Irgendwie ein Wassermann

Einfach nur Baden gehen ist keine Alternative, da geht viel mehr…

Lesetipp (Teil 5): „Wasser und andere Welten“ von John von Düffel

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Gibt es einen Schriftsteller, der mehr und intensiver übers Schwimmen geschrieben hat als John von Düffel?
Ich wüsste spontan keinen. Er wird uns also in dieser Reihe mehrfach begegnen, denn auch andere Bücher des Schriftstellers und Dramaturgs werden in dieser Reihe noch zur Sprache kommen. Zunächst aber die Essay-Sammlung Wasser und andere Welten aus dem Jahr 2002.
Vorab: Düffel ist selbst ein begeisterter Schwimmer – und das merkt man dem Buch an. Der Mann weiß einfach worüber er schreibt.

Und da es in diesem Blog hauptsächlich ums Schwimmen geht, wird es langsam Zeit, sich in den Lesetipps diesem Thema und damit diesem Autor und eben diesem Buch zuzuwenden.
In 21 Kapiteln macht sich von Düffel Gedanken zum Wasser, viele davon kreisen ums Schwimmen zu – und jedes ist eine Liebeserklärung an diesen Sport.
Das Schöne daran: von Düffel ist kein Leistungssportler, es geht nicht um Training, um Trainingsprogramme, Wettkämpfe und Bestzeiten. Es geht um das persönliche, individuelle Erfahren, um die Sinnlichkeit und um Badehosen.
Ernsthaft?Ja. Ernsthaft!
Auf acht Seiten sinniert von Düffel im Kapitel Quao vadis, Badehose höchst amüsant über Badehosen und -shorts, über Posing und Männlichkeit, die Symbolträchtigkeit dieses Stücks Textil in Werbung und Selbstinzenierung, in „der Schwebe zwischen Verbergen und Enthüllen.“ Das mag im ersten Moment banal klingen, genauso banal wie ein Essay über eine Schwimmbrille sein könnte, aber das ist es ganz und gar nicht.
Es sind nicht nur humorige, launische aber an sich belanglose, triviale Geschichtchen, die dieser Band vereint. Im Gegenteil.
John von Düffel ist ein Meister darin, in seinen Texten einen Sport, nämlich den seinen, auf eine metaphysische, intellektuelle wie auch philosophische Ebenen zu heben und trotzdem jeden, der mehr als vielleicht 10 Bahnen am Stück schwimmt, einzufangen. Es ist dieses Sich-Wiederentdecken in dem Geschilderten, dem Erlebten wie auch dem Empfundenen, dem Gefühlten wie auch Gedachten: „Jeder, der ernsthaft schwimmt oder schreibt, hat Angst von dem, was er tut. Ihm begegnet auf den langen Strecken jedesmal die Möglichkeit des Scheiterns, des völligen Untergangs. Und da es im Wasser wie auf dem Papier niemanden gibt, keinen Menschen, außer denen, die man in sich trägt, kann einem auch niemandem zu Hilfe kommen. Jeder Schwimmer weiß das. Er weiß, daß er seinen ganzen Willen zusammennehmen muß, um in diesem Element zu bestehen, und er weiß auch, daß das nicht reicht. Letztlich ist es der Gunst des Wassers zu verdanken, wenn sich dieser Wille in Bewegung verwandelt und er mit schnellen, geschmeidigen Zügen durch das Becken gleitet, so als gäbe es keinen Widerstand zwischen dem Wasser und seiner Bewegung, so, als wären Schwimmen und Geschwommenwerden eins.“

Denn anlässlich einer Betrachtung über Goethes Ballade „Der Fischer“ macht er sich über das Geschlecht des Wassers, er kommentiert die Bäderschließungen in Berlin, spürt dem Wesen des Dramturgen nach, schildert seine Undercover-Besuche im Fitnessstudio und seine Erlebnisse, wenn er zum Schwimmen ausgerechnet in die Berge geht, statt ans Meer zu fahren. Schwimmen spielt dabei nicht immer eine Rolle, aber oft. Manchmal ist es nur eine Neben- , meistens aber eine tragende Rolle. So wie Schreiben.

Warum mir dieses und andere seiner Bücher so gut gefallen?

Es ist ein wenig schwierig zu erklären. Hier ein Versuch. Ich schwimme regelmäßig, enorm gerne und für meine Verhältnisse als Freizeitsportler relativ viel. Irgendwie kommt es mir dabei oft vor, als hetze der Körper voraus – schwimmen, schwimmen, schwimmen. Der Verstand aber hinkt ein wenig hinterher. Er möchte – nein: Er muss – genau das verarbeiten. Dem ganzen einen Sinn und einen Gehalt geben. Der Kopf schwimmt nämlich auch immer mit und will sich damit beschäftigen, was ich gerade tue.
Punktuell kann man vielleicht ausblenden, was man gerade tut. Aber eben nur punktuell. Und doch kommen immer wieder die Fragen: Was tue ich gerade? Warum tue ich das? Was macht es mit mir? Verändert es mich? Was erlebe ich? Was empfinde ich dabei?
Vieles davon versuche ich, mir selbst in diesem Blog zu verarbeiten, in Wörter zu gießen und zur Sprache zu bringen. Das gelingt nicht immer, manchmal aber habe ich das Gefühl, Leser des Blogs wissen ganz genau, wovon ich gerade rede. Sie finden sich in dem Geschriebenen wieder.
Und genauso geht es mir bei Wasser und andere Welten wie auch bei Düffels Gebrauchsanweisung fürs Schwimmen, die in dieser Reihe ebenfalls noch vorgestellt wird. Nur ist es eben anders herum. Düffel sinniert und formuliert, versammelt Gedanken und Geistesblitze – und ich nicke beim Lesen andächtig und verständig, zustimmend und finde mich im Geschriebenen wieder. Oft genug ertappe ich mich dabei, dass ich meine, Düffel würde aus meinem Inneren heraus genau das beschreiben, was ich auch sehe, erlebe, fühle. Es ist meine Perspektive – nur eben nicht mein Text. Weil er zur Sprache bringt, was ich oft gedacht, aber nie formuliert habe.
Und es kommt noch etwas dazu: Mit dem Lesen seiner Bücher holt der Kopf nach (und auf), was der Körper vorgelegt hat. Und fügt es zu einem Ganzen zusammen. Schwimmen ist eben mehr als nur Kacheln zählen.

 


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John von Düffel: Wasser und andere Welten: Geschichten vom Schwimmen und Schreiben

Taschenbuch: 136 Seiten / Verlag: DuMontBuchverlag / Erschienen am 01. Januar 2002 / Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3832178104 / ISBN-13: 978-3832178109
Taschenbuch: 9.90 € / Kindle-Edition: 7,99 €

 



Alle Lesetipps:

Teil 1: Wir Wochenendrebellen von Mirco von Juterczenka
Teil 2: Rheines Wasser von Andreas Fath
Teil 3: Im Zelt von Wigald Boning
Teil 4: Wasser: Entdeckung des Blauen Planeten von Markus Eisl, Gerhard Mansberger und Paul Schreilechner
Teil 5: Wasser und andere Welten von John von Düffel

Teil 6 über „Der kleine Wassermann“ von Otfried Preußler folgt in einigen Wochen

 


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Autor: Lutz Prauser

Mal böse, mal artig, mal bösartig. Satirisch, unabhängig, kritisch, motzig, ironisch - ganz wie es die Situation erfordert. Beobachtend, lauernd, zubeißend. Der will eben nur spielen.

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