Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Zurück in der Halle – und sich dem Schicksal geschlagen geben

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„Ich kann es Dir gleich sagen“, raunt mir das Schicksal zu. „Du wirst Dich an die Halle erst wieder gewöhnen müssen.“
„Ach, so schlimm ist das nicht“, wehre ich ab. „Ich will ganz offen sein. Ich war schon mal am 1. September in der Halle. Da war das Wetter superschlecht. Und am 11. August auch. Ich bin also nicht ganz entwöhnt…“
Das Schicksal lacht.  „Ja“, räumt es ein. „Aber trotzdem. Es ist etwas anders. Denn jetzt gehen sie wieder alle in die Halle. Und das tun sie im Sommer nicht…“

„Mir egal, das wird schon“, reagiere ich trotzig. Ich glaube nicht an die Macht des Schicksals.
„Abwarten!“ raunt drohend es drohend und schweigt rechthaberisch und mit vorauseilender Genugtuung.
Ohne mir Angst eingejagt zu haben, folge ich dem Fußweg vom Parkplatz zum Hallenbad Giesing-Harlaching.

Es ist aus der Fülle der Optionen das Einzige, das momentan geöffnet hat. Ich zücke meine M-Bädekarte, die mir vergünstigten Eintritt gewährt und auch mal wieder mit Geld aufgeladen gehört, und bin flugs im Gebäude verschwunden. Da ich den Plan zuvor studiert hatte, weiß ich, dass die eine Sportbahn von einem Verein belegt ist, aber die andere ist frei. Das ist nicht immer so, wenn die auch blockiert ist, dann wird es dort im Restbecken mehr als eng. Aber so ist es eben heute nicht – und zu meiner Freude sind nur zwei Personen auf der Sportbahn. Mit mir dann drei.

Ich streife die Totenkopfkappe über, setze meine Chlorbille auf und platziere die Paddel des Todes am Beckenrand. Die 25 Meter lange Bahn ist schnell geschwommen, die zweite und die dritte auch. Es dauert etwa 15 Bahnen, dann zieht sich eine Schwimmerin von der Bahn zurück. Das hat offensichtlich den Grund, dass ein weiterer Schwimmer sich zu uns gesellt hat und wir nun zu dritt ein zwar moderates Tempo anschlagen, aber dies recht resolut. Da kommt sie, die gern auf Rückenlage und Brust wechselt und vor allem im flacheren Bereich Aqua Walking betreibt, nicht mehr mit. Es ist konsequent, dass sie geht, ich empfinde nicht mal ein schlechtes Gewissen, dass wir sie gemeinsam versdrängt haben. Eine Sportbahn ist kein Aqua Walking Bereich, bei aller Liebe nicht.
Alles könnte perfekt sein, ich drehe dem Schicksal eine lange Nase. „Ist doch alles prima hier!“ grinse ich frech.
Da schlägt das Schicksal zurück. Auf die Nase. Zumindest im übertragenen Sinne.
Es schickt uns einen Mittsiebziger, ein dürres Klappergestell von Mensch, das aber der Meinung ist, die Sportbahn wäre für seine Ambitionen die Richtige. Mühsam kämpft er sich mal brüstelnd langsam mal kraulend in extremer Sinklage von einem Ende des Beckens zum anderen, verschnauft dann stehend am Beckenrand ein paar Minuten und zuppelt sich seine schwarz-weiße Chiemsee-Badehose zurecht. Nicht annähernd füllt er die Trunks aus, die Buxe schlabbert so sehr an ihm herum, dass es eine Größe kleiner auch getan hätte… wenn es denn diese gibt.
Ich denke ein paar Bahnen darüber nach, dass die Schere zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, zwischen der eigenen Einschätzung der Fähigkeiten und die durch andere, bisweilen sehr weit ausseinander gehen kann und der Begriff  Sportbahn sicher auch die anzieht, die sicher eben dort nicht hingehören, zumindest dann nicht, wenn auf selbiger reger betrieb herrscht. Schwimmer, die halb so alt sind wie ich, machen sich vielleicht ähnliche Gedanken über mich und meine irrtümliche Anwesenheit auf der Sportbahn wie ich über diesen Mann. Sicher sind die der Ansicht, dass ich doch vielleicht auch ins „Restebecken“ gehöre, im Münchner Olympiabad mag das so sein und das zu Recht, aber hier eben nicht.
Nun wäre es keine Kunst, ihn auf der Bahn zu überholen, was wir gelegentlich tun, oder ihn am Beckenrand während der Wende hinter uns zu lassen. Aber das vereitelt er Würde er nur einen Funken Überblick besitzen und nicht einfach immer starten ohne darauf zu achten, ob gerade einer kommt und er vielleicht den noch vorbei lässt, wäre viel gewonnen. Aber so ist es nicht. Er startet, als führe er auf die Autobahn und dann gleich auf die linke Spur ohne sich darum zu kümmern, ob da gerade einer kommt – und vor allem, ohne selbst einen Gang raufzuschalten und das Gaspedal durchzutreten.

Aber das Schicksal meint es noch härter mit mir. Es will mir ja was beweisen. Und darum bekomme ich wie gesagt eins auf die Nase.
Der ältere Mann lässt nämlich keine Gelegenheit aus, allen Menschen, die ihm nahe kommen, etwas mitzuteilen, was niemand wissen will. Und da ich ihm zwangsläufig bei einer Wende, während er selbst schnaufend am Rand steht, nahe komme, weiß ich, was sicher schon längst alle anderen auch bemerkt haben: Er hatte heute ein vorzügliches Mittagsmahl, welches dermaßen angereichert mit Knoblauch war, dass er den Duft der Gewürzpflanze aus jeder einzelnen Pore verstömt. Und der verführerische Duft frischen Knoblauchs verwandelt sich sehr zu seinem Nachteil, wenn er einmal in den menschlichen Körper gelangt ist und aus diesem wieder hinaus diffundiert.

Nun denke ja niemand, dass man während des Schwimmen solche olfaktorischen Belästigungen nicht wahrnimmt. Im Gegenteil. Gerüche verbreiten sich meiner Erfahrung nach direkt über der Wasseroberfläche besonders intensiv und werden selbst bei Mundatmung wahrgenommen, was die Sache besonders unangenehm macht. Und der Kerl stinkt, dass es einem die Schuhe ausziehen würde, hätte man denn welche an.
Den letztzen Kilometer schwimme ich unter Hardcore-Bedingungen, dann hat der Mann genug von seinem Aroma verströmt und zieht sich zurück. Allerdings bin ich auch mit dem Pensum fertig – ich muss mich beeilen, denn nachher geht es noch mit Freunden zu einem Dreikönigstreffen der besonderen Art.

Und da Sport hungrig macht, werde ich wahrscheinlich auch etwas essen.
Spaghetti wären fein. Aglio e Olio vielleicht?
Weil ich ja morgen bestimmt wieder schwimmen gehe. Dann werden wir ja sehen, was das Schicksal dieses Mal für mich bereit hält.

 

 


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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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