurde.
Denn alle anderen konnten längst schwimmen.
Wir nicht.
Zur Beaufsichtigung wurde uns eine Lehrerin verordnet, Frau Wi., die mit Schwimmen aber nichts am Hut hatte. Ihr Interesse galt dem weißen Sport, und so sah man ihr Konterfei gelegentlich montags in der Sportbeilage der Lokalzeitung, wenn sie wieder mal bei einem Tennis-Turnier für ihren Verein Rot-Weiß (oder war es Blau-Gold?) geglänzt hatte.
Statt uns irgendetwas beizubringen beschränkte sich Frau Wi. darauf, mit hastigen Blicken zu überprüfen, ob niemand von uns absoff, was angesichts dessen, dass wir alle im Kinderbecken stehen konnten, kaum hätte passieren können. Also war sie von der Sorge befreit, einen von uns vom Beckenboden zu beleben und durch die blauen Lippen wieder Leben einzupusten…
Lieber schwadronierte sie mit dem Bademeister, dem Mann in Weiß, denn alle seiner Zunft trugen in damaliger Zeit nur diese „Farbe“. Weiß und weiß gesellt sich halt gern.
Unterbrochen wurde das Geplauder lediglich, wenn der Bademeister zum anderen Becken marschierte, und Herrn We. anhielt, die Schüler zu disziplinieren, ruhiger zu sein. Sie lärmten und störten die anderen vormittäglichen Badegäste – also vornehmlich die alten Männer mit ihren marineblauen Kastenbadehosen und die alten Frauen mit ihren blumigen Badehauben oder weißen Sportkappen nebst Kinnriemen. Die nämlich waren auf Kinder gar nicht gut zu sprechen – und auf Lehrer, die ihre Klasse nicht im Griff hatten, auch nicht. Das konnte sie zur Weißglut bringen.
In dieser Plauderpause nötigte Frau Wi. uns irgendwelche Bewegungen ab, die entfernt an Schwimmen erinnern könnten, bevor sie sich wieder dem zurückgekehrten Bademeister widmen konnte.
Gern hätte ich blaugemacht – als Grundschüler ein absolutes Unding – oder zumindest mit einer vorgeschobenen, erfundenen Maläse einen Platz auf der warmen Bank eingenommen. Allein: Das traute ich mich nicht. Denn wäre das aufgeflogen, wäre der heilige Zorn meiner Eltern über mich gekommen. Gün und blau wäre ich ganz sicher nicht geschlagen worden, da bestand keinerlei Gefahr. Aber es gab ja genügend andere, subtilere Maßnahmen der Disziplinierung.Einschulungsfoto
So quälte ich mich Stunde um Stunde durch diesen vermaledeiten Schulschwimmunterricht, gelernt habe ich nichts.
Ging es ausnahmsweise ins Tiefe, was zum Glück selten vorkam, schaffte ich es nicht, die 25 Meter einer Bahn zu schwimmen. Auf halber Strecke suchte ich Rettung am Beckenrand. Ich konnte einfach nicht mehr weiter. Die Lehrerin, die das gesehen haben musste, ermunterte mich nicht etwa zum Weiterschwimmen, sie ignorierte es. Auch beim Herausklettern aus dem Schwimmbecken gab ich ein trauriges Bild ab: Ich hatte nicht genug Kraft in den Armen, um mich am Beckenrand aufzustützen und meinen Körper nach oben zu drücken. Stattdessen hing ich über der Kante und war froh, am Ende wie eine Robbe aus dem Becken zu kriechen. Nicht, dass mir jemand geholfen hätte. Warum auch?
Ich reihte mich in die anderen zum Startblock zurücklaufenden Kinder ein, drückte mich in der Schlange ganz nach hinten und hoffte, dass es damit für dieses Mal genug war. Gern ließ ich die anderen vor, und nicht wenige, die schwimmen konnten, waren froh darüber, dass sie schon bald wieder mit ihrem Können glänzen konnten. Ich nicht, ich lernte den Sport zu hassen… diesen einen und all die anderen auch.
Nach einer guten Dreiviertelstunde war der Spuk zu Ende. Wir wurden zurück in die Dusche und die Sammelkabinen geschickt. Die anderen prahlten mit ihren Leistungen, ich verzog mich in eine Ecke und zog mich schweigend um. Vor dem Schwimmbad wartete bereits der Bus, der uns zurück zur Schule fuhr. Mit etwas Glück konnte ich mich abseits der anderen auf einen Einzelplatz setzen und entging dem Spott und den Hänseleien, deren Ziel ich oft genug war.
„Das können“, so höhnten sie über mein Unvermögen, „…ja sogar die Mädchen.“
Dann stopften sie gierig ihre Butterbrote in sich hinein, denn die Pause verbrachten wir im Bus auf dem Rückweg zur Schule. Es roch nach ekliger Leber- und Teewurst, nach schwitzendem Käse und Schinken. Mir war schlecht. Jedes Mal. Ich kaute an lust- und appetitlos an meiner Banane oder Apfelspalten und hoffte, nur möglichst schnell nach Hause zu kommen…

Wie blauäugig von meinen Eltern zu glauben, ich würde es während der Schulzeit schwimmen lernen.

Aus Ermangelung geeigneten Bildmaterials aus dem Grundschulschwimmunterricht nehme ich einfach Bildmaterial aus dieser Zeit, unter anderem mein Einschulungsfoto.

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

5 Kommentare zu “Blogparade: Weiß/Blau – Blau/Weiß: Das Weiße muss in das Blaue

  1. übrigens, vorgestern schrieb Helmut Achatz über „Was Impulskontrolle mit Rente zu tun hat – un d weiß-blau mit Altersvorsorge“ http://vorunruhestand.de/2017/04/was-impulskontrolle-mit-rente-zu-tun-hat-und-weiss-blau-mit-altersvorsorge/

  2. So richtig zum Nachempfinden – hab’s von Anfang bis Ende gelesen, mit einem Schmunzeln

  3. Tolle Fotos, schön geschrieben und so wahr. Das Schlimme ist, es hat sich bis heute nichts geändert, meinen Kindern habe ich sehr früh schwimmen beigebracht damit ihnen das erspart bleibt.

  4. Super Idee zum Thema, fein umgesetzt 😉👍🏊

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