Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Von Schmugglern keine Spur – ein Spaziergang zwischen Schleching und Kössen

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Es muss schon ein bemerkenswert intensiver Warenaustausch zwischen Bayern und Tirol gewesen sein. Ob das heute auch so ist, weiß ich nicht – ich rede von damals. Mit Damals meine ich die „gute alte Zeit“ – also nicht die Zeit, als Winter noch richtige Winter waren und wir kilometerweit durch meterhohen Schnee… lassen wir das. Das glaubt ohnehin keiner.
Damals – damit meine ich die Zeit, als die Bayern und die Tiroler von gekrönten Häuptern regiert wurden, auf der einen Seite der König, auf der anderen Seite ein Kaiser. Und die hatten natürlich zur Aufbesserung ihrer Staatfinanzen großes Interesse an diesem Handel.
Mauthäusl hüben wie drüben – Zöllner, Hand auf, Geld raus. Und dann geht es weiter.
Dass weder die Bayern noch die Tiroler davon begeistert waren und Wege suchten, die Zollstationen zu umgehen, wundert nicht. Und so schlugen sie sich zum Beispiel zwischen Schleching und Kössen abseits der Handelswege in die Berge und schmuggelten, was das Zeug hält.

Heute ist das angesichts offener Grenzen (ha ha ha – ich weiß, dass das mittlerweile ein Witz ist) und der Freihandelszone innerhalb der EU obsolet, seine Waren auf dem Buckel durch die Berge zu tragen. Die Schmugglerwege gibt es aber immer noch. Und der zwischen Schleching und Kössen ist immer noch enorm beliebt.

Jetzt allerdings bei Wanderern und Spaziergängern, so dass es an Wochenenden mit schönem Wetter dort zugeht wie auf dem Stachus. Menschenmassen brechen in Ettenhausen am Parkplatz der alten Geigelsteibahn auf und schieben ich aneinander vorbei in die Berge oder über den Schmugglerweg nach Klobenstein.

Es ist ein ausgedehnter Spaziergang ohne größere Herausforderung – einfach zu gehen und landschaftlich reizvoll. Die perfekte Abwechslung zum Schwimmen in diesem Goldenen Oktober. Der nämlich lässt es krachen – Tiefdruckgebiet Ophelia wirbelt noch immer warme Mittelmeerluft nach Bayern.
Fast meint man, der Oktober wollte auf den letzten Drücker noch so viel herausholen wie möglich, uns versöhnen mit einem Jahr, in dem der Sommer stark begann, dann aber rapide schwächelte.

„Servus“ hier, „Servus“ dort.
Menschen kommen uns entgegen, wir überholen andere Spaziergänger oder werden überholt. Man grüßt sich auf den Wanderwegen im Wald, und wenn es noch so oft ist.
Was angesichts der Witterung zeitweilig im Minutentakt passiert.
An einer Engstelle bleibe ich stehen, lasse zwei Österreicherinnen, die mir entgegen kommen den Vortritt. Die eine beschwert sich bei der anderen, dass kaum mehr einer grüßt und beschimpft die grußfaulen Deutschen aufs Vortrefflichste.
„Servus“ rufe ich ihnen entgegen und grinse sie frech an.
Die Frau hat verstanden.

Weiter geht es Richtung Klobenstein. Weit ist der Weg nicht, das Netz ist voller Wegbeschreibungen, kein Wanderführer der Chiemgau-Region, der den Schmugglerweg nicht erwähnt, daher muss ich das hier nicht wiederholend abschreiben. Gegebenenfalls finden Sie hier Chiemgau: Die schönsten Alm- und Gipfelwanderungen oder in einem anderen Wanderführer alle notwendigen Details.

Der Weg wird irgendwann schmaler, rutschiger und ein wenig steiler. Hier verläuft die Grenze, ein arg verwittertes Schild auf der österreichischen Seite informiert uns, dass der Grenzübertritt nur nur zwischen 6 und 21 Uhr gestattet ist.
Gut, dass wir das auch wissen, gut, dass es gerade mal 12 Uhr ist, als wir dort vorbei kommen.
Dann reicht die Zeit ja für ein ausgiebiges Picknick und für den Rückweg, bevor der nicht vorhandene Schlagbaum gesenkt und die Grenze wieder geschlossen wird. Im Schließen der Grenzen sind ja nicht nur die Österreicher gerade wieder besonders aktiv.

Ein Schild der Bundesrepublik Deutschland suchen wir vergeblich, auch das trotzige Schild „Freistaat Bayern“, das sonst immer direkt dahinter aufgestellt ist, gibt es hier nicht. (Nicht, dass ich das jetzt vermisse, ich stelle lediglich fest, dass dieser Grenzübergang von deutscher Seite aus unbeschildert ist).

Nicht mehr weit ist es, dann liegt das Ziel vor uns. Von einer Aussichtsstelle aus schauen wir hinunter auf die Kiesbänke am Gebirgsfluss direkt unter dem Klobenstein. Hier wollen wir Picknick machen.

Der Weg führt zur Hängebrücke, eine der 111 Orte im Chiemgau, die man gesehen haben muss. „Sie schwankt ja schon ziemlich hin und her“, heißt es in dem Buch, „und wer nicht ganz schwindelfrei ist, sollte nicht nach unten blicken.“ Als ob man mir das extra sagen müsste.

Es gestaltet sich als unmöglich, die Brücke an der Entenlochklamm menschenleer zu fotografieren. Schade, aber so ist das nun mal.
Die Kiesbänke an der Tiroler Achen sind sehr beliebt, so dass es sich zunehmend füllt. Kinder lassen Steine ins Wasser titschen, Burschen versuchen, Steine über die Achen auf die andere Uferseite zu werfen. Familien breiten Decken aus und holen Brotzeit aus ihren Rucksäcken. Viele ziehen die Schuhe aus, krempeln die Hose hoch und waten ein wenig durchs eiskalte Wasser.
Es ist ein Kommen und Gehen.
Ja – auch hier geht es bisweilen zu wie auf dem Stachus, aber trotzdem bleibt es gemütlich, nichts von der Hektik der Großstädte. War es nicht Brecht, der die Liebe der Menschen zum Land damit erklärt hatte, dass die Städte unbewohnbar geworden sind?

Nicht nur auf dem Landweg herrscht reges Treiben. Kanuten fahren die Tiroler Achen herunter, die Menschen am Ufer winken. „Servus“ schallt es aus den Kanus zurück. Auch eine Gruppe Stand-Up-Paddler zeigt ihr Können im schnell fließenden Wasser. Sie winken und grüßen nicht – verständlich, sie haben gerade angesichts der kleinen Stromschwellen und Wasserwirbel anderes zu tun.

Viele Wanderer steigen das letzte kleine Stück hinauf zum Klobenstein und dem Kircherl, andere steuern direkt den Gastgarten an.

Als die Sonne hinter den Bäumen verschwindet, wird es schnell kühl. Es ist eben doch schon Oktober. Zeit, den Rückweg in Angriff zu nehmen. Weit ist es ja nicht bis zum Auto. Ein paar Kilometer nur – und dann über Land nach Hause. Nur nicht auf die Autobahn – denn da wälzen sich die Blechlawinen der Münchner zurück zum Stachus – wo es bekanntlich zugeht wie im hochsommerlichen Freibad…

 


 

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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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