Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

ZEB – Ziemlich einsame Bahnen. In Niederbayern

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Natürlich steht die Abkürzung ZEB nicht für „Ziemlich einsame Bahnen“. Das wäre ja auch noch schöner – fast schon zu schön, um wahr zu sein.
ZEB heißt das Schwimmbad, in dem ich heute mal drei Kilometer heruntergespult habe. Genauer: Zwieseler Erholungsbad.
Klar: Man kann zwei Stunden quer durch Niederbayern nach Zwiesel fahren, nur, um dort schwimmen zu gehen. Dort, inmitten des bayerischen Waldes, in zauberhafter Landschaft und strukturschwachem Gebiet an der tschechischen Grenze war früher die Welt mit Brettern zugenagelt. Ist lange her.
Heute gilt der Bayrische Wald vor allem als Urlaubsidyll. Und damit paart er sich bei mir unweigerlich mit deutscher Michel-Mentalität: Wanderstöcke (Nur einer, geschnitzt, mit vielen Wappen beschlagen), grauem Filzhütchen und Lodenjacke. Für mich galt immer: Wer i Urlaub auf Nummer sicher und gar kein Risiko eingehen will, der fährt eben in den bayerischen Wald, nicht nach Bali und nicht auf die Bahamas, nicht nach Bibione und schon gar nicht nach Berlin.
Hier ist alles so schön aufgeräumt, man kann überall die Speisekarten lesen (es gibt deftige Schweinsbraten statt undefinierbare Gemüse oder Tierteile) und Wald satt – frische Luft und langsamer laufende Uhren. Zur Not versteht man den Arzt, wenn man denn einen braucht. Und die Versichertenkarte gilt auch. So in etwa sind meine Klischeevorstellungen, wenn ich an den Bayerischen-Wald-Urlauber denke. Und nun fahre ich selbst dahin.
Zum Schwimmen. Und nichts sonst; zumindest nicht, um dort meine Ferien zu verbringen.

So ganz stimmt das nicht. Ich fahre nicht nach Zwiesel, um das ZEB kennenzulernen. Ein Freund hat sich über ein Onlineportal dort ein Auto gekauft, das er nun abholen muss. Also braucht er wen, der mit ihm dahin fährt. Nach Zwiesel sind es zwei Stunden mit dem PKW oder fast eine Halbtagesreise mit Bussen und der Bahn. Da fährt man an seinem freien Tag doch gerne ins Grenzland und gibt sich hilfsbereit.
Warum auch nicht?
Aber ich mache einen Plan. Wir werden an mehreren Städten vorbeikommen, in denen es Schwimmbäder gibt. Irgendwo auf dem Rückweg werde ich anhalten und ein paar Bahnen ziehen.
Aber das machen wir gleich in Zwiesel. Denn auch der wackere Autokäufer, den ich vorgewarnt hatte, hat seine Sporttasche dabei und so finden wir uns unvermittelt vor dem ZEB wieder und scheitern am Kassenautomat.
Der will unser Geld nicht und uns auch keine Eintrittskarten verkaufen, weil wir eine elementare Regel wieder mal nicht beherzigt haben. Also zeigt uns der Automat einfach nur die kalte Schulter: Versuche nie in ein Schwimmbad zu kommen, dass noch gar nicht geöffnet hat.
Also trollen wir uns, als eine freundliche Zwieselerin uns darauf hinweist, dass das Bad erst um 12.30 Uhr aufmacht, zunächst in das Stadtzentrum, nehmen einen kleinen Imbiss zu uns(wir waren ja auch wirklich lange unterwegs) und sind 40 Minuten später wieder am ZEB.
Und schon geht der Thrill weiter.
In fremden Schwimmbädern ist immer alles so anders. Fremd eben.
Wo muss man hin? Hat man einen festen Spind oder darf man frei wählen? Wie ver- und entriegelt man den Spind, braucht man einen Euro oder zwei – oder geht das elektronisch? Darf man mit Paddeln schwimmen und seine Trinkflasche an den Beckenrand stellen?
Unüberhörbar dröhnt im Umkleidetrakt Jon Bon Jovis It’s my life. Kenn ich. Wenigstens was. Überrascht stelle ich fest, als ein Verkehrshinweis folgt, dass man auch in Zwiesel Antenne Bayern empfangen kann und offensichtlich auch hört. So weit in der Fremde bin ich also gar nicht.

Trotzdem: Man kann ja so viel falsch machen in der Fremde – und sich blamieren. Niemand ist da, der uns einweist. Alles müssen wir alleine erkunden. Furchtbar.
Doch: Oh Wunder. Wir geraten ohne größere Verirrungen tatsächlich in die Schwimmhalle. Paddle lasse ich angesichts des kleinen Beckens von vier Bahnen und den vielen Menschen lieber gleich in der Tasche. Das provoziert nur Ärger.
Die Trinkflasche stelle ich auf die Bank, Flaschen am Beckenrand werden auch nicht überall geduldet und man will ja als Gast nicht gleich einen Anschiss vom Schwimmmeister kassieren.
Etwa zehn Leute, die alle deutlich die 70 überschritten haben und einige Mittsechziger dümpeln gemütlich hin und her, eine Frau krault. Nicht schnell aber konsequent. Neben ihr platziere ich mich im Becken und starte.
Respektvoll und mit gebührendem Abstand gleiten wir aneinander vorbei während ein paar Brüstler besorgt von mir abrücken, für sie ist das Kraulschwimmen offensichtlich störend. Wenigstens echauffieren oder beschweren sie sich nicht. Könnte ja sein, dass man in einem Erholungsbad nichts anderes darf als sich zu erholen – und es ist Ansichtssache, ob damit gemütliches Herumtreiben oder Bahnen kloppen gemeint ist. Aktuell wäre ich in einer eklatanten Minderheit.


Während ich eine 25er Bahn nach der nächsten schwimme, leert es sich langsam das Becken im ZEB. Einige Besucher wandern ab ins Außenbecken, das allerdings zum Schwimmen nicht geeignet ist, andere in den Whirlpool und einige ins Dampfbad. Ich schwöre: Das liegt nicht an mir.
Nach eineinhalb Kilometern sind wir zu dritt, zwei andere Männer kraulen mit mir. Nach zwei Kilometern bin ich alleine im Wasser und schwimme ziemlich einsame Bahnen. Nach zweieinhalb Kilometern kommt ein Kinderschwimmkurs und ich registriere, dass es also offensichtlich auch in diese Luftkurort nicht nur Pensionäre, Glasbläser und Michel-Urlauber im fortgeschrittenen Alter gibt. Man ernährt sich wohl nicht nur von Luft. Liebe gehört wohl auch noch dazu…
Nach drei Kilometern soll es das für mich gewesen sein. Auf mich warten noch zwei Stunden Rückfahrt und Spargel zum Abendessen.
Uns drängt es zurück in die Metropolenregion München, wie es großkopfert schon in Dingolfing an der Autobahn steht. Zwar ist München noch über 100 Kilometer entfernt, wie gleich darauf das nächste Schild kund tut, aber wer wollte nicht mit dieser vornehmen Adresse strunzen?
Vor allem, wenn man noch in Niederbayern ist?


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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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