Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Lesetipp (Teil 2): „Rheines Wasser“ von Andreas Fath

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Was treibt einen Menschen an, einen Fluss von der Quelle bis zu Mündung abzuschwimmen?
Ist es eine spinnerte Idee oder eine geniale?
Noch dazu, wenn der Fluss hoch in den Alpen entspringt, zu einem reißenden Wildwasser wird, dann immer gemächlicher fließt und schließlich zu einem breiten Strom wird – einem der meist befahrenen Gewässer Europas.
Andreas Fath wollte es so – also schwamm er den Rhein hinunter – zumindest da, wo er konnte, fast überall, bis auf Staustufen, Kraftwerkswehre, den berühmten Rheinfall und Hafeneinfahrten. 1231 Kilometer. Einen Sommer lang.
Nun ist Andreas Fath nicht etwa Profischwimmer, eher ein leidenschaftlicher, kämpferischer Amateur. „Als Langstreckenschwimmer habe ich eine geradezu leidenschaftliche Beziehung zum Wasser entwickelt“ sagt Fath, der mittlerweile auch in den USA den Tennessee-River auf 1.049 Kilometern durchschwommen hat, von sich selbst auf seiner Internetseite.
Er ist Chemiker, Hochschulprofessor und in dieser Eigenschaft mit der Thematik der Gewässerverschmutzung beschäftigt.
Als er 2014 den Rhein entlang schwomm und daraus eine Vortragsreihe und ein Buch machte, war das Projekt von Anfang an ein Hybrid: Mit dem Schwimmen auf die Gewässerverschmutzung aufmerksam zu machen, Waserproben zu entnehmen und in Laboren analysieren zu lassen, was nun wirklich dran ist am Gerücht, wie dreckig das Rheinwasser ist, und was nun wirklich drin ist – was mit ihm mitschwimmt.
Für die einen mag es die Stärke des Buches sein, für die anderen die Schwäche. Denn es changiert zwischen erlebtem Schwimmen und wissenschaftlichen Betrachtungen eines Chemikers, die allerdings so geschrieben sind, dass sie allgemein verständlich sind. Das ganze Projekt ging nicht ohne Aufhebens, aber das war auch so gewollt: Schließlich musste Fath seine Sponsoren bedienen, die die Forschung am Wasser mitfinanzieren. Und die bedient er auch „post mortem“ noch im Buch. Das ist legitim, aber verleitetet mich dazu, immer wieder einige Seiten nur diagonal zu lesen. Zwar bin ich an Umweltthemen interessiert, aber irgendwann reicht es dann auch – ich habe begriffen, welche Chemikalien im Rhein mitschwimmen, welche Phramazeutika in welchen Dosen nachgewiesen wurden und welche Folgen das für die Ökologie hat. Etwas weniger Dozieren hätte es auch getan, aber Fath ist Hochschulprofessor und kann wohl deshalb nicht anders als die gute Sache mit dem guten Zweck zu verbinden und darüber zu belehren.
Ich wollte die Geschichte vom Schwimmen lesen: Von der Vorbereitung, vom Kampf gegen Behörden, die Genehmigungen verweigern, von den Erlebnissen im Wasser neben der Fahrrinne der großen Frachter und Ausflugsschiffe, vom Zwang, sich zu motivieren, von schönen und von schaurigen Momenten – und vom großen Endorphin-Rausch, wenn die Nordsee erreicht ist. Was isst man während dieser Zeit, was trinkt man? Wie ist es, wenn einen Krämpfe oder Erkältungen einholen? Wie sichert man die Wegstrecke ab und wie weit kommt man eigentlich am Tag. Und was macht man am Bodensee, den ja der Rhein durchquert? Schwimmt man den auch?
All das liefert das Buch auch, und das hat es für mich letztlich lesenswert gemacht, irgendwann ist man geübt genug, gelegentlich diagonal zu lesen, um dann wieder einzusteigen, wenn Fath ins Wasser steigt und schwimmt.
Es beantwortet die Frage, die ich mir immer wieder stelle, wenn ich am Ufer eines Flusses oder Sees stehe: wie wäre es, hier zu schwimmen?
Und am Rhein habe ich schon oft gestanden.

Dank Andreas Faths Buch weiß ich das jetzt. Denn selbst würde ich das nicht wagen – es stehen genug Verbotsschilder am Ufer in der Höhe vom Drachenfelsen (Foto). Und das aus gutem Grund. Das Poltern der Felsbrocken am Flussgrund, die von der Strömung bewegt werden, werde ich nie zu hören bekommen.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich das Buch gelesen habe: Ich mag Menschen, die sich selbst Herausforderungen auferlegen, sich selbst Aufgaben stellen, von denen nicht klar ist, ob sie sie bewerkstelligen können. Das ist, so sagt meine Frau: „Typisch Mann! Aus allem einen Wettkampf machen – oder als Challenge gegen sich selbst antreten. Sich und allen anderen immer etwas beweisen müssen.“
Mag sein, dass sie damit Recht hat.  Aber ich sehe nichts Schlechtes darin, im Gegenteil. Es ist hochmotivierend, Dinge zu tun, die anderen vielleicht als unmöglich, vollkommen absurd, bescheuert oder waghalsig erscheinen mögen.
Und weil ich das selbst viel zu selten praktiziere, nehme ich eben teil an solchen Projekten – und lese darüber und lasse mich davon begeistern. Und vielleicht auch motivieren, selbst mal wieder etwas vollkommen Abwegiges auszuprobieren.
Das Leben auf dem Sofa vor dem ZDF-Fernsehgarten kommt noch früh genug.

 


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Andreas Fath: Rheines Wasser: 1231 Kilometer mit dem Strom

Gebundene Ausgabe: 224 Seiten / Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG / Erschienen 22. August 2016 / Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3446448713 / ISBN-13: 978-3446448711
Gebundene Ausgabe: 20.00 € / Kindle-Edition: 15,99 €

 



Alle Lesetipps:

Teil 1: Wir Wochenendrebellen von Mirco von Juterczenka
Teil 2: Rheines Wasser von Andreas Fath

 

Teil 3 über „Im Zelt“ von Wigald Boning folgt in einigen Wochen

 


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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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