Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Lesetipp (Teil 1): „Wir Wochenendrebellen“ von Mirco von Juterczenka

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Offen gestanden: Ich kann Jason verstehen. Als er das erste Mal mit seiner Familie ein Fußballstadion besucht und ein Bundesliga-Spiel anschaut, hat er noch keinen Lieblingsverein.
Wie auch?
Aber wie soll er jemals einen finden, denn wenn man sein Herz an einen Verein hängt, dann muss man vorher alle kennengelernt haben. So sieht Jason das. Dazu aber reicht es nicht, die Mannschaft in ihrem jeweiligen Heimstadion zu besuchen. Man muss sie auch auswärts erleben. Und das Spiel darf nicht mit einem Unentschieden enden. So sind die Regeln.

Regeln sind das, was Jasons Leben bestimmen – selbst gemachte Regeln, starre Prinzipien, die auf Gedeih und Verderb eingehalten werden müssen, für deren Einhaltung er seine Eltern verantwortlich macht, und sei es noch so schwierig bis unmöglich. Und trotzdem bricht es bisweilen aus ihm heraus: Der klassische Meltdown, die Kernschmelze, die vollkommene Überladung.

Denn Jason ist Asperger-Autist.
Als sein Vater ihm verspricht, mit ihm so lange die Stadien zu bereisen, bis Jason seinen Lieblingsverein gefunden hat, merkt er schnell, auf welch Wagnis er sich da eingelassen hat. Denn das ist mittlerweile viele Jahre her. Und noch immer touren Vater und Sohn Wochenende für Wochenende durch die Stadien sämtlicher Ligen. Denn Jason hat noch keinen Lieblingsverein gefunden.
Aber er hat seinen Vater ernst genommen, und das Versprechen wörtlich. Das hätte sein Vater Mirko wissen können – nein: Das hätte er wissen müssen.
Wir Wochenendrebellen beruht auf einem Blog, das ich schon seit längerem lese. Dort erzählt Mirco von Juterczenka schon seit Langem von diesem Groundhopping – und von der besonderen Herausforderung, mit einem autistischen Kind die Lande zu bereisen. Und das ist nicht immer einfach, um nicht zu sagen, bisweilen stellt es eine enorme Herausforderung dar.
Das Buch nun konzentriert sich viel mehr auf diese Vater-Sohn-Geschichte als auf die Groundhopping-Anekdoten, und das ist auch das richtige Konzept. Besonders erwähnenswert: Es gibt auch ein wunderbares Kapitel einer Danksagung an Jasons Mutter und kleine Schwester gibt, die das ganze Projekt ebenfalls unterstützen, indem sie den beiden den Rücken frei halten und oft Unmögliches möglich machen, nur damit Jason und sein Vater kreuz und quer zu den Stadien reisen können.

Es ist ein Buch, das wegzulegen schwer fällt – auch wenn man (was in meinem Fall nicht so ist) kein Vasall von König Fußball ist. Klar: Wenn man sich ein wenig mit Vereinen und deren Fankulturen auskennt, dann hat man ein noch größeres Lesevergnügen. Wenn nicht, dann lernt man das eben unterm Lesen.
Dass man aber enorm viel über das Leben eines Autisten erfährt, ist gewollt. Auch, wenn Jason im sich unendlich breit zeigenden Autismus-Spektrum auch nur ein Einzelfall ist, räumen die Wochenendrebellen mit den vielen unsäglich falschen Vorstellungen über Autismus auf. Jason ist kein RainMan.
Zwar wäre es genauso töricht, sein Leben für andere Autisten zu verallgemeinern, aber viele Symptome und Verhaltensauffälligkeiten, von denen sein Vater schreibt, dürften Menschen mit Autisten im Umfeld sehr bekannt vorkommen.
Und ja: Viele seiner selbst gesetzten Regeln und Gewohnheiten klingen für mich absolut überzeugend, logisch und nachvollziehbar, wenn bisweilen auch sehr eigen.

Es ist kein Spoilern, wenn man verrät, dass der Junge bis heute keinen Lieblingsverein gefunden hat. Und trotzdem fiebert man gelegentlich mit, hofft, er würde sein Herz auf der Dortmunder Süd verlieren, fürchtet sich, es könne im Münchner Gummiboot bei den Bayern oder noch schlimmer in Herne-West in der Turnhalle der Blauen liegen bleiben. Denn es sah wohl kurzzeitig so aus, als würde Jason, der ohnehin ein kompliziertes Leben führt, zudem noch Schalker werden.

Wir Wochenendrebellen ist ein Buch, das leider einen entscheidenden Nachteil hat: Es endet irgendwann. Was ärgerlich ist, weil man sich an die Figuren sehr schnell gewöhnt hat – so schnell, dass ich das Buch in Rekordzeit gelesen habe… und ich mag das nicht, wenn ich Leute gerade erst kennengelernt habe, dass sie mir schon wieder weggenommen werden. Aber das Blog wird ja – hoffentlich – weiter erzählen.


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Mirco von Juterczenka: Wir Wochenendrebellen: Ein ganz besonderer Junge und sein Vater auf Stadiontour durch Europa

Gebundene Ausgabe: 244 Seiten / Verlag: Benevento / Erschienen: 24.08.2017 / Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3710900174 / ISBN-13: 978-3710900174
Gebundene Ausgabe: 20.00 € / Kindle-Edition: 15,99 €



Alle Lesetipps:

Teil 1: Wir Wochenendrebellen von Mirco von Juterczenka

 

Teil 2 über „Rheines Wasser“ von Andreas Fath folgt in einigen Wochen

 


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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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