Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Schichtwechsel

3 Kommentare

Es ist kurz vor 18 Uhr. Unschlüssig stehe ich am Ufer des Wörther Weihers.
Soll ich – oder soll ich nicht.
Als ob die Entscheidung von mir abhänge würde.

Genauso unentschlossen wie ich zeigt sich der Himmel. Kommt das Gewitter nun oder zieht es weiter?
Irgendwann ist meine Geduld zu Ende. Wenn sich das Gewitter nicht in fünf Minuten verbindlich äußert, gehe ich ins Wasser.
Schließlich: Noch immer sind Familien auf der Liegewiese, Kinder spielen am Ufer, am Kiosk sitzen Menschen und trinken ein Feierabendbier. Von vorgewitterlicher Aufbruchstimmung ist keine Spur zu merken.
Nach Ablauf des Ultimatums lugt die Sonne hervor.
Na bitte – geht doch.
Zwei Frauen kommen – offensichtlich auch schwimmbegierig. Das ist gut. Die können mir, wenn ich mich etwas beeile, gleich den Neoprenanzug schließen.
Während sich die Frauen nur im Bikini ins Wasser wagen, gehe ich natürlich wieder in Pelle. Aber ich will auch ein Stündchen drin bleiben – und die beiden nur 10 Minuten, wie sie mir erzählen.
Das müsse, so die eine, müsse jetzt sein. Die Hitze des Tages abspülen.
Was, wenn es erst mal richtig Sommer ist, frage ich mich, deponiere meine Paddle und den Pullbuoy auf dem Steg der Wasserwacht und schwimme die erste Runde.
Auf halber Strecke klatscht es plötzlich neben mir, ein Teenager hat sich aus einem Baum ins Wasser fallen lassen – sehr witzig.
Ein Stück weiter spielen Kinder auf dem Kies. Sie werfen Steinchen ins Wasser, ein paar Größere werfen auch größere Steine, sie sehen mich, ich sie und ich ahne, dass jetzt wieder Steine in meine Richtung fliegen. Das ist nicht das erste Mal, dass ich das erlebe. Es scheint mittlerweile in Mode gekommen zu sein, dass Eltern ihren Kindern keinen Einhalt mehr gebieten, wenn diese solch einen Unfug treiben.

Nachdem ich die erste Runde absolviert habe, hole ich am Steg die Paddle. Zwei Jungen im Grundschulalter sitzen mittlerweile dort.
Der eine fragt, was ich da mache, und ich erkläre ihm, dass ich schwimme. Das wollte er nicht wissen, er meinte, was das mit den Paddeln wird. Auch das erkläre ich ihm, als er mir plötzlich erzählt, dass am anderen Ufer ein toter Fisch liegt.
„Dem hängt alles aus dem Bauch“, ergänzt der größere Bruder.
Der Kleinere dreht sich, um in Richtung Kadaverfundort zu deuten und kickt dabei unabsichtlich meinen Pullbuoy ins Wasser. Ich fische ihn wieder heraus und lege ihn auf den Steg.
„Was ist das? Was machst Du damit?“ fragt er, um sich gleich von seinem Bruder belehren zu lassen, dass er mich, den Fremden, gefälligst mit Sie anreden müsse.
Ich erkläre dem Jungen die Funktion des Pullbuoys, als der ältere plötzlich verkündet, dass er jetzt die Füße ins Wasser hängen wird. Die Schuhe hat er schon abgestreift.
„Dann zieh aber die Socken aus“, rate ich ihm und ärgere mich im gleichen Augenblick. Halte ich das Kind für so blöd, dass er das nicht selbst weiß?
Und selbst, wenn er das nicht tut; was geht mich das an, wenn er hinterher nasse Socken und Füße hat?
Ich an seiner Stelle hätte so klugscheißerische Ratschläge gehasst, noch dazu von Fremden Erwachsenen.
Der Kleinere fragt, ob er den Pullbuoy mal ins Wasser werfen darf.
„Klar, wenn Du ihn auch wieder rausholst.“
Das verspricht er hoch und heilig und ich mache mich auf den Weg.
Kaum 100 Meter bin ich geschwommen, da kommen mir Zweifel.
Was, wenn er den Pullbuoy ins Wasser wirft und ihn mit seinen kurzen Armen nicht mehr herausholen kann?
Wenn der Große ihn ausschimpft, was für eine bescheuert Idee das war, das Teil ins Wasser geworfen zu haben. Jetzt soll er selbst zusehen, wie er den wieder rausbekommt.
Derweil der Pullbuoy immer weiter außer Reichweite treibt (es reichen ja wenige Zentimeter unter den Steg), droht ihm der Bruder, was er gleich für ein Theater bekommen wird, wenn der Schwimmer (also ich) zurück bin. Und überhaupt: Er wird alles Mama erzählen. Dass er auch immer so idiotische Ideen hat…
Der Kleine heult Rotz und Wasser. Niemand ist da, der ihn tröstet, niemand der ihm den Scheiß-Pullbuoy aus dem Wasser holt. Und je mehr er weint, umso wütender schimpft sein Bruder auf ihn ein. Denn eigentlich ärgert er sich nur über sich selbst, weil er zwar die Socken ausgezogen, die Hose aber nicht weit genug hochgekrempelt hat. Nun ist sie unten ganz nass – und auch das gibt einen Anschiss daheim.
Mit allerlei bedrückenden Phantasien Gedanken absolviere ich Runde zwei. Fast möchte ich abkürzen und das Kind aus seiner Not befreien. Ich bilde mir ein, dass ich zumindest das Tempo steigere.

Als ich zurückkomme, sind die Jungs weg. Der Pullbuoy liegt auf dem Steg.
Schichtwechsel.
Eine Gruppe junger Erwachsener sitzt nun dort – alle haben die Beine im Wasser hängen. Sie trinken Bier, essen Salzgebäck und diskutieren angeregt in Englisch. Einer fragt mich, ob ich vielleicht ein Foto von ihnen machen könnte. Er drückt mir sein Handy in die Hand und vergisst auch nicht, mich zu bitten, es nicht ins Wasser fallen zu lassen. Ich nicke verständnisvoll und erspare mir den Scherz, so zu tun, als gleite mir das Handy aus der Hand. Solche Aktionen enden bei mir meistens genauso, wie sie es nicht sollten.
„Ja, ja, die Handy-Generation“, meint eine Frau aus der Gruppe, „immer wollen wir Bilder.“
Ich nehme das Gerät, mache gleich 10 Bilder und begründe das damit, dass sie so die Auswahl hätten, weil immer einer dabei ist, der findet, dass er auf dem Foto blöde schaut, wenn man nur eines macht.
„Schick mal weiter“, drängen die anderen. „Yes, please share the pictures“, tönt es in Englisch.
Ein kurzer Blick zum Himmel: Das Gewitter hat endgültig aufgegeben und sich verzogen.
Ich verabschiede mich und starte die dritte Runde.
Leer ist es mittlerweile auf der Liegewiese. Auf den Bänken am Ufer sitzen ein paar Pärchen und starren versonnen auf das spiegelglatte Wasser, das sich nur leicht kräuselt, wo ein einsamer Schwimmer krault.
Ein Golden Retriever, der von seiner Halterin gewässert wird, nimmt keine Notiz von mir, obwohl ich in kurzem Abstand an ihm vorbeischwimme. Sehr angenehm.
Plötzlich riecht es fischig – übel fischig. Ich weiß jetzt, wo der Kadaver am Ufer liegt und müffelt.

Runde drei beende ich am Steg, wo noch immer die Gruppe sitzt. Alle starren auf ihre Handys. Vielleicht suchen sie aus den Fotos das einzige heraus, auf dem sie nach eigenem Dafürhalten nicht bescheuert aussehen, um es in die digitale Welt zu versenden.

Bei der vierten Runde und einem Extrasprint quer durch den Weiher bemerke ich den nächsten Schichtwechsel. Die Spätschwimmer kommen. War ich gerade noch allein im Wasser sind auf einmal wieder drei oder vier andere Menschen unterwegs. Längst werfen die Bäume lange Schatten, die Sonne ist fast hinter ihnen verschwunden.

Später am Ufer werde ich, als ich mich abtrockne, Zeuge der Diskussion zweier Frauen, ob das Wasser nun 18°C oder nur 16°C hat. Hinein wollen beide nicht, sie stehen bis zu den Knöcheln im Nass und wissen nicht recht weiter.
Erst als ein Mann ihnen vom Plateau der Wasserwacht aus „Nun mal hopp“ zuruft, fassen sie sich ein Herz.
Könnte auch von mir sein, denke ich.
„Hopp, hopp! Wärmer wird es heute nicht mehr.“

 


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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

3 Kommentare zu “Schichtwechsel

  1. Da erlebst du ja was am Weiher. Und in den Kommentaren auch …

  2. Was schreibst du nur für einen scheiss, wohl ohne Frau und Kind und ev Beamter.?

    • „Was schreibst du nur für einen scheiss“ – musst Du nicht lesen.

      „wohl ohne Frau und Kind“ – doch beides vorhanden.

      „und ev Beamter.?“ – mitnichten.

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